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Eine Darstellung aus neuer Sicht
Seit zwanzig Jahren sind in der westlichen Welt immer wieder Ausstellungen von Preziosen aus Eurasien zu sehen gewesen Anfang 1993 auch im Kunsthaus Zürich , die man als verschieden betitelte Variationen über das Thema «Gold der Skythen» auffassen könnte. Die oft wiederholte Betrachtung derselben exotischen Prachtstücke mag beim Liebhaber ästhetischer Kostbarkeiten die Illusion bewirkt haben, jener Kunst nähergekommen zu sein. Die hier besprochene Darstellung zeigt nun, dass sämtliche Ausstellungskataloge bestenfalls Vorstufen zu deren Verständnis sind.
Was Véronique Schiltz im 39. Band der renommierten Reihe «Universum der Kunst» unternimmt, ist nämlich etwas radikal Neues und Mutiges: Die Kunst der antiken Bewohner Eurasiens aus ihrer speziellen Lebensform heraus zu verstehen, indem sie sich selbst und ihre Leser aus der Perspektive der angeblich zivilisierteren Sesshaften herausführt. Sie fragt sich: Hätten Reiternomaden nicht auch gute Gründe, auf Ackerbauer und Städtebewohner herabzusehen? Ist ihre Kunst, deren Formen und Materialien gegenüber der festen Verankerung und dem undurchdringlichen Material das Fliessende, Weiche, Warme bevorzugen, deren Hauptthema nicht der Mensch, sondern das Tier ist, nicht eine vollwertige, höchst inspirierende Alternative zum Gewohnten?
Ob das Experiment, aus dem eigenen ästhetischen Denkschema auszusteigen, wirklich gelingen kann, ob am Ende nicht alles wieder in unüberprüfbare Spekulation mündet, mag offenbleiben, überflüssig ist es trotzdem nicht. Denn für einmal wird der ganze weite Raum zwischen dem Nordufer des Schwarzen Meeres und der Grossen Mauer Chinas von einem nur mit den atavistischen Angstprojektionen der Nachbarn ausgefüllten Niemandsland in einen eigenständigen Kulturraum verwandelt. Darin müssen allerdings andere Werte gegolten, andere Mechanismen den Lauf der Geschichte bestimmt haben als die uns vertrauten.
In diesem Raum lassen sich zwischen jener Phase der Geschichte, die man im Mittelmeerraum die orientalisierende nennt, und der anbrechenden Völkerwanderungszeit Zonen ausmachen, die archäologisch genauer fassbar geworden sind als das umliegende Gebiet: der untere Dnjeprlauf, die Täler zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer, das iranische Kurdistan, Pazyryk im Altai-Gebirge, Kasachstan, die Ufer des Oxus. Hier sind Funde von Schmuck, Zaumzeug oder technische Anleihen aus den benachbarten, besser bekannten Kulturen der Griechen, der Perser, der Chinesen zu erkennen. Stärker wirkt aber, was auch örtlich und zeitlich voneinander entfernten Kunstwerken der Reiternomaden gemeinsam und eigen ist: Die Vorliebe für bestimmte Tiere, wie Hirsch, Pferd und Raubvogel; die spiralige, vieldeutige, absichtlich zeitlose Stilisierung. Vor allem aber die aus verschiedenen Tierteilen zusammengewachsenen Figuren, die man in der Natur umsonst suchen würde, die der Künstler in der Welt der Träume und der dichterischen Imagination aufgespürt hat.
Diesen Figuren wirklich nahe, jedenfalls wesentlich näher zu kommen als bisher, macht jedem geduldigen Betrachter die reiche und liebevoll zusammengestellte, vielfach auf die Details verweisende Illustration dieses Buches möglich. Möglicherweise noch direkter als über den Text der übrigens präzis und gut lesbar auf deutsch übersetzt ist führt über diese Bilder ein Weg zur schwebenden, gleichsam musikalischen Kunst der antiken Steppenvölker.
Cornelia Isler-Kerényi
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