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Universalgeschichte der ganz gewöhnlichen Dinge
 
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Universalgeschichte der ganz gewöhnlichen Dinge [Gebundene Ausgabe]

Charles Panati
4.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Ganz gewöhnliche Nachlässigkeiten

Charles Panati schreibt die Geschichte des Banalen

Umschläge von Büchern sind Werbeflächen, das wissen wir, und die Texte darauf folglich nicht immer ganz ernst zu nehmen. Wenn aber der Eichborn-Verlag seine neue «Universalgeschichte der ganz gewöhnlichen Dinge» auf dem Umschlag nicht nur als «Bestseller» vorstellt, sondern auch die 360 000 verkauften Exemplare des 1987 erschienenen amerikanischen Originals erwähnt, so weckt er damit auch bei Skeptikern hohe Erwartungen.

Gewiss, das Buch von Charles Panati entspricht dem seit einiger Zeit deutlich gewachsenen Interesse an Geschichte und Herkunft jener unscheinbaren Gegenstände, die unseren Alltag prägen, und sein Erfolg lässt sich mindestens teilweise erklären: Angesichts des beschleunigten gesellschaftlichen Wandels dient die historische Spurensuche in der eigenen, unmittelbar erfahrbaren Lebenswelt auch als Orientierungshilfe. Panatis Werk ist denn auch nur eine von zahlreichen Neuerscheinungen, die alle diesem Bedürfnis entsprechen. Um nur die jüngsten davon zu erwähnen: Sowohl Henry Petroskis «Messer, Gabel, Reissverschluss. Die Evolution der Gebrauchsgegenstände» (Birkhäuser-Verlag, Basel) als auch Bernhard Wördehoffs «Das gab's doch mal. Vielerlei Dinge, die aus unserem Alltag entschwunden sind» (Verlag Christian Brandstätter, Wien) sind 1994 erschienen und stossen in dieselbe Nische des deutschen Buchmarkts vor. Um so gespannter nehmen wir den Titel mit dem Etikett «Bestseller» zur Hand.

Vom Abführmittel zur Zahnbürste

Tatsächlich besticht Panatis «Universalgeschichte» auf den ersten Blick durch eine übersichtliche, alphabetische Gliederung der behandelten Gegenstände. Als Nachschlagewerk mit überschaubaren Texten, die sich durchaus vom verstaubten Lexikonstil unterscheiden, reizt es zum Schmökern. Und die ausgewählten Stichworte wecken jene längst eingeschlafene Neugierde, mit der wir als Kinder gerade die trivialsten Dinge hinterfragten, ohne je eine befriedigende Antwort zu erhalten – bis das Triviale schliesslich zur Selbstverständlichkeit wurde und wir unsere drängenden Fragen vergessen hatten.

Woher kommt eigentlich der Büchsenöffner? Wer hat die ersten Kartoffelchips hergestellt? Warum heisst der «Hoover» «Hoover»? Auch den Erfinder der Eiscrème, diesen grossen Wohltäter der Menschheit, wollten wir doch schon lange kennenlernen. Und wann das Toilettenpapier aufgekommen ist, interessiert uns nicht weniger als die Frage, warum es für Shampoo kein gebräuchliches deutsches Wort gibt. Abführmittel, Büstenhalter, Ketchup, Murmeln, Reissverschluss, Streichhölzer, Toaster, Wegwerfbecher, Zahnbürste und was Panati sonst noch alles aufzählt: Wirft nicht jedes einzelne dieser «ganz gewöhnlichen Dinge», wenn man sie einmal genau anschaut, eine Fülle von Fragen auf, die das Innerste unserer Zivilisation berühren?

Allzu einfache Antworten

Die Enttäuschung beginnt bei der Suche nach der Herkunft der Weisheiten, die der Autor zweifellos aus weit verstreuten Quellen zusammengetragen hat: Weder ein Literaturverzeichnis noch sonstige Anmerkungen geben Auskunft darüber. Das allein spricht zwar nicht gegen die Qualität eines Buchs. Problematisch wird es aber dort, wo komplexe Zusammenhänge so verkürzt wiedergegeben werden, dass die ganze Wahrheit darunter leiden muss. Da würde ein Verweis auf die Quellen den Autor entlasten und dem Leser die Möglichkeit zur Vertiefung bieten.

Wer in Panatis «Universalgeschichte» Antworten sucht, muss also ganz den Behauptungen des Autors vertrauen. Und wird stutzig, wenn er etwa unter dem Stichwort «Empfängnisverhütung» erklärt bekommt, wie sich aus den zeitlich begrenzten Brunstperioden von Säugetieren im Lauf der Evolution die permanente Empfängnisbereitschaft des Homo sapiens entwickelte: «Die Weibchen, deren Brunst nach wie vor auf einen kurzen Zeitraum beschränkt blieb, starben mit der Zeit aus. Bald waren ganze Generationen mit dem Gen für sexuelle Erregbarkeit ausgestattet. Und mit dieser Entwicklung entstand gleichzeitig der Wunsch, eine ungewollte Empfängnis zu verhüten.» Alles klar?

