Das Buch ist Spionage-, Liebes- und Psychodrama zugleich. Eindrucksvoll ist die Liebesgeschichte mit den psychologischen Schilderungen. McEwan versteht es meisterhaft, die Handlung harmlos dahinplätschern zu lassen und ihr gleichzeitig einen bedrohlichen Unterton zu verleihen, den man zunächst nicht einordnen kann, bis es einem innerhalb weniger Sätze eiskalt den Rücken hinunterläuft, sobald das Grauen sichtbar wird... Der Autor seziert die Seele zweier im Prinzip relativ langweiliger und normaler Menschen, die durchaus sympathisch sind, aber gleichzeitig Dinge tun, die man dem abgebrühtesten Verbrecher nicht zutrauen würde. Harmlos ist in dem Buch einzig die nüchterne Sprache, die aber in ihrer kühlen Distanziertheit den Abgrund, in den der Leser blickt, noch tiefer werden lässt. Die Spionagegeschichte wirkt dagegen etwas gesucht, aufgesetzt und langatmig. "Unschuldige" ist ein gutes Buch, es ist aber erst ein Vorbote der Meisterschaft, die McEwan in "Abbitte" entwickelt.