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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
44 von 55 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein polemisches und faktenreiches, daher sehr gutes Buch,
Von Dr. Horst Wolfgang Boger (Berlin & Potsdam, Germany) - Alle meine Rezensionen ansehen (TOP 1000 REZENSENT) (REAL NAME)
Rezension bezieht sich auf: Unser Kampf: 1968 - ein irritierter Blick zurück (Gebundene Ausgabe)
Der Titel dieses Buches ist durchaus mit Bedacht gewählt, er spielt auf Hitlers "Mein Kampf" (erstmals 1922 erschienen) an. Denn in der Sicht des Verfassers setzten die Achtundsechziger "die anheimelnde Gemeinschaftsidee gegen den kühlen Strukturalismus des Verfassungsstaats. Sie folgte demselben ständischen Grundprinzip, das sich 1933 bis 1945 in der Reichsapothekerkammer, im NS-Kraftfahrerkorps, in der Reichsfrauenschaft oder im Reichsnährstand ausgetobt hatte." (S. 47)Aly findet noch weitere Parallelen: Empiriefeindlichkeit, Voluntarismus, Romantizismus, die Verbindung von "Größenwahn mit kalter Rücksichtslosigkeit", Personenkult, Anti-Amerikanismus, Anti-Liberalismus, Kollektivismus, Verachtung des Bürgertums, etc. In einem gewissen Sinne köstlich sind Logien von Baldur von Schirach, seit 1931 Reichsjugendführer der NSDAP und Gruppenführer der SA. "Wir hassen den Spießer. [...] Während der Revolution sitzt er im Keller seines Hauses, ist sie vorüber, steht er auf dem Boden der Tatsachen." "Die [...] Revolution marschiert. Daran werden selbst die Magnifizenzen nichts ändern können." Auch den Gender-Mainstreaming-Ton beherrschte B. von Sch. schon: "Meine deutschen Studenten und Studentinnen! Volksgenossen und Volksgenossinnen!" (Es gab im NS-Staat auch eine "Reichsschaft der Studierenden", wohlgemerkt nicht der "Studenten"!) Auch Sprüche von Dr. phil. Joseph Goebbels, seit 1933 Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, passen vorzüglich ins Bild. "Der Student darf sich nicht ziehen lassen, er muss ziehen." "Studenten und Arbeiter [!] werden das Deutschland der Zukunft aus der Taufe heben." "Rotten Sie den alten Menschen in Ihrem Hirn und Herzen aus! Nehmen Sie die Axt in die Hand und zertrümmern Sie die Lüge einer alten falschen Welt! Machen Sie die Revolution in sich! Das Ende wird der neue Mensch sein!" Nicht nur im wichtigsten Kapitel des Buches, "Dreiunddreißiger und Achtundsechziger", stoßen wir auf solche Trouvaillen, vielmehr sind sie über das ganze Buch verstreut. Der Autor will damit behaupten und belegen, dass die Achtundsechziger Wiedergänger der 33er waren, z. T. wohl auch noch sind. Nun muss man den Achtundsechzigern zugute halten, dass sie nicht das Rheinland besetzt, keinen Weltkrieg begonnen und keinen systematischen Genozid verbrochen haben. Von einer Losung wie "High sein, frei sein, ein bisschen Terror muss dabei sein" zu einem verbrecherischen Krieg und zu Völkermord ist schon noch ein Schritt. Eine Überlegung, die der Autor nicht anstellt, betrifft "kontrafaktische Geschichtswissenschaft" ("counterfactual history"). Was wäre geschehen, wenn die Achtundsechziger 1968 an die Macht gekommen wären? Hätten sie massiv die Versammlungs- und die Pressefreiheit eingeschränkt? Hätten sie KZ-ähnliche Lager eingerichtet? Hätten sie ein Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Gesellschaft beschlossen, wodurch sämtliche legislative Kompetenzen der Regierung verliehen worden wären? Hätten sie auf dem Bonner Hofgarten 20000 Bücher missliebiger Autoren (Locke, Hume, Smith, Humboldt, Mill, Tocqueville, Hayek, Popper, Friedman, Albert, Scheuch, Schelsky, Lübbe) öffentlich verbrannt: "Altes verzehren - Neues gebären, segnen - verdammen Feuer und Flammen! Brenn, Flamme! Brenne!"