Neben solchen Erläuterungen stimmen aber auch manche Zahlen skeptisch: Die Erfindung der Brezel datiert Panati auf das Jahr 610 – als ob sich eine Gebäckform wie ein technischer Apparat dem plötzlichen Geistesblitz eines einzelnen Erfinders zuschreiben liesse. Dieser wie zahlreiche andere Fälle machen überdies deutlich, dass eine Geschichte der ganz gewöhnlichen Dinge nicht bloss technische Entwicklungsstufen beleuchten darf; fast bedeutender ist jeweils die langsame geographische und soziale Verbreitung, der komplexe Prozess der Popularisierung, dem diese Dinge schliesslich das Attribut «gewöhnlich» verdanken. Aber Panatis Mischung von Technik- und Sozialgeschichte ist nicht nur recht beliebig, sondern oftmals unpräzis oder gar falsch. So schreibt er zum Beispiel die Erfindung der Konservendose dem Pariser Koch Nicolas Appert zu: dieser entwickelte zwar 1804 tatsächlich ein Sterilisierungsverfahren, verwendete aber dafür nicht Dosen, sondern Glasbehälter. Die durchaus ungeklärte magische Bedeutung des Hufeisens, um ein anderes Beispiel zu nennen, bringt Panati mit dem Mittelalter in Verbindung – «als der Hexenwahn seinen Höhepunkt erreichte»; aber der Hexenwahn, soviel steht fest, erreichte erst nach dem Mittelalter seinen Höhepunkt.

Manche Mängel sind wohl auch darauf zurückzuführen, dass Panati sein Buch ursprünglich für ein amerikanisches Publikum schrieb. Das äussert sich nicht bloss im stärkeren Interesse und in einer spürbar grösseren Kompetenz des Autors, wo es um typisch amerikanische Dinge des 19. und 20. Jahrhunderts geht, sondern auch in der fehlenden Differenzierung bezüglich der europäischen Kulturen und Mentalitäten, die die Geschichte gewöhnlicher Gegenstände ganz unterschiedlich prägten. Die Übersetzung ist mitunter entlarvend. So liest man etwa: «Damals kam in Europa das Wort ‹Nachthemd› auf» oder: «Es ist der komische Pantaleone der italienischen Bühnentradition, der durch seine Spässe und seine Kostümierung den Hosen schliesslich seinen Namen gab» – Sätze, deren Logik nicht aufgeht. Die keineswegs einfach zu bewältigende Übersetzung eines Buches, in dem Sachgeschichte und Wortgeschichte eng miteinander verknüpft sind, hat aber auch zu kaum entschuldbaren Unterlassungen geführt: Zumindest im deutschen Text dürfte unter dem Stichwort «Brille» etwa das Wort «Beryll» nicht fehlen, das auf den geschliffenen Edelstein als Vorläufer des späteren Gebrauchsgegenstands hinweist.

Qualität nicht ausschlaggebend

Wer in Panatis Universalgeschichte schliesslich auf den Artikel «Hasenpfote» stösst, fragt sich nicht nur, ob er sich in ein Lexikon der Kuriositäten verirrt hat, sondern verliert den Glauben an die Seriosität des Autors. Dieser schafft das Kunststück, «unsere Neigung, bestimmten Menschengruppen die Namen und Eigenschaften von Tieren zuzuordnen», mit einem angeblich um 600 vor Christus in Westeuropa verbreiteten «Hasenpfotenamulett» in Verbindung zu bringen. Denn: «Überreste dieses Totemismus haben sich bis heute erhalten.»

Zwar ist immer wieder auch Wissenswertes und Spannendes zu finden, etwa über die Geschichte von Aluminiumfolie, Vaseline oder Kleenex. Eines aber ist nach der Lektüre klar: Qualität war nicht ausschlaggebend für den angeblichen Erfolg dieser «Universalgeschichte der ganz gewöhnlichen Dinge».

Peter Pfrunder

Kurzbeschreibung

Unter vielen hundert Stichworten hat Charles Panati die Geschichte der alltäglichsten Gegenstände dargestellt, vom Löffel bis zum Kreuzworträtsel, vom Rosenkranz zum Reißverschluß, vom Handschuh bis zur elektrischen Zahnbürste. Die Spannweite dieses Kompendiums reicht vom Paläolithikum bis in die Gegenwart. Auf dieser langen Reise durch die Kulturgeschichte erzählt Palati eine Fülle von amüsanten, überraschenden und extravaganten Anekdoten.

Über den Autor

Charles Panati ist Physiker, hat als Wissenschaftsredakteur bei "Newsweek" gearbeitet und ist in den USA inzwischen Bestsellerautor. Er schrieb bisher dreizehn Sachbücher und Romane. Seine Leidenschaft ist es, Dingen auf den Grund zu gehen - und damit hat er Karriere gemacht. Auf deutsch liegt neben dem "Populären Lexikon religiöser Bräuche und Gegenstände" außerdem seine "Universalgeschichte der ganz gewöhnlichen Dinge".
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