| ||||||||||||||||||||
Produktinformation
|
Für Hans Musbach ist sie lange aufgegangen. Dank eines harmonischen Familienlebens, Erfüllung im Lehrerberuf und moralischer Rückendeckung durch seine geliebten Klassiker glaubte er "diese Jahre abgekapselt wie die Splitter in meinem Bein". Doch dann rückt ausgerechnet Tochter Katja, selbst Lehrerin, dem Achtzigjährigen mit Fotos aus der Wehrmachtsausstellung zu Leibe und lässt seine "Dämme gegen das Erinnern" brechen. Zuerst zögerlich, dann immer bereitwilliger, ja fast besessen erzählt Musbach vom Krieg, von seinem Krieg, manchmal "wie von einer romantischen Landpartie", wie Katja ihm vorwirft.
Sie wittert überall Verklärung und Verdrängung, gleichzeitig verkraftet sie kaum die drastischen Erinnerungsbilder, die aus dem Munde des Vaters kommen "wie Eiter aus einer schmutzigen Wunde". Sie wird die Geister, die sie rief, nicht mehr los, schwankt zwischen anklagendem Pathos ("Blumen blühen auch unter einem Galgen.") und blankem Unverständnis. "Er sollte erzählen, was sie hören wollte", doch was will sie eigentlich? Dem Leser jedenfalls gehen Musbachs Berichte über große und kleine Grausamkeiten und die "Angst vor körperlicher Zertrümmerung" näher als jedes noch so aufwändige Hollywood-Epos über Vietnam oder den D-Day.
Genau wie Katja (und Uwe Timm Am Beispiel meines Bruders) haben wir Mühe, "das ganze Bild zu sehen", das Leid der Soldaten nicht gegen die Verbrechen der Wehrmacht aufzurechnen, beides gleichermaßen gelten zu lassen, ohne dass alles gleich gültig wird. Dass der faktengesättigte Roman darüber nicht zum Lehrstück verkommt, verdankt er den glaubwürdigen Hauptfiguren, einer gnadenlos poetischen Sprache und Hahns Weigerung, sich auf eine Sichtweise festzulegen. Dieses Bemühen führt im letzten Teil allerdings zu einigen seltsamen Handlungssprüngen.
Hans Musbach -- "immer dagegen und doch immer dabei" -- wäre uns auch so in guter, nein: in zwiespältiger Erinnerung geblieben. Wie Christoph Amend versucht Hahn die Großväter zum Sprechen zu bringen, stellvertretend für die junge Generation und modellhaft für die Achtundsechziger. Zur Nachahmung empfohlen? Vielleicht. Erst einmal zum Nachlesen. --Patrick Fischer -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Ulla Hahns Roman «Unscharfe Bilder»
Hans Musbach, wohnhaft in einer piekfeinen Seniorenresidenz an der Hamburger Alster, versucht cool zu bleiben. Dem pensionierten Oberstudienrat fehlt der Umgang mit den jungen Leuten, den er im Schuldienst gewohnt war, und so muss er noch immer lernen, mit diesem Verlust gelassen umzugehen. Allenfalls die Gespräche mit dem Dienstpersonal bieten eine willkommene Abwechslung, aber sie bleiben flüchtig und gehen über den Austausch von ein paar Höflichkeiten selten hinaus. Umso mehr freut sich Musbach, wenn ihn seine Tochter Katja, ebenfalls Lehrerin, in seinem wertvoll möblierten Appartement besucht und er mit ihr eine Unterhaltung führen kann, die seinem Bildungshorizont entspricht. Man weiss zunächst nicht, was Ulla Hahn mit diesem Musbach vorhat, und das ist gut so. Spätestens seit ihrem autobiografischen Opus magnum «Das verborgene Wort» gilt sie als eine Autorin, die die Nuancen liebt und ihren Leser trotz aller Detailverliebtheit nicht langweilt. Auch hier kann man das gemächliche Tempo, mit dem sie in das gepflegt hanseatische Ambiente führt, durchaus geniessen; ganz besonders dann, wenn die feine Ironie, mit der sie sich der Gewohnheiten ihrer Senioren annimmt, an Bernhard Sinkels unvergesslichen Film «Lina Braake» erinnert. Doch dann merkt man ziemlich bald, dass das Altendomizil nur als Staffage dienen soll und es ernste Didaktik sein wird, die diesen Roman steuert. Nachdem Katja die Wehrmachtsausstellung «Verbrechen