Jeder Künstler, der es zu wahrhaftiger Größe schaffen will, benötigt eine bestimmte Masche, die er sein eigen nennen kann. Die Masche von Bruno Mars ist, dass er sich in seiner Musik als distanzierter Schwärmer und verschmähter Liebhaber gibt. In diesem Kontext hatte ich ihn auch schon mal als "Frank Sinatra des 21.Jahrhunderts" bezeichnet.
Nun hat der gebürtige Hawaiianer aus Honolulu mit "Unorthodox Jukebox" (2012) sein zweites Studioalbum vorgelegt. Das Album erscheint nach nicht mal zwei Jahren überraschend schnell auf dem Markt, denn nach dem genialen Debut "Doo-Wops & Hooligans" (2011) hätte man gedacht, dass sich Bruno etwas mehr Zeit für sein neues Album lassen würde. Stattdessen ergreift er ganz unerwartet die Initiative und legt sofort nach.
1 - "Young Girls": Im Eröffnungssong präsentiert sich Bruno Mars so wie man ihn kennt mit einer unbändigen Sehnsucht - die Frauen haben ihm einfach das Herz gebrochen. Das Lied ist eine Liebeserklärung an das schöne Geschlecht im Besonderen und die Jugend und Wildheit im Allgemeinen. (5 von 5 Sternen)
2 - "Locked Out of Heaven": Das Lied war auch schon die erste Single zu diesem Album. Es wird von Schlagzeug und Elektrobass dominiert, während Bruno Mars mit seiner "Voice" im Vordergrund die Melodie intoniert. Melodie und Lyrics harmonieren einwandfrei und machen "Locked Out of Heaven" zu einem der besten Stücke auf dem Album. (5 von 5 Sternen)
3 - "Gorilla": Das erste von zwei Liedern auf dem Album, die über einen expliziten Text mit Vulgärausdrücken verfügen. Ich weiß nicht warum, aber mit diesem Lied konnte ich nach mehrmaligem Hören noch nicht so viel anfangen. Wenn man ganz genau hinhört, kann man am Anfang des Liedes etwas unterdrückt ein lustvolles Frauenstöhnen vernehmen. Weder Melodie noch Liedtext hinterlassen aber einen bleibenden Eindruck, deshalb ist "Gorilla" für mich der schwächste Song von dem Album. (3 von 5 Sternen)
4 - "Treasure": Nach "Gorilla" ist auf diesem Album "Treasure" der zweite Song mit ausdruckskräftigen Lyrics. Das Lied erinnerte mich vom Sound her irgendwie an die groovigen Hits von Chic aus den Seventies. Bruno Mars spannt gekonnt den Bogen zwischen verdorbener und romantischer Ader, was irgendwie gut ankommt: "Pretty girl you should be smiling, a girl like you should never live so blue". (5 von 5 Sternen)
5 - "Moonshine": Der Mond und Bruno Mars. Schon auf "Doo-Wops & Hooligans" wurde deutlich, dass diese beiden eine ganz besondere Liaison eingegangen sind. "Talking to the Moon" ist ja für mich persönlich der allerbeste Mars-Hit und mein Lieblingslied von ihm. "Moonshine" führt diese Masche jetzt symbolisch fort, allerdings geht es inhaltlich nicht mehr um die romantische Isolation, sondern mit Eighties-Synthesizern um ein für alle Romantiker unersetzliches Aphrodisiakum - den Mondschein. (5 von 5 Sternen)
6 - "When I Was Your Man": Es sind diese Lieder, die mich Bruno Mars mit Frank Sinatra vergleichen lassen. Ein ruhigeres Lied, das von vergangener Liebe und endlosem Bedauern handelt und textlich einfach nur herzzerreißend ist. Nur mit Piano im Hintergrund kann Bruno hier den ganzen Herzschmerz entfalten, der sich in seiner Stimme so unverwechselbar personifiziert. (5 von 5 Sternen)
