Die Biographie von Peter Michalzik über Siegfried Unseld, den berühmten deutschen Verleger, den ehemaligen Kopf des Suhrkamp-Verlags bietet dem Leser interessante Einblicke in und Details über die deutsche und deutschsprachige Literatur, deren Geschichte in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts und den Mechanismen des Literaturbetriebs.
Michalzik schildert Unseld als agilen, energetischen Menschen, der durch harte Arbeit und Eigensinnig- und -mächtigkeit in der ersten Hälfte seiner Schaffenszeit an die Spitze des deutschen Literaturbetriebs kletterte. Und er beschreibt einen Menschen, der in den letzten beiden Jahrzehnten sich einerseits selbst als Literat einbrachte und seine Bedeutung dadurch unterstrich, der andererseits jedoch privat Rückschläge provozierte, die auf sein Festhalten an der Macht und auf seinen Imperialismus zurück zu führen sind.
Michalzik hält sich bewusst, manchmal auf etwas krampfhaft auf Distanz zu dem von ihm porträtierten Unseld, der beim Entstehen des Buches noch lebte, erst kurz vor der Veröffentlichung verstarb. Dazu greift Michalzik das ein oder andere Mal auch sprachlich daneben. Ich denke, Michalzik war fasziniert von der Figur und von allem um Unseld herum, und wollte die notwendige kritische Distanz unter allen Umständen aufrechterhalten.
Für interessierte Leser der deutschen und deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts und insbesondere der Nachkriegsliteratur bietet das Buch eine Fülle von aufschlussreichen Informationen. Unselds enge Beziehungen zu Autoren wie Hesse, eine Art Vaterersatz, Frisch, Walser, Johnson, Bernhard, Enzensberger, Weiss, um nur einige zu nennen, aber auch zu zeitgenössischen Philosophen wie Habermas oder Adorno zeigen die Bedeutsamkeit des Verhältnisses zwischen Autor und Verleger. Unseld und sein Umfeld war die zentrale intellektuelle Zelle in Deutschland - ohne dass Unseld in den Augen Michalziks jemals in den Rang eines anerkannten Intellektuellen gekommen wäre - in den 60er und 70er Jahren, als Autoren in der Tagespolitik noch eine Rolle spielten.
Man fragt sich - und bedauert gleichzeitig, dass es so ist -, warum heutzutage die Literatur in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung aus der öffentlichen Wahrnehmung, aus der Gesellschaft und deren politischer Landschaft weitestgehend verschwunden ist. Und die Frage drängt sich auf, welche Autoren heute eine entscheidende Rolle überhaupt einnehmen könnten. So wie das Böll, Enzensberger, Bernhard und viele andere lange getan hatten. Literatur taucht heute im öffentlichen Bewusstsein auf, wenn Prominente (auch Politiker) ihr Leben in Gänze oder in Ausschnitten Revue passieren lassen. Ansonsten leider nicht. Ich halte das für sehr bedauerlich.