? Darauf gibt es wohl nur eine Antwort: Ignoramus et ignorabimus - Wir wissen es nicht und wir werden es niemals wissen. Dass ein beträchtlicher Teil der Achtundsechziger offen terroristisch war, totalitären Phantasmen anhing, Massenmörder wie Lenin, Stalin, Mao und später noch Pol Pot verehrte, mit den Mordtaten der RAF sympathisierte, Demokratie, den Rechts- und Verfassungsstaat und die Marktwirtschaft ablehnte, Antisemitismus als "Antizionismus" tarnte, mit heißen Ohren die Bücher von psychologischen Quacksalbern (wie Wilhelm Reich) und professoral-gerontischen Obskurantisten (wie Herbert Marcuse) verschlang, gereicht diesen bewegten JungakademikerInnen wahrlich nicht zur Ehre. Wer diese Aspekte nicht mehr erinnern will oder aber sie durchaus erinnert und sich ihrer rühmt, ist von Nationalsozialisten strukturell kaum zu unterscheiden. "Erstens haben wir so etwas gar nicht gemacht, zweitens war es völlig richtig!" Diesen Aspekt arbeitet das Buch ziemlich klar heraus. Und in dieser Hinsicht gebührt ihm ein eindeutiges Lob. Es ist schwungvoll formuliert, auf keiner einzigen Seite langweilig und wartet mit vielen schwer zugänglichen Informationen auf. Götz Aly ist ein sehr guter Historiker, was er u. a. vor drei Jahren mit seinem Buch Hitlers Volksstaat unter Beweis stellen konnte. Für "Unser Kampf" gilt jedenfalls: Kaufen (oder schenken lassen), gründlich lesen, sich freuen - oder sich ärgern. PS. Sehr gut hat mir, der ich Schwabe bin, das Wort "Krawallschwaben" (auf S. 12) gefallen. Es folgt wenige Zeilen nach "Sentimentalstalinismus". Aly kennt die Schwaben, ist er doch im schwäbischen Leonberg aufgewachsen. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
78 von 101 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Kritik und Selbstkritik,
Von marsborn "mb" (leipzig) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Unser Kampf: 1968 - ein irritierter Blick zurück (Gebundene Ausgabe)
Götz Aly wagt viel mit diesem Buch und er spricht eine deutliche Sprache. Er erinnert an Vorgänge und Aktionen der westdeutschen Linken, an die die meisten heute auf keinen Fall mehr en Detail erinnert werden möchten, während man die "Jugendsünden" der Großväter selbstverständlich nach wie vor milimeterweise seziert (siehe G. Grass und die SS etc.pp.): Man möchte stattdessen - grau geworden von all den internen Grabenkämpfen und wohlgenährt von der über Jahrzehnte unermüdlich abgeluchsten Staatsknete des verhassten Systems - lieber auf den anstehenden Jubiläumsevents die alten Rebellionslegenden für die Ewigkeit zementieren und kanonisieren, um für immer als die wahren Helden der deutschen Nachkriegsgeschichte zu gelten, wie man es immer gerne sein wollte und doch nicht wurde... Aly macht einen Strich durch diese sentimentale Rechnung und untersucht die Irrtümer der so genannten 68er ebenso akribisch, wie er es vorher in seinen viel beachteten Büchern als Historiker mit der Nazi-Ära tat. Dass er einst selbst einer der Protagonisten der (von ihm mit einer Vielzahl bestürzender Beispiele entlarvten) "politischen Avantgarde" war, bereichert das Blickfeld mit glasklarem Insiderwissen und macht sein Buch besonders glaubwürdig. Dass er zur Reflexion dieser Ära zudem auch die Protokolle der politischen Gegner (von den "reaktionären" Professoren bis zum Verfassungsschutz) gelesen und umfangreich ausgewertet hat, macht seine Untersuchung geradezu einmalig. Seine Kritik am Selbstverständnis einer Bewegung, die sehr viel bunten Staub aufgewirbelt und wenig bewegt hat, ist überfällig und bringt eine neue, faktensatte Qualität in die Debatte.Besonders eindrücklich ist es, anhand des Buches nachzuvollziehen, wie die erklärten Nazibekämpfer beispielsweise selbst den damals aktiven Massenmördern Mao Tse Tung oder Pol Pot auf den Leim gingen, diese geradezu ebenso vergötterten und als revolutionäre Vorbilder feierten, wie ihre Väter den größten aller Verbrecher (den unvergleichlichen, oh deutscher Sündenstolz!) Adolph Hitler - und sich bis heute kein bißchen dafür schämen. Wie sie lieber den sich entwickelnden demokratischen Staat bekämpften, statt sich mit ihren eigenen Nazivätern zuhause auseinanderzusetzen. Ganz sicher wird ihm dafür von