im Osten» besucht hat, legt sie ihrem Vater mit stummem Vorwurf den Katalog zu der umstrittenen Ausstellung vor. Musbach, der sich gerade mit dem römischen Diktator Sulla beschäftigt, ignoriert die Wehrmachtsausstellung und schaut sich in der Hamburger Kunsthalle lieber die weltabgewandten Bilder des dänischen Malers Vilhelm Hammershoi an. Doch umso mehr wird er von seiner Tochter ins Gebet genommen, die wissen möchte, ob er von den Verbrechen der deutschen Wehrmacht im Osten gewusst hat oder gar an ihnen beteiligt war. Zunächst widerwillig, dann zunehmend von seinen Erinnerungen mitgerissen, beginnt Musbach vom Russland-Feldzug, an dem er als einfacher Infanterist teilnahm, zu erzählen. Er ruft nun seine Bilder vom Krieg in seinem Gedächtnis auf, Bilder, die nicht die Deportationen von Juden und Massenvernichtungen belegen, sondern das erlittene Grauen an der Front zeigen: Bilder von den unsäglichen Strapazen, von Kälte, Elend und Hungersnot und vor allem von den Kameraden, die irre geworden an den Kriegsgreueln ohne Deckung in den feindlichen Kugelhagel liefen. Katja bleibt zwar von den emotional aufgeladenen Schilderungen des Vaters nicht unbeeindruckt, beharrt aber doch auf ihrer Frage nach seiner Schuld. Zugleich merkt sie, dass angesichts der Gegenüberstellung beider Wahrheiten ihr Bild vom Krieg unscharf zu werden beginnt und die erhoffte Klarheit nie mehr herstellbar wird. «Doch ist das Unscharfe nicht gerade das, was wir brauchen?», fragt Ulla Hahn mit einem vorangestellten Zitat von Ludwig Wittgenstein. Auch in die Erinnerungen des Vaters mischen sich nach und nach Zweifel an der Richtigkeit der eigenen Kolportage. Ihm wird bewusst, dass er die Nazizeit bisher als eine Abfolge von Bildern betrachtet hat, auf denen er nicht vorkommt. Hat er sein Wissen über die Verbrechen der Wehrmacht verdrängt, war er nicht doch ein Mitläufer, der wie die Tochter mutmasst «immer dagegen und immer dabei» war? Ulla Hahns Roman, der am Ende eine überraschende Wende nimmt, ist in erster Linie ein löblich ambitioniertes Buch, auch wenn es allzu offensichtlich den derzeit virulenten Trend bedient, in der Nation der Täter ein Volk von Kriegsopfern zu sehen. Ulla Hahn macht sich die Mühe, zwei höchst komplizierten Bewusstwerdungsprozessen gerecht zu werden, die zunächst parallel zueinander verlaufen und sich erst zögernd einander annähern. Anerkennenswert auch, dass sie beiden Positionen Verständnis entgegenbringt, ohne den spät ausgetragenen Generationenkonflikt dadurch zu verwässern. Und schliesslich gelingt es ihr, vermeintlich Vielgehörtes und Vielgelesenes über die Grausamkeit des Russland-Feldzugs so aufzurauen, dass seine Details authentisch und erschütternd wirken. Doch warum überhaupt diese Mischung aus erzählerischem Rahmen und verarbeiteter Authentizität, wenn es letztlich doch das Dokument ist, das zählt? Als Romanautorin hat sich Ulla Hahn mit diesem Buch unter-, als Wahrheitssucherin überfordert. Die Lehrbuchhaftigkeit, mit der sie ihre Lektion durchpaukt, erfordert beim Leser viel Geduld, die narrativen Passagen, die sie als Entschädigung für moralische Fingerzeige und gedankliches Argumentieren anbietet, halten sich in Grenzen. Es überwiegen die guten Absichten, die bekanntlich noch keine guten Bücher machen. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Vorgeschlagene Tags zu ähnlichen Produkten(Was ist das?)Setzen Sie den ersten relevanten Tag hinzu (ein Schlüsselwort, das mit diesem Produkt in engem Zusammenhang steht).
|
|
Das Forum zu diesem Produkt
Fragen stellen, Meinungen austauschen, Einblicke gewinnen Aktive Diskussionen in ähnlichen Foren
Kundendiskussionen durchsuchen
|
Ähnliche Foren
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
|