I. Kunst vs. Kommerz? Erzählerische Freiheit vs. schablonenhafte Genrekorsetts? Formales Experimentieren vs. 46-Seiten-Zwang? Ganz so einfach ist das nicht. Was Bart Beaty die "small press" nennt, ist so ambitioniert wie durchlässig. Spätestens seit Ende der 90er gibt es einen osmotischen Austausch zwischen großen Verlagen wie Dargaud und Casterman auf der einen und dem Nukleus freiheitlichen Comicschaffens bei L'Association auf der anderen Seite. Lewis Trondheim und David B. bewegen sich in beiden Welten, die sich - ohne dass dies unbedingt beabsichtigt war - gegenseitig befruchten. Doch es geht nicht in erster Linie um Verlagsgeschichte, sondern um ein Erzählen ohne feste Banden oder vorgestanzte Reflexe, somit um die feinen Unterschiede, die teilweise aber auch nicht zu leugnenden Annäherungen zwischen Art-Comics (nicht nur in Frankreich) und populären Erscheinungen von Franquin bis Morris. Weit gehend außen vor bleiben Überlegungen zur Dramaturgie der Bildgeschichte, zur Inszenierung in Panels, dafür arbeitet der Kanadier Haltungen und Positionen gegenüber dem Medium und der Leserschaft heraus, beleuchtet werden neue, sich verfestigende Strömungen in den 90ern (mehr Wagnis, mehr Kunst, weniger Einengung) und wie sie auf den Mainstream einwirken. Was Autoren wollen und was sie dafür tun, um sich abzugrenzen. Und immer wieder mit Pierre Bordieu als Begleiter - zuweilen wird etwas zu oft auf ihn verwiesen, aber das stört auch nicht unbedingt.
II. Comics - das Wort "Graphic Novel" kommt kaum vor - werden zwar auch visuell-ästhetisch und narrativ untersucht, wichtiger sind dem Kanadier jedoch die Erscheinungsformen der jeweiligen Publikationen: Vom Format bis zur Papierqualität, ob Schwarz-Weiß oder koloriert, ob in Kleinstauflage oder für die Massen, ob dekonstruiert oder geradlinig, ob mit Versatzstücken jonglieren oder Altbewährtes neu erzählen. Als Bewegung, gar als verdecktes Marketingkonzept gibt es Comic-Kunst erst seit den frühen Neunzigern, so Beaty, und seine Beweisführung ist einleuchtend und stupend in Worte gefasst. Ein besonderes Augenmerk gilt den Leitfiguren und Vielschreibern (Trondheim, Sfar), ihren befreundeten Begleitern (David B., Guibert), den Antipoden (Van Hamme) und schillernden Außenseitern (Neaud, Baudoin). Lewis Trondheim ist das siebte und letzte Kapitel gewidmet. Allein schon deswegen lohnt sich der Kauf, denn insbesondere seine Anfänge und die ersten Erfolge bis hin zu seinen biographischen Einlassungen und dem Donjon-Komplex werden kenntnisreich dargestellt.
III. Eine Anekdote zu Trondheim: Auf der Frankfurter Buchmesse 2008 - im Comic-Forum - kamen nur drei Männer, um sich von ihm eine Zeichnung in die deutsche Ausgabe von "Die Insel Bourbon - 1730" zu zeichnen. Einer davon war ich. Niemand sonst. Das mag daran liegen, dass die wenigsten Menschen wissen, wie er aussieht, statt dessen rennen Mädchen von 12 bis 18 Jahren in Scharen zu blutjungen Manga-Autorinnen. Danach saß Trondheim mit seinem Kaffee alleine da. In Paris wäre das wohl nicht passiert.
IV. Als ich diese Studie las - dieses Buch ist nicht weniger als das - wurde mir überdeutlich klar: Ich weiß nichts über Comics. Alles nur ein zaghaftes Kratzen an der Oberfläche. Beaty zeigt uns die Welt der Comic-Magazine wie Strapazin und Lapin, die ein wichtiger Startpunkt sind für Karrieren der unterschiedlichsten Art, nennt die wichtigsten Anthologien. Er stellt uns die diversen Festivals vor, nicht nur jenes in Angouleme, sondern auch in der Schweiz und in Portugal (der Comic-Salon in Erlangen findet keine Erwähnung).
V. Nicht nur die Comic-Szene in Frankreich, auch Italien und Skandinavien und Deutschland spielen eine Rolle, und somit kommen Autoren/Zeichner wie Anke Feuchtenberger, Martin tom Dieck und Atak darin vor, und zwar nicht nur als lediglich Genannte, sondern als Vertreter einer neuen, elaborierten, originellen Art des Erzählens in Wort und Bild.
VI. Für Menschen, die das Werk von Trondheim verfolgen und zurück verfolgen wollen, ist diese Arbeit unverzichtbar. Aber auch für alle anderen, die endlich Klarheit bekommen wollen, wann das denn anfing mit der Kunst und der Kunstbehauptung im europäischen Comic, sie werden an diesem Titel nicht vorbei kommen. Hier ist keine Seite unnütz, kein Absatz verfängt sich im akademischen Niemandsland. Doch es hätten noch mehr Seitenbeispiele aus besprochenen Werken sein können.