manchem Altaktivisten das Prädikat des "reaktionären Renegaten" zugesprochen werden - gewissermaßen als Indiz dafür, dass Aly aus den Fehlern von einst gelernt hat. Der Autor wird ab sofort viele der Altachtundsechziger zum Feind haben, die bis immer noch heute glauben, als die besseren Menschen auf ihrem "Marsch durch die Institutionen" das Land entscheidend geprägt zu haben - und nicht dieses Land (glücklicher Weise) sie. Die weltrevolutionären Träume der 68er endeten in Stammheim, im grünen Millieufilz, in den Chefetagen der Medienkonzerne und Staatskulturinstitutionen, im Aufsichtsrat von Gasprom oder als gutdotierte Beraterstelle irgendwo im "demokratisch unterentwickelten" Osten (der immerhin eine friedliche Revolution zustandegebracht hat)... Alys schonungsloses, aber beleibe nicht liebloses Buch ist nicht nur ein mutiger und überfälliger Beitrag zur "historischen Aufarbeitung" der 68er-Bewegung zwischen Wunsch und Realität, es wirft auch eine neues Licht auf das Selbstverständnis des heutigen Deutschlands. Prädikat: Unbedingt lesen! Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
25 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Der Freischwimmer,
Rezension bezieht sich auf: Unser Kampf: 1968 - ein irritierter Blick zurück (Gebundene Ausgabe)
Als Nachgeborener, Mitte der 70er Jahre geboren, fällt es mitunter schwer, die sogenannten 68er zu verstehen. Die Trennlinie, die zwischen Eltern und Kindern anscheinend grundsätzlich verläuft, sorgt in diesem Fall für eine Befangenheit, die es erschwert, die Mentalität der einst Rotrevolutionären einzuordnen.Einige meiner Generation dürften z. B. wie auch ich Erfahrungen mit Hochschullehrern gemacht haben, die als vormalige Gesinnungs- und Altersgenossen von Rudi Dutschke seit einiger Zeit vor die Studierenden treten. Wer erlebt hat, wie hier alte Muster wieder lebendig werden können, wenn etwa bei einem organisatorischen Problem ein Professor mit revolutionärem Glanz in den Augen sagt, zu seiner Zeit hätte man ja bei sowas "mindestens" Räume besetzt, der wird gewiss zeitweilig befremdet gewesen sein, dass ein grauhaariger Hochintelligenzler plötzlich adoleszente Kampfesstimmung zeigt. Gründe genug also, um sich einer Lektüre wie der hier Vorliegenden zu nähern. Allzu oft wird dieses Buch von der Kritik als bloße Abrechnung verstanden. Natürlich ist dieses Buch, die auch die eigene Person nicht ausspart, wenn es um Schuldfragen geht, nicht sparsam mit eindeutig ablehnenden Wertungen. Aber Aly lässt auch die Motive der 68er verständlicher werden, indem er vergegenwärtig, in was für einer altnazistisch geprägten Gesellschaft diese Jugend aufwachsen musste- und letztlich in falscher Projezierung den gutmeinenden Staat als faschistoid betrachtete. Die Schlüsse, die der Autor zieht, sind manchmal im Einzelnen fraglich, manchmal hat man den Eindruck, es reizt ihn stark zur überpfefferten Pointe (so hätte mein Professor aus dem Beispiel oben vielleicht damit rechnen müssen, bezichtigt zu werden, er sei so erinnerungsselig wie die Nazi-Opas, die fast schon sprichwörtlich von damals und ihren Kampfzügen erzählen); dennoch muss man die Gesetzmäßigkeiten, die er aufzeigt, doch mit einiger Verblüffung als gewinnbringend für die historische Betrachtung anerkennen. Er schreibt zudem mit einer anekdotenverliebten Verve und mit großem Unterhaltungswert- an diesem Buch sollte keiner, der sich mit dem Thema auseinandersetzen möchte, vorbeischauen. Es lebt nicht nur vom messerscharfen Verstand des Autoren, sondern auch von der biographischen Essenz. Den Mut, die hinzugewonnene Klugheit auch gegen die ureigene Vergangenheit anzuwenden, bringt nicht jeder auf. An einer Stelle wird Wapnewski mit den Worten zitiert, 68 sei der Aufstand der Nichtschwimmer gegen das Wasser gewesen. Aly hat schwimmen gelernt. Er hat sich wahrlich freigeschwommen. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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