Dieses Buch ist vom Konzept und Inhalt her ein sehr kluges Werk, das in brillanter Weise versteht, einen besonderen Dialog zwischen zwei Persönlichkeiten darzustellen.
Jenseits von belanglosem "Talk", ausschweifenden "Diskussionsforen" und vermeintlichen Club-Gesprächen schafft es "Unser Jahrhundert" tatsächlich, ein tiefgreifendes, nahe gehendes, berührendes Gesprächserreignis zu sein.
Der Altkanzler und ZEIT-Herausgeber Helmut Schmidt taucht mit dem Historiker und Autor Fritz Stern in die unterschiedlichen Themenfelder des Jahrhunderts ein, ohne zu sehr an der Oberfläche zu bleiben oder einen ausufernden Tiefgang zu machen. Vielmehr berühren sie ausreichend die diversen politischen, historischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Themenbereiche, welche in den vergangenen Jahrzehnten von hoher Bedeutung gewesen sind. Dabei ist es besonders auffällig, dass Helmut Schmidt und Fritz Stern trotz ihres hohen Alters noch sehr präsent sind, das tagespolitische, gesellschaftliche Leben aufgreifen und viele zukunftsbezogene Aspekte ins Gespräch einbringen.
Das Gespräch fand innerhalb von drei Tagen im hause Schmidt in Hamburg statt und ist in sechs Abschnitte eingeteilt, denen jeweils die Themenbereiche stichwortartig zusammenfassend vorangestellt sind.
Wer nun vielleicht vermutet, dass hier zwei Persönlichkeiten ihre Stellungnahmen kritiklos vorbringen, wird sich über das respektvolle Miteinanderstreiten und -ringen wundern. Tatsächlich schaffen es Helmut Schmidt und Fritz Stern unterschiedliche Wahrnehmungen, Meinungen und Urteile mit Achtung vorzubringen. Man spürt förmlich auch das achtungsvolle Nachfragen und gewinnt den Eindruck, dass hier erfahrene Menschen, die teilweise in recht unterschiedlichen Kulturkreisen ihr Leben verbracht haben, voneinander lernen wollen, Erfahrungen austauschen möchten und gegenseitig ihre Wahrnehmungen mitteilen.
Dabei kommt auch immer wieder eine gehörige Portion Humor ins Spiel, so z.B. wenn Helmut Schmidt um ein langsameres Sprechtempo bittet und Fritz Stern erwidert:"Bei mir ist es so, dass ich schnell spreche, denn wenn ich langsam spreche, habe ich schon wieder vergessen, was ich am Anfang sagen wollte."(S. 52)
Neben den vielen Stellungnahmen, Einschätzungen und Informationen bleiben trotzdem noch Unsicherheiten und Fragen, welche sich die beiden Herren eingestehen; so z.B. Helmut Schmidt, wenn er erklärt "Für mich ist nach wie vor nicht zu erklären, was dieses Volk, dem ich angehöre, unter Hitler an Verbrechen zustande gebracht hat" (S. 73).
Man ist bei der Lektüre immer wieder erstaunt, wie präzise und disziplinübergreifend das Wissen von Helmut Schmidt und Fritz Stern reicht.
Dabei ist es von großem Belang, dass die beiden Gesprächspartner immer wieder weite Bögen spannen und sich nicht zu tagespolitischen Schnellurteilen verleiten lassen. So schätzt beispielsweise Schmidt die mögliche Aufnahme der Türkei in die EU so ein, dass dies "der Anfang vom Ende der Europäischen Union werden" (S. 269) könne und gibt hierfür plausible Gründe an.
Bei der Lektüre selbst bleibt man gefesselt und ist über die kurzweilige und doch gründliche Diskussion der beiden Mitstreitenden sehr erfreut. Ein zehnspaltiges Namensregister gibt noch einmal Aufschluss darüber, wo im Buch welche Personen zur Sprache gekommen sind.
"Unser Jahrhundert" ist ein grandioses Vermächtnis für alle Bürgerinnen und Bürger, sich in die politischen Auseinandersetzungen und Gestaltungsräume einzubringen, sich gründlich zu bilden, weitreichend zu informieren und über alle kurzfristigen Lösungsvorschlägen hinaus immer die längerandauernden Auswirkungen im Blick zu halten.
Eine weise Schatzkiste, die man jedem gesellschaftlich und politisch interessierten Menschen in Deutschland zu öffnen wünscht.