Tobias Wolff hat sein erstes Buch im Jahre 1975 veröffentlicht: UGLY RUMORS. Danach entstanden vorwiegend Kurzgeschichten,
seine Jugenderinnerungen,
welche mit Robert de Niro und Leonardo diCaprio verfilmt wurden,
seine Vietnam-Erinnerungen, und schließlich im Jahre 2003 sein zweiter Roman
Alte Schule. Fünf Jahre später folgte
Our Story Begins: New and Selected Stories. Eine Sammlung von zehn neuen und einundzwanzig alten Kurzgeschichten.
Warum man in der deutschen Fassung von den 31 Beiträgen nur 14 übernommen hat, die Antwort auf diese Frage bleibt der Verlag leider schuldig. Anstelle von 400 Seiten erreichen den deutschen Leser nur 224. Schade! Es fehlt zudem der Hinweis, was alt, was neu ist. Die ersten vier Geschichten standen, wenn ich mich nicht irre, bereits in dem Buch
In The Garden Of The North American Martyrs. Die verbleibenden zehn Geschichten sind anscheinend alle neu.
Während Wolff in seinen älteren Beiträgen noch mehr zu moralisieren scheint, so erwecken seine neuen Geschichten eher den Eindruck, als ob er sich mehr Zeit für die Charakterisierung seiner Protagonisten nimmt. Es werden einerseits sehr viel mehr Details erwähnt. Andererseits beschreibt der Autor meistens nur einen kurzen Zeitraum aus dem Leben seiner Figuren. Nicht so sehr die Handlung, sondern die Ausarbeitung der Eigenschaften seiner Figuren stehen im Mittelpunkt.
Beispiel: die erste Geschichte der Lehrkraft Mary. Angefangen von ihren ersten beruflichen Gehversuchen, über den Konkurs ihres Arbeitsgebers fünfzehn Jahre später, der neuen Anstellung im verregneten Oregon, bis hin zu diesem Vorstellungsgespräch in New York, bei dem sie von vornherein keine Aussicht auf Erfolg hat. Ihr Leben lang hat sie sich bemüht, nicht anzuecken, nichts Kontroverses von sich zu geben. Hat sich eine Identität erfunden, mit der sie scheinbar problemlos durchs Leben ging. Erst im Moment der Erkenntnis, dass sie nur aus formalen Gründen zum Interview geladen wurde, quasi um die Quote zu erfüllen, erst in diesem Moment wagt sie den Ausbruch aus ihrer Schutzhülle.
Ganz anders die Geschichte DIE AUSSAGE auf S. 139: Ein Anwalt in einer fremden Stadt. Ein Prozess. Er nutzt eine Unterbrechung für einen kurzen Spaziergang. Auf den folgenden zwölf Seiten werden feinste Nuancen geschildert. Zwölf Seiten für einen Spaziergang. Am Ende steht, wie in den meisten Geschichten, eine überraschende Wendung. Dass Tobias Wolff sich für offene Enden entschieden hat, zeichnet die einzelnen Beiträge aus. Er überlässt es der Phantasie der Leser, was im weiteren Verlauf passieren kann oder könnte.
Mein Fazit:
Tobias Wolff hat sich einige faszinierende Gestalten ausgedacht. Ein Anwalt, der lügt. Ein Vater, der die Lehrerin seines Jungen entführt, um zu verhindern, dass dieser von der Schule fliegt. Eine amerikanische Kunstprofessorin mit tschechischen Wurzeln, die einst (hinter dem eisernen Vorhang) ihre Freunde und Bekannten verraten hat, um sich selbst zu retten. Es sind Geschichten, die den Leser zum Nachdenken verführen, wie er sich verhalten hätte in einer ähnlichen Situation. Tobias Wolff beschreibt Erkenntnisprozesse und Entscheidungen, die durch Begegnungen, Gespräche oder unerwartete Entdeckungen verursacht werden. Letztendlich geht es um die Aufdeckung von Lebenslügen. Es sind sehr realistische Themen. Teilweise auch ernüchternd, um nicht zu sagen hoffnungslos. Kurz, knapp und präzise erzählt. Auf den Punkt gebracht. Die meisten Kurzgeschichten haben mir sehr gut gefallen. Hoffentlich erfolgt irgendwann eine vollständige Veröffentlichung dieses Buches.