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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Mythenbildende Anekdoten und Legenden, 1. August 2009
Dieses Buch ist nicht schlecht, aber als Klassiker der Geschichtsschreibung leider ungeeignet. Zunächst zu den Problemen dieses Bandes, der vor allem vielerlei Anekdoten und Reovolutionslegenden zu 1989 aus Berliner und Erfurter Theologenkreisen versammelt...
Gleich im Vorwort zeigt sich eine Schwäche des Autors: Er kann und will Sprache (Beschreibung) und Wirklichkeit (Beschriebenes) seines Gegenstandes nicht klar unterscheiden, ein Konzept, dass das ganze Buch durchzieht. Neubert behauptet zudem rätselhafter Weise, es sei der "Sozialismus auf den Raum der DDR beschränkt" gewesen (S. 29); er zitiert gängigste SED-Parolen falsch (z.B. "Die Lehren vom Marx sind EWIG, weil sie wahr sind" S. 29, eigentlich hieß es "allmächtig"). In seiner Abfolge der "revolutionsrelevanten" Ereignisse vergisst er sowohl die Entwicklung der Gegenkultur in Leipzig ab Januar 1988, das dortige Kontaktbüro und das geplante Kommunikationszentrum der Opposition sowie deren Verankerung in kirchlichen Strukturen (Synodalausschuß etc.) sind ihm unbekannt (obwohl er selbst ev. Theologe ist). Er versteigt sich zu absurden Legenden wie "alle oppositionellen Neugründungen gingen von Berlin aus" (obwohl er anderswo sachgemäß von den diversen Leipziger Gruppen, den Friedensgebeten, der Böhlener Plattform, der SDP, DSU etc. berichtet). Er verschweigt den Demo-Boykottaufruf von Pfarrer Eppelmann und Bischof Forck am entscheidenden 9. Oktober und erkennt (als einer der wenigen Geschichstschreiber über 1989) die Bedeutung der Leipziger Ereignisse am 9.10. 1989 auch im jahre 2009 nicht, sondern bezeichnet den Tag nach wie vor als "einen unter vielen". Auch verwechselt er die Demonstranten in Leipzig beständig mit dessen Einwohnern (S. 240), von denen meistens nur eine Minderheit auf den Straßen war. Oft setzt Neubert zudem kirchliche Gruppen und Opposition einfach gleich oder verwechselt sie (z.B. S. 175). Er missdeutet das Pfeiffkonzert beim Absingen der deutschen Hymne nach dem Mauerfall durch Brandt und Kohl am Schöneberger Rathaus und begreift die damalige Angst vieler Linker in Ost und West vor einem "4. Reich" nicht, die Mauer und Teilung als berechtigte Strafe für die Naziverbechen ansahen. Außer immer wieder erwähnten Theologenkreisen fehlt bei Neubert die außerkirchliche Opposition fast vollständig (IGM etc.) und die große Masse der Unzufriedenen auf den Straßen wird von ihm erst gar nicht als oppositionelle Kraft begriffen. Der Autor betrachtet die "Revolutionäre der ersten Stunde" von 1989 und ihre Suche nach dem "dritten Weg" immer wieder mit allerlei Häme, die heimatseligen Lieder eine gewissen Heinos jedoch rühren ihn zu Tränen...
Aber das Buch hat auch gute Seiten! Sehr schön erklärt Neubert z.B. wieso die erste erfolgreiche deutsche Revolution gewaltfrei blieb (S. 154), er übt klare Kritik an dem vielfach staatstreuen Apparat der evangelischen Amtskirchen, er beschreibt klar das Stockholmsyndrom der Opposition (die die DDR stets verbessern, nie aber abschaffen wollte). Er deutet den Mauerfall am 9. November sehr anschaulich als das frühe Ende der Leitfunktion der oppositionellen Gruppen in der Revolution - und das Kapitel über die von Neubert so genannte "Januarrevolution" von 1990, in der die SED erstmals ihre bis heute gültige Taktik ihrer Existenzbergündung als angeblich dringend nötige "antifaschistische" Kraft in Deutschland anwandte, ist brillant und wirklich neu! Auch die Legitimationsprobleme des nicht gewählten "Zentralen Runden Tischs" und dessen geschickte Instrumentalisierung durch die Modrowregierung wird von Neubert hervorragend geschildert.
