Es ist erstaunlich, wie positiv der ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ von vielen bewertet wird. Erklären läßt sich dies wohl nur durch die zweifellos guten schauspielerischen Leistungen der Darsteller und die Suggestivkraft der Bilder. Die Geschichte selbst und die Figuren sind jedoch alles andere als historisch authentisch, weil sie schlicht nicht repräsentativ für ihre Generation und allzu widersprüchlich gezeichnet sind. Heutige Sichtweisen und Wertungen werden in die Vergangenheit projiziert und überdies bestimmte Zusammenhänge verschwiegen, so daß insgesamt ein verzerrtes Bild der damaligen Wirklichkeit vermittelt wird.
Problematisch an dem Film ist vor allem, daß er nicht ansatzweise die prägenden Erfahrungen wiedergibt, die die deutschen Soldaten nach Beginn des Angriffs auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 machten. Der überraschende deutsche Vorstoß traf nämlich auf personell und materiell weit überlegene sowjetische Truppen, so daß die von der NS-Propaganda aufgestellte These, man führe einen Präventivkrieg, sich zu bestätigen schien. Die deutschen Soldaten kämpften also in dem Bewußtsein, einem sowjetischen Angriff gerade noch rechtzeitig zuvorgekommen zu sein.
Auf ihrem Vormarsch, vor allem im Baltikum und der Ukraine, wurden sie von großen Teilen der einheimischen Bevölkerung zunächst als Befreier vom kommunistischen Terror begrüßt. In zahlreichen Städten (etwa in Lemberg) fanden sie in Gefängnissen Tausende vom sowjetischen Geheimdienst NKWD ermordete politische Gefangene auf. Besonders brisant daran ist, daß die Einheimischen für diese Taten die mit den Kommunisten gleichgesetzte jüdische Bevölkerung verantwortlich machten, so daß es auch ohne deutsches Zutun zu schweren Pogromen kam. Auch hier schien fatalerweise die Wirklichkeit die NS-Propaganda zu bestätigen.
Eine andere prägende Erfahrung im Ostfeldzug der Wehrmacht war, daß gleich zu Beginn der Kampfhandlungen von sowjetischer Seite in Gefangenschaft geratene deutsche Soldaten (überwiegend Verwundete) bestialisch ermordet wurden, oft nach vorhergehender Folter und Verstümmelung. Im kurz darauf einsetzenden Partisanenkrieg im Hinterland der Front wurden auch immer wieder derartige Grausamkeiten dokumentiert.
All diese Dinge werden in dem Film unterschlagen. Stattdessen werden vollkommen unvermittelt deutsche Verbrechen wie die Vollstreckung des Kommissarbefehls (Liquidierung sowjetischer Politkommissare), Vernichtungsaktionen der SS-Einsatzgruppen gegen Juden, Erschießungen von Partisanen bzw. „Partisanenverdächtigen“ und ähnliches gezeigt. Es ist richtig, daß ein Film über den Rußlandfeldzug dies deutlich und in aller Drastik vorführt. Diese Verbrechen hat es ja tatsächlich gegeben. Es ist jedoch mehr als problematisch, gleich zwei der Hauptfiguren (Wilhelm und Friedhelm) als Vertreter der Wehrmacht unmittelbar in diese Vorgänge verstrickt zu präsentieren.
In Wirklichkeit waren der seriösen Forschung zufolge von während des gesamten Krieges etwa 18 Millionen deutschen Soldaten (einschließlich Angehörigen der Waffen-SS) allenfalls 5 Prozent an Kriegsverbrechen oder heute als Kriegsverbrechen gesehenen Handlungen beteiligt. Höhere Angaben dürften kaum realistisch sein. Durch den Film entsteht also ein vollkommen schiefes Bild. Zu bedenken ist dabei auch, daß die Judenvernichtung durch Erschießungskommandos und der Partisanenkrieg im Hinterland der Front überwiegend von SS- und Polizeiverbänden durchgeführt wurden, wobei sie von einheimischen Hilfstruppen unterstützt wurden. Die Wehrmacht war hieran nur am Rande beteiligt. Ebenfalls verschwiegen wird in dem Film, daß die Wehrmacht den verbrecherischen Kommissarbefehl nur zum Teil ausführte und ihn verbreitet sabotierte. Der Widerstand von unten führte schließlich sogar dazu, daß Hitler den von ihm erlassenen Befehl im Mai 1942 aufhob.
Auch sonst sind die Figuren wenig realistisch in ihrem Verhalten. Weshalb ausgerechnet der Ernst-Jünger-Leser Friedhelm innerlich Pazifist bzw. Antimilitarist nach heutigem Muster ist, obwohl er offenbar aus einem deutschnationalen Elternhaus stammt und sein Bruder Offizier ist, erschließt sich nicht. Noch weniger sein bewußter Versuch, nachts im Alarmposten mit Hilfe seiner glimmenden Zigarette feindliche Bomber auf die Stellung seiner Einheit aufmerksam zu machen und zum Angriff auf die eigene Truppe zu provozieren. Wäre er überzeugter Kommunist, könnte man eine solche Handlungsweise ja noch nachvollziehen. Aber so wie es dargestellt ist, ist das Ganze wenig plausibel.
