Der Titel dieses Buches ist durchaus mit Bedacht gewählt, er spielt auf Hitlers "Mein Kampf" (erstmals 1922 erschienen) an. Denn in der Sicht des Verfassers setzten die Achtundsechziger "die anheimelnde Gemeinschaftsidee gegen den kühlen Strukturalismus des Verfassungsstaats. Sie folgte demselben ständischen Grundprinzip, das sich 1933 bis 1945 in der Reichsapothekerkammer, im NS-Kraftfahrerkorps, in der Reichsfrauenschaft oder im Reichsnährstand ausgetobt hatte." (S. 47)
Aly findet noch weitere Parallelen: Empiriefeindlichkeit, Voluntarismus, Romantizismus, die Verbindung von "Größenwahn mit kalter Rücksichtslosigkeit", Personenkult, Anti-Amerikanismus, Anti-Liberalismus, Kollektivismus, Verachtung des Bürgertums, etc.
In einem gewissen Sinne köstlich sind Logien von Baldur von Schirach, seit 1931 Reichsjugendführer der NSDAP und Gruppenführer der SA. "Wir hassen den Spießer. [...] Während der Revolution sitzt er im Keller seines Hauses, ist sie vorüber, steht er auf dem Boden der Tatsachen." "Die [...] Revolution marschiert. Daran werden selbst die Magnifizenzen nichts ändern können." Auch den Gender-Mainstreaming-Ton beherrschte B. von Sch. schon: "Meine deutschen Studenten und Studentinnen! Volksgenossen und Volksgenossinnen!" (Es gab im NS-Staat auch eine "Reichsschaft der Studierenden", wohlgemerkt nicht der "Studenten"!) Auch Sprüche von Dr. phil. Joseph Goebbels, seit 1933 Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, passen vorzüglich ins Bild. "Der Student darf sich nicht ziehen lassen, er muss ziehen." "Studenten und Arbeiter [!] werden das Deutschland der Zukunft aus der Taufe heben." "Rotten Sie den alten Menschen in Ihrem Hirn und Herzen aus! Nehmen Sie die Axt in die Hand und zertrümmern Sie die Lüge einer alten falschen Welt! Machen Sie die Revolution in sich! Das Ende wird der neue Mensch sein!"
Nicht nur im wichtigsten Kapitel des Buches, "Dreiunddreißiger und Achtundsechziger", stoßen wir auf solche Trouvaillen, vielmehr sind sie über das ganze Buch verstreut. Der Autor will damit behaupten und belegen, dass die Achtundsechziger Wiedergänger der 33er waren, z. T. wohl auch noch sind.
Nun muss man den Achtundsechzigern zugute halten, dass sie nicht das Rheinland besetzt, keinen Weltkrieg begonnen und keinen systematischen Genozid verbrochen haben. Von einer Losung wie "High sein, frei sein, ein bisschen Terror muss dabei sein" zu einem verbrecherischen Krieg und zu Völkermord ist schon noch ein Schritt.
Eine Überlegung, die der Autor nicht anstellt, betrifft "kontrafaktische Geschichtswissenschaft" ("counterfactual history"). Was wäre geschehen, wenn die Achtundsechziger 1968 an die Macht gekommen wären? Hätten sie massiv die Versammlungs- und die Pressefreiheit eingeschränkt? Hätten sie KZ-ähnliche Lager eingerichtet? Hätten sie ein Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Gesellschaft beschlossen, wodurch sämtliche legislative Kompetenzen der Regierung verliehen worden wären? Hätten sie auf dem Bonner Hofgarten 20000 Bücher missliebiger Autoren (Locke, Hume, Smith, Humboldt, Mill, Tocqueville, Hayek, Popper, Friedman, Albert, Scheuch, Schelsky, Lübbe) öffentlich verbrannt: "Altes verzehren - Neues gebären, segnen - verdammen Feuer und Flammen! Brenn, Flamme! Brenne!"? Darauf gibt es wohl nur eine Antwort: Ignoramus et ignorabimus - Wir wissen es nicht und wir werden es niemals wissen.
Dass ein beträchtlicher Teil der Achtundsechziger offen terroristisch war, totalitären Phantasmen anhing, Massenmörder wie Lenin, Stalin, Mao und später noch Pol Pot verehrte, mit den Mordtaten der RAF sympathisierte, Demokratie, den Rechts- und Verfassungsstaat und die Marktwirtschaft ablehnte, Antisemitismus als "Antizionismus" tarnte, mit heißen Ohren die Bücher von psychologischen Quacksalbern (wie Wilhelm Reich) und professoral-gerontischen Obskurantisten (wie Herbert Marcuse) verschlang, gereicht diesen bewegten JungakademikerInnen wahrlich nicht zur Ehre. Wer diese Aspekte nicht mehr erinnern will oder aber sie durchaus erinnert und sich ihrer rühmt, ist von Nationalsozialisten strukturell kaum zu unterscheiden. "Erstens haben wir so etwas gar nicht gemacht, zweitens war es völlig richtig!" Diesen Aspekt arbeitet das Buch ziemlich klar heraus. Und in dieser Hinsicht gebührt ihm ein eindeutiges Lob. Es ist schwungvoll formuliert, auf keiner einzigen Seite langweilig und wartet mit vielen schwer zugänglichen Informationen auf. Götz Aly ist ein sehr guter Historiker, was er u. a. vor drei Jahren mit seinem Buch
Hitlers Volksstaat unter Beweis stellen konnte. Für "Unser Kampf" gilt jedenfalls: Kaufen (oder schenken lassen), gründlich lesen, sich freuen - oder sich ärgern.
PS. Sehr gut hat mir, der ich Schwabe bin, das Wort "Krawallschwaben" (auf S. 12) gefallen. Es folgt wenige Zeilen nach "Sentimentalstalinismus". Aly kennt die Schwaben, ist er doch im schwäbischen Leonberg aufgewachsen.