Leider trifft auf Neuberts Buch in hohem Maße zu, was er auf S. 236 schreibt: "Das Gesamtbild der Opposition wurde durch ihre Intellektuellen geprägt, und so gingen andere Positionen nahezu unter..." Besonders unseriös wird es, wenn Neubert ohne Kennzeichnung Faktisches und Fiktives vermischt und z.B. über Leipzig am 9.10. (S. 137) oder die Wirkung der Wahlen vom März 1990 (S. 368) plötzlich fiktive Texte aus Romanen zitiert, um seine Thesen zu "beweisen". Fataler Weise erlaubt nicht einmal das äußert verknappte Quellenverzeichnis des Bandes einen Unterschied zwischen Akten, Sachliteratur und fiktiven Texten zu erkennen.
Neuberts Buch berichtet weder historisch genau, noch umfassend, noch nur das Wesentlichste zusammenfassend - es schwankt ständig unentschieden zwischen subjektivem Essay und Geschichtsbuch hin und her. Als persönliche Revolutionsmythologie (siehe das suggestive Wunschdenken von "unserer" Revolution schon im Titel) liest es sich streckenweise unterhaltsam, als historisches Sachbuch ist es schlichtweg unvollständig, unausgewogen und teilweise leider sogar unseriös. Glücklicher Weise gibt es im Jubiläumsjahr 2009 aber inzwischen eine beachtliche Reihe an hervorragenden Alternativen, d.h. umfassenderen und seriöseren Veröffentlichungen zum Thema!
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20 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Dieses Buch wird ein Standardwerk der jüngsten deutschen Geschichte werden, es ist authentisch und kompetent geschrieben, 5. Dezember 2008
Ehrhart Neubert, geboren 1940, war in den letzten Jahren der DDR in erheblichem Maß an der Errichtung beteiligt, da schließlich am 09.11.1989, einen wahren Schicksalstag der Deutschen, nunmehr aber, positiv, zur Öffnung der Berliner Mauer führte, jenem weltweiten Symbol der grenze zwischen den demokratischen Ländern der Freiheit und den realsozialistischen, immer weiter zusammenbrechenden Ländern der Unfreiheit und Diktatur.
Ehrhardt Neubert hat als Pfarrer in der DDR immer versucht, kleine Inseln von Freiheit und Selbstbestimmung zu schaffen und genoß so zusammen mit anderen Theologen und Nicht-Theologen bald das Vertrauen auch vieler nichtkirchlicher DDR-Bürger, als im Lauf des Jahres 1989 sich eine gewaltfreie Bürgerbewegung zu bilden begann und jede Woche, mit jeder Montagsdemonstration größer wurde.
Er war Mitglied des Initiativkreises zur Gründung des Demokratischen Aufbruchs 1989 und maßgeblich an den Runden Tischen nach der Wende beteiligt, deren Rolle beim gewaltlosen Übergang von einer Gesellschaftsform in eine andere gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Gegen Ende seines Berufslebens hat Ehrhart Neubert von 1997 bis 2005 bei der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen der ehemaligen der ehemaligen DDR gearbeitet.
So ist Ehrhart Neubert sozusagen in doppelter Weise dafür prädistiniert gewesen, die erste vollständige Gesamtdarstellung der deutschen Wiedervereinigung zu schreiben. Als direkter Beteiligter an der Organisation der immer größer werdenden Demonstrationen, dann als Mithandelnder an den schon erwähnten Runden Tischen und später, aus der historischen Distanz als Wissenschaftler, kann er über das Geschehen, das unser Land verändert hat, nicht nur spannend aus erster hand erzählen, sonder mit viel Reflexion und zeitlichem Abstand auch das Geschehen deuten, interpretieren und historisch einordnen.
Es ist auch heute noch bewegend zu lesen, wie sich aus einer Parole ´"Wir sind das Volk !" eine gewaltfreie Volksbewegung entwickelte, an deren Ende der Zusammenbruch einer kompletten Weltordnung stand.
Neubert spricht, ironisierend an andere "deutsche Wunder" erinnernd, von einem "Wunder der Wiedervereinigung" und sagt:
"Vielleicht benutzen wir dieses Wort, weil wir uns selbst zu wenig zutrauen. Nach 1989 und 1990 können wir uns jedoch etwas zutrauen, wir haben die große Gelegenheit der Freiheit, den Kairos der Nation ergriffen. Doch wenn schon von Wundern geredet werden soll, sollten wir vom Wunder der deutschen Sprache sprechen. Als wir sie im Osten und im Westen auf der Suche nach Auswegen benutzten, lernten wir wieder aussprechen, was uns am herzen und auf der Zunge lag: Deutschland."
Dieses Buch wird ein Standardwerk der jüngsten deutschen Geschichte werden, das noch in Jahrzehnten profunde Auskunft geben wird über eine Sternstunde der Demokratie in Deutschland und in Europa.
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