7 - "Natalie": Die junge Dame, der der Songtitel gewidmet ist, ist mit Brunos ganzem Geld abgehauen, deshalb sinnt er jetzt auf Rache. Eine powervolle Nummer und düstere Gangsterballade, die in unheilschwanger-prophetischen Klängen daherkommt, die rhythmisch von der Bass-Drum am Schlagzeug stimmungsvoll untermalt werden. Eigentlich mag ich Lieder nicht so gerne, die einen Namen als Titel haben, weil ich als Außenstehender da wenig nachvollziehen kann, ob das Lied vielleicht für den Interpreten eine nähere Bedeutung hat. Aber "Natalie" verfügt über viel Text in der Bridge, und einen eingängigen Refrain mit Ohrwurmqualität. (5 von 5 Sternen)
8 - "Show Me": Feinster Reggae, der sofort an Bob Marley und Jamaika erinnert, nicht zuletzt weil Bruno mit seiner Stimme die von Bob erschreckend perfekt imitiert. (5 von 5 Sternen)
9 - "Money Make Her Smile": Das Lied ist ziemlich laut und wütend. Bruno Mars brüllt sich im Chorus die Seele aus dem Leib. Ich glaube, es geht um einen Typen der verzweifelt, weil seine Braut nur mit Geld glücklich zu machen ist. Das Lied erinnerte klangtechnisch an die Gangsterballade "Natalie" und schien mir inhaltlich wie dessen Vorgeschichte. Insgesamt gefällt mir das Lied nicht ganz so gut und gehört zusammen mit "Gorilla" zu den zwei Liedern, die ich beim Hören des Albums gerne mal überspringe. (3 von 5 Sternen)
10 - "If I Knew": Eine würdige Abschlussballade, die vielleicht irgendeinen Hit von dem Billy-Joel-Album "An Innocent Man" zum Vorbild haben könnte und zu deren sommerlichem Sound man sich gut vorstellen kann, mit einem Caipirinha in der Hand irgendwo auf Hawaii oder Jamaika dem Sonnenuntergang beizuwohnen. (5 von 5 Sternen)
"Unorthodox Jukebox" ist um einiges vielseitiger und deshalb wahrscheinlich auch gewöhnungsbedürftiger als der Erstling "Doo-Wops & Hooligans". Während Bruno Mars da noch auffällig viel Gebrauch von Piano und Keyboards machte, stehen diesmal deutlich Drums und Bässe im Vordergrund. Ich höre diese Art von Musik in letzter Zeit gerne, aber sie macht umso mehr Spaß, je höher man den Lautstärkenregler aufdreht. Dann entsteht dieses angenehme Gefühl, wenn sich Drums und Bässe wohlig in der Magengegend entfalten.
Musikalische Einflüsse, die ich auf "Unorthodox Jukebox" erkenne, stammen von Chic ("Treasure"), Sinatra ("When I Was Your Man"), Bob Marley ("Show Me") und Billy Joel ("If I Knew"). Die anderen Lieder würde ich eher als für Bruno Mars eigen und typisch bezeichnen ("Young Girls", "Locked Out of Heaven", "Moonshine" und "Natalie"), auch wenn sie wie schon angemerkt nicht so sehr an die Lieder erinnern, die auf dem Vorgängeralbum zu finden waren. So erschien mir das neue Album von Bruno Mars wie ein unorthodoxer Musikautomat, der das Beste von gestern mit dem Besten von heute zusammenbringt.
Ich hatte nach "Doo-Wops & Hooligans" die Prophezeiung gewagt, dass es ziemlich schwer werden würde, nach diesem Album nochmal an dessen Qualität heranzukommen. "Unorthodox Jukebox" lässt sich aber vor allem klangtechnisch schwer mit dem Vorgänger vergleichen.
Ich gelange zu dem Schluss, dass beide Alben auf ihre Weise super sind - wer was ruhigeres und kuscheligeres sucht, der greift eben zu "Doo-Wops & Hooligans", wer was lauteres und extrovertierteres sucht, wählt die "Unorthodox Jukebox".