Mit "Unser Hitler" haben Mag. Martin Haidinger (Von der Guillotine zur Giftspritze) und Prof. Dr. Günther Steinbach (Kanzler, Krisen, Katastrophen) sich nicht nur an ein prägnantes Porträt Adolf Hitlers gewagt, sondern auch dessen Beziehung zu Österreich hinterfragt, während sie zugleich die Vorgeschichte der Märztage 1938 aufrollen und Zeitzeugen zum Vormarsch der Nationalsozialisten zu Wort kommen lassen. Somit ist das Buch, das eigentlich eine Biografie Hitlers unter besonderer Berücksichtigung Österreichs und seiner Geschichte erwarten ließe erheblich mehr.
Eine der zentralen Aufgaben die sich die beiden Autoren gesetzt haben ist es wie Univ.-Prof. Dr. Gerhard Jagschitz im Vorwort anmerkt, das regelmäßig verzerrte Bild Hitlers zurechtzurücken, um die historischen Fakten nicht aus den Augen zu verlieren. Es kann nicht genug Hitler-Bücher geben, sagt Jagschitz und betont zudem dass sich Haidinger und Steinbach eines ganzheitlichen Ansatzes bedient haben und das Synonym Hitler in möglichst vielen Facetten seiner Bedeutung für die österreichische Zeitgeschichte zu erfassen.
Der Versuch ist gelungen, denn neben der Hitler-Biografie, die auch durch eigene Facts Mythen, Legenden, Halbwahrheiten und Lügen auszuräumen vollbringt (er war beispielsweise kein Jude, hieß nicht Schicklgruber, da sein Vater lange vor Adolfs Geburt den Familiennamen umändern ließ), erfährt man durch die Zeitzeugen-Berichte und den eher theoretischen Exkurs zur Vorgeschichte des Anschluss ein zumindest sehr umfangreiches wenn schon nicht vollständiges Bild von den Metamorphosen Österreichs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dabei stützen die Autoren ihre Hitler-These auf dessen Frustrations-Intoleranz, die sich bereits in seiner Reaktion auf die Ablehnung durch die Wiener Kunstakademie geäußert hat, als er gegenüber seinem Mitbewohner Kubizek Tiraden gegen das Establishment der Professoren, Bürokraten und natürlich das System an sich vom Stappel ließ. Dieser Hitler war zwar nachweislich treuer Käufer von Jörg Lanz von Liebenfels völkisch-pseudowissenschaftlichen Ostara-Heftchen, jedoch alles andere als ein flammender Antisemit, nahm er doch jüdische Mitbewohner im Männerwohnheim vor Übergriffen in Schutz.
Es ist das Banale des Bösen, dass dem nur durchschnittlichen und deshalb frustrierten Künstler eine unglaubliche politische Karriere beschieden war, obwohl er mit Niederlagen Zeit seines Lebens nicht zurecht kommen konnte. Seinen Hass auf die Habsburger deuten die Autoren als Konsequenz der Misshandlungen durch den Vater, den Hitler mit dem System der Donaumonarchie gleichsetzte und dessen gutbürgerliche Fassade die häusliche Gewalt zu decken vermochte. Ob Hindenburgs" 1933 gegenüber dem jungen Otto von Habsburg getätigte Aussage vom "böhmischen Gefreiten allerdings aus Hindenburgs einsetzender Demenz und einer Verwechslung Braunaus am Inn mit dem nordöstlichen Böhmen gelegenen Broumov resultiert oder doch eher Hindenburgs Kenntnis von Hitlers familiären Wurzeln im mährisch-niederösterreichischen Grenzgebiet ist eine der Fragen die sich für Kenner der Materie ergibt. Hat doch der Pionier der oberösterreichischen Zeitgeschichteforschung Prof. Dr. Harry Slapnicka mit "Hitler und Oberösterreich" eines jener (Standard)Werke vorgelegt, die von den Autoren nicht in ihre Recherchen miteinbezogen wurden. Denn eines muss man sich dann doch vor Augen führen, obschon auf solider wissenschaftlicher Basis fußend ist "Unser Hitler" doch populärwissenschaftlich orientiert.
