Die Autobiographie von Fritz J. Raddatz "Unruhestifter - Erinnerungen", der als Querdenker, Selbstdarsteller, Provokateur, Kritiker und Feuilletonist zugleich bezeichnet werden kann, ist, wie man dem Titel schon entnehmen kann, ein persönliches Buch der Unruhe. Im Angesicht der hohen Konjunktur, die die Sparte der Biographien derzeit hat, und man wirklich das Gefühl vermittelt bekommt, dass sich jede noch so unbekannte und uninteressante Person auf diese Art und Weise in den ewigen Olymp des Ruhmes schreiben will, ist es geradezu ein Segen, eine Biographie von einem Mann in den Händen zu halten, der zumindest die Legitimation besitzt, eine solche zu veröffentlichen. Frei nach dem Motto "Anstoß kann nur geben, wer Anstoß erregt", taucht man hier in das Leben eines Mannes ein, der mit sich selbst ins Reine kommen möchte und aus diesem Grund ganz unverblümt sich und seine Umwelt ins Lichte der Wahrheit rückt. So schafft er Unruhe, um letztlich zur Ruhe zu kommen, wühlt seine Vergangenheit auf, schreibt über jene, die ihn beeinflussten oder mit denen er nur kurz in Berührung kam, deren Leben er in Wallungen brachte oder die umgekehrt auch ihn in Krisen versetzten.
Eingeleitet wird dieses bunte Bildgefüge schillernder Persönlichkeiten, die sich alle um den großen Autobiographen ranken, mit den Worten Jean-Jacques-Rousseaus: "Ich beginne ein Unternehmen, das ohne Beispiel ist und das niemand nachahmen wird. Ich will meinesgleichen einen Menschen in der ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Mensch werde ich sein. Ich allein." So beginnt Fritz J. Raddatz also die ausführliche Beschreibung seiner Suche nach seinem eigenen Ich, die er mit den sich selbst erkennenden Worten abschließt: "Es gibt wohl kein einheitliches Ich; es ist immer zusammengesetzt aus widersprüchlichen Neigungen und gegenläufigen Erfahrungen. (...) weil Menschen, Handlungen, Situationen, Verletzungen, Liebe und Abweisungen denjenigen geformt wie verformt haben, der ich bin. Der ich geworden bin. Wie ich geworden bin. Mit Anstand kläglich, mit Verve irrend, den eigenen Sehnsüchten entfliehend und der Gnade, die ihm zuteil wurde, zu wenig achtend. Ein Weltenschlürfer des ungestillten Durstes. Torero und Stier zugleich."
Die 13 Kapitel, in die das Buch "Unruhestifter" eingeteilt ist, sind nicht chronologisch geordnet, sondern jeweils einer Person zugedacht und eröffnen dem Leser eine Theaterbühne, auf der er den jeweiligen Protagonisten in seinem ganzen Glanz bestaunen oder verachten kann. So erfahren wir, dass das Leben von Fritz J. Raddatz eine stete Suche nach Liebe war, die ihm in seiner Kindheit ganz und gar verweigert wurde. In einer "Welt der streng eingehaltenen Regeln", von preußischen Tugenden und der Unbarmherzigkeit und Brutalität des Vaters geprägt, der gerne mal die "geflochtene Hundepeitsche" zu Hilfe nahm, fand sich der Autor schon im Alter von acht Jahren in die Wirren des 2. Weltkrieges verwickelt. Mit nüchterner Präzision beschreibt Fritz J. Raddatz das Erlebte, die Wunden, die ihm zugefügt wurden, seine von Lieblosigkeit gezeichnete Seele, die vor Selbstbekenntnis nicht scheut.
Seine spannende, unterhaltsame und zeitweise auch witzige und selbstironische Art zu schreiben, macht diese Autobiographie zu einem kulturhistorischen Erlebnis, in dem uns Menschen wie Günter Grass, Paul Wunderlich, Mary Tucholsky, Gerd Bucerius, Heinrich Maria Ledig-Rohwolt, Bertolt Brecht oder Helmut Schmidt begegnen, um nur einige zu nennen. Im Laufe der knapp 500-seitigen Lektüre trifft man natürlich auf noch viele andere Persönlichkeiten aus den Bereichen Kunst, Politik oder Literatur, die man auch im alphabetisch geordneten Personenregister wiederfinden kann.
Die Autobiographie "Unruhestifter - Erinnerungen" von Fritz J. Raddatz ist angereichert von seinen persönlichen Erfahrungen, die er teilweise auch in Tagebuch- und Briefauszügen darstellt. Er beschreibt den Gewinn und Verlust von Freundschaften und Beziehungen, seine Erlebnisse mit Kunst und Musik, Menschen, die auf- und wieder untertauchen, und zieht ein Resümee aus seiner Tätigkeit für "Die Zeit", die auch gleichzeitig eine bitterböse Abrechnung ist. Und ein Fazit kann man ziehen: "Es gibt bei all diesen reichen Leuten immer, wie das Salz in der Suppe, ein paar Intellektuelle, die Hofnarren. Und dieses "Salz" ist giftig - die verachten diese Millionäre und Milliardäre nämlich." Von der Autobiographie dieses Intellektuellen, aber inzwischen bestimmt auch reich gewordenen Autors, lässt man sich gerne "vergiften".