Viel ist über den Antisemitismus geschrieben worden, doch eher wenig ist über die alltäglichen Dimensionen von Judenfeindschaft in den Beziehungen von Juden und NichtJuden in Deutschland bekannt. Der Autor geht dieser Frage am Beispiel des so genannten Bäder-Antisemitismus nach: Nicht erst in der NS-Zeit, sondern bereits im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts deklarierte sich eine wachsende Zahl von Erholungsorten sowie Hotels und Pensionen öffentlich als »judenfrei«, um antisemitisch gesinnte Gäste anzusprechen. Im Gegensatz zu den etablierten, traditionsreichen Bädern mit internationalem Publikum (Baden-Baden, Norderney, Heringsdorf, Westerland) gerierten sich vor allem jüngere Bäder (Borkum, Zinnowitz) antisemitisch, weil sie als »Late-comer« eher ein kleinbürgerlich-mittelständisches Publikum ansprechen wollten. Damit breiteten sich lange vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten öffentliche Zonen der »Apartheid« aus, die für das Selbstverständnis der deutschen Juden und ihre gesellschaftliche Stellung weit reichende Folgen hatten. Der Autor beschreibt diese Nachtseite der touristischen Entwicklung im Wandel der Jahrzehnte und im internationalen Vergleich. Nach 1933 gipfelte der Bäder-Antisemitismus in Deutschland in der vollständigen Ausgrenzung von Juden aus Seebädern und Kurorten. Er war jedoch auch ein beklemmendes internationales Phänomen, das u. a. in den USA weit verbreitet war, wo noch in den 1950er Jahren rund 30% der Ferienhotels keine jüdischen Gäste akzeptierten.