Dafür ist der Stil der Autoren auch umso zugänglicher und berichtet auch von den Ursprüngen des Anschlussgedankens im Erwachen des Nationalismus, der Deutschen Revolution von 1848 und schließlich den Vorstellungen nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie 1918. Getragen vom in Österreich in einem neben Sozialdemokraten und Christlichsozialen Dritten Lager auch politisch manifestierten Deutschnationalismus, der seine Parteigänger auch in den beiden Großparteien fand, war die Hoffnung auf den Anschluss an das Deutsche Reich mit der Erwartung eines wirtschaftlichen Aufschwungs verbunden. Nach dem Verbot der Vereinigung mit Deutschland durch die Siegermächte des Ersten Weltkriegs war der verhängnisvolle Gedanke zwar noch präsent, konnte jedoch erst in der Weltwirtschaftskrise wieder verstärkt Wiederhall finden. Die ambivalenten Positionierungen der Ständestaats-Spitze, die sich unter dem Vorwand Österreich gegen den Nationalsozialismus zu verteidigen der Demokratie und jeglicher legaler Opposition entledigte, führten jedoch nach den Scharmützeln des Bürgerkriegs dazu, dass sich Österreichs Untergang nicht mehr aufhalten ließ.
Die Hoffnungen vieler "Illegaler" durch den März 1938 zu Herren im eigenen Land zu werden, wurde bitter enttäuscht als anstatt des Sonderbundesstaats der Total-Anschluss erfolgte und Reichsdeutsche in führende Positionen berufen wurden. Eine Machtdemonstration Hitlers, der damit laut den Autoren bewies, dass er sehr wohl auch ohne die alte Elite auskommen könnte. Die Hoffnung auch im Dritten Reich mit Länderpartikularismus punkten zu können, war zerstört, als aus Österreich zunächst die Ostmark und schließlich die Alpen- und Donaugaue wurden.
Und wieder ergibt sich die Frage nach der Überlebensfähigkeit der Ersten Republik, die von den Autoren sehr divergierend beurteilt wird. Einerseits habe Österreich im Ständestaat immer noch an der Weltwirtschaftskrise gelitten, doch am Ende soll es doch über einen eindrucksvollen "Staatschatz" verfügt haben, den Hitler plündern ließ, um die Kassen des Reichs wieder zu füllen, nachdem ein Großteil der Finanzen für die Aufrüstung in Anspruch genommen wurde. Gleichzeitig ist von den hohen Reparationszahlungen die Rede, welche einen solchen Reichtum als unwahrscheinlich erscheinen ließen und das klein gewordene Österreich zu Grunde richten hätten sollen.
Ein großer Bildteil und die exklusiven Zeitzeugenberichte (ein Hitlerjunge berichtet erstmals über seine Beteiligung an den Terroranschläge im Ständestaat und den Sturm auf das bischöfliche Palais, ein linker NSDAP-Genosse der Schulfreund Jura Soyfers war erzählt von seinem Lebensweg in Erster Republik und Drittem Reich, eine BDM-Angehörige berichtet von ihrem Weg aus dem katholischen Elternhaus in die Arme der NS-Bewegung und neben den Berichten über den Kriegsalltag eines österreichischen Gefreiten an Ost- und Westfront findet auch SS-Agent Wilhelm Höttl Gelegenheit zur Enthüllung, dass ihm Eichmann die Zahl der 6 Millionen ermordeten Juden verraten haben soll und Kaltenbrunner die Fühler in Richtung eines Separatfriedens mit den Alliierten ausstreckte) runden das Werk schließlich ab.
Das Interessanteste findet sich allerdings in den theoretischen Exkursen zwischendurch, wie die Frage nach der Schuld der Österreicher, deren überlegener Radikalismus zahlenmäßig nicht nachzuweisen ist. Der Mythos ergibt sich jedoch vor allem aus den anderen Erwartungen die Österreicher mit dem Dritten Reich verbanden, wie dem wirtschaftlichen Aufschwung oder den Sieg über das verhasste Ständestaat-Regime.
Fazit:
Deutlich mehr als eine Hitler-Biografie, ein äußerst umfangreiches Werk über Österreich und den Nationalsozialismus, verständlich und spannend geschrieben.