Man muß sich klarmachen, daß die Deutschen damals fast alle Patrioten waren (wie die Menschen in so ziemlich jedem anderen Land). Es spielte letztlich keine Rolle, wie man in den Krieg hineingeraten war. Wenn so eine Auseinandersetzung erst einmal im Gange ist, geht es für jede Seite nur noch darum, sich zu behaupten und Freiheit und Unabhängigkeit des eigenen Landes zu bewahren. Es ist keineswegs so, daß nur die Anhänger des NS-Regimes im engeren Sinne sich einen deutschen Sieg wünschten. Auch diejenigen, die dem System distanzierter gegenüberstanden, wollten den Krieg auf keinen Fall verlieren. Dies gilt selbst für die Mehrzahl derjenigen, die dem deutschen Widerstand gegen das NS-Regime angehörten.
Die Motivation, Deutschland zu verteidigen, war allgemein hoch. Und gerade auf dem Kriegsschauplatz im Osten war so ziemlich jedem deutschen Soldaten klar, daß man hier gegen ein bösartiges Terrorsystem kämpfte, das bereits viele Millionen Menschen auf dem Gewissen hatte und nicht nur für Deutschland, sondern für Europa insgesamt eine massive Bedrohung darstellte, die es abzuwehren galt. Nicht ohne Grund kämpften an der Ostfront mehrere hunderttausend Freiwillige aus ganz Europa auf deutscher Seite (Franzosen, Niederländer, Skandinavier u.a.), ebenso wie mindestens eine Million Russen, Ukrainer, Letten, Esten, Litauer usw.
Letzteres wäre kaum möglich gewesen, wenn sich die Wehrmacht nicht im allgemeinen gegenüber der einheimischen Zivilbevölkerung ähnlich korrekt verhalten hätte wie in Westeuropa. Getrübt wurde das ansonsten gute Verhältnis im Osten allerdings durch die Unterdrückungspolitik der deutschen Zivilverwaltung und der SS (insbesondere die Aushebung von Zwangsarbeitern) und den sich entfaltenden Partisanenkrieg, in dem es zu für diese Art Krieg typischen Exzessen auf beiden Seiten kam. Letztlich verhielten sich die an diesen Kämpfen beteiligten Wehrmachtsteile aber nicht anders als andere Armeen in vergleichbarer Lage (etwa amerikanische Truppen im Korea- und Vietnamkrieg oder französische im Algerienkrieg).
Die Härte der Kämpfe, die Angst und Verzweiflung der Soldaten und die extremen Bedingungen insbesondere des Kriegswinters 1941 werden in dem Film durchaus eindrucksvoll und treffend wiedergegeben. Man macht sich jedoch falsche Vorstellungen, wenn man davon ausgeht, die deutschen Soldaten hätten nur widerwillig den Kampf geführt. Die Kampfmoral und die Widerstandskraft der deutschen Truppen, denen praktisch immer eine gewaltige zahlen- und materialmäßige Übermacht gegenüberstand, war trotz allem gerade an der Ostfront erstaunlich hoch, was auch von den Gegnern anerkannt wurde. Desertiert sind nur sehr wenige. Insofern ist die Entwicklung Wilhelms eher untypisch, wenn auch vielleicht nicht vollkommen unmöglich.
Sehr seltsam und unglaubwürdig ist schließlich auch die Figur der Charlotte, deren Schuldigwerden doch ziemlich konstruiert wirkt. Daß sie einerseits persönlich mit einem Juden (Viktor) befreundet ist, dann aber gezielt nach einem ersten Verdacht in den Sachen der von ihr ausgesuchten einheimischen Hilfsschwester Lilija herumsucht, sie als Jüdin identifiziert und meldet (auch wenn sie es recht schnell bereut), ist doch ziemlich unglaubhaft. Wieso sollte ein realer Mensch sich so verhalten? Hier ging es wohl darum, die idealistische Krankenschwester, die sich freiwillig zum Lazaretteinsatz an die Front meldet, auf keinen Fall zu positiv darzustellen.
Geradezu absurd ist schließlich die Szene, in der die eigentlich todgeweihte Lilija in sowjetischer Uniform wieder auftaucht und einen Rotarmisten gerade noch davon abhält, Charlotte zu vergewaltigen bzw. die Vergewaltigung abbricht. Sinngemäß mit den Worten, die Sowjetsoldaten kämen als „Befreier“ und seien „keine Vergewaltiger“ – ganz als hätte es sich nur um seltene Einzelfälle gehandelt. Hier ist die Grenze zur Geschichtsklitterung vollends überschritten. Für mich ein negativer Höhepunkt des Films. Viel schlimmer hätte man die etwa 2 Millionen von Rotarmisten vergewaltigten deutschen Frauen und Mädchen, von denen viele nicht überlebten, nicht verhöhnen können.
Die Absicht des Drehbuchschreibers, die Figur der Charlotte so darzustellen, war wohl, die tatsächliche oder vermeintliche Wirkung der antisemitischen Propaganda während der NS-Zeit vorzuführen und ihr als besonders scharfen Kontrast die edelmütige und keinesfalls auf Rache sinnende Lilija gegenüberzustellen. Charlotte muß natürlich – zumindest für einen kurzen Moment – dem „Gift des Antisemitismus“ erliegen, sonst wäre sie nach Ansicht der Macher des Films keine typische Deutsche der Zeit.
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