Juri Ritcheus Bücher handeln von seiner Heimat, der Halbinsel Tschukotka im äußersten Nordosten der ehemaligen Sowjetunion, die nur durch die Behringstrasse von Alaska getrennt wird. Die Ureinwohner dieses Gebiets, die Tschuktschen, lebten ursprünglich als Nomaden in Jurten und lebten von der Rentierzucht.
Ritcheu erzählt in seinem Buch von der Tschuktschin Unna, die als Mädchen während der Zeit der Sowjetunion auf ein sowjetisches Internat kommt. Die Sowjets versuchen, die Tschuktschen in den Sozialismus einzugliedern und ihnen die Segnungen der modernen Zivilisation zu bringen, aber gleichzeitig entziehen sie ihnen ihre Lebensgrundlagen wie die Rentierzucht und den Fischfang. Viele Tschuktschen verfallen daraufhin dem Alkoholismus und gehen langsam, aber sicher zugrunde. So auch Unnas Vater, für den Unna sich bald zu schämen beginnt. Sie ist beeindruckt durch die Lebensart und Kultur der Sowjets und passt sich dem System an. Ehrgeizig und rücksichtslos läßt sie ihre Vergangenheit hinter sich und macht sie politische Karriere. Um ihres Aufstiegs willen ist sie bereit alles zu opfern, selbst ihre Liebe zu einem Musiklehrer. Doch alles dies kann sie nicht vor ihrem tiefen Fall schützen.
Ritcheu zeigt sensibel, wie ein Mensch ohne seinen Ursprung verkümmert, dass er wie ein Baum ohne Wurzeln verdorrt. Aber sein Buch zeichnet neben der Geschichte der Protagonistin Unna auch ein erschütterndes Bild von der Lage der Bevölkerung Tschukotkas zur Zeit des Sowjetregimes, eine eindringliche Mahnung, die jahrhunderte alten Lebensgewohnheiten anderer Völker nicht zu ignorieren, um ihnen die moderne Zivilisation aufzuzwingen.
Ritcheus Stil liest sich einfach, seine Geschichte schafft es, den Leser festzuhalten. Zumal dürften die meisten Leser vor der Lektüre dieses Buches kaum etwas über Tschukotka und die Tschuktschen wissen, daher ist das Buch auch unter diesem Aspekt lesenswert. Jedoch ist der Roman düster und etwas deprimierend, man empfindet mit der Opportunistin Unna nur begrenzt Mitgefühl. Also nicht unbedingt ein Buch, das man mehr als einmal lesen wird. Daher die Bewertung mit vier Sternen.