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5.0 von 5 Sternen
Horrorfiktionpsychoreisegewalkrimi, 31. Mai 2000
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Unheimliche Reise (Gebundene Ausgabe)
Es ist die Geschichte einer Reise in den Schrecken. Eine Frau bricht auf zu einem unbekannten Ziel, einem neuen inneren Ort, einem Ort der Klärung und des Innehaltens, einem Moratorium in ihrer Biografie. Die Örtlichkeit, die Personen, das Geschehen sind zunächst unspektakulär: eine mittlere, süddeutsche Kleinstadt, ein unwirtschaftliches Hotel, eine mißtrauische, vorlaute Wirtin, ein häßlicher Brunnen, eine miese Kneipe... Unheimlich ist die gesteigerte Aufmerksamkeit, die hochempfindliche Wachsamkeit mit der sich die Protagonistin dem alltaglichen Geschehen aussetzt. Es werden Schuhe zu Dämonen, ein Schaufenster zur Heimat, ein Gang zur Polizei zum Wahrnehmungsflimmern. Bald stellt sich heraus, die trügerische Harmlosigkeit der Reise führt in ein höllisches Erlebnis. Und die Hölle lauert bereits im Blick der Ich-Erzählerin. Sie ist in eine Odysee durch die alten Welten ihrer Wahrnehmung und deren radikale Subjektivierung geworfen. Sie verzichtet auf jegliche Übereinkunft, jeden Austausch und jede Vergewisserung. Die Negierung einer Intersubjektivität führt sie in die Irre und doch nicht. Sie gerät in ein Spiegelkabinett zwischen Innen und Außen, Ich und Nicht-Ich. Und als Leser/in erliegt man immer mehr dem meisterhaft inszenierten Vexierspiel. Daniel Buren, Installationskünstler, nennt im Katalog zu einer Spiegelinstallation den Spiegel "ein Skalpell für den Blick", der die Realität zerschneidet und nicht nur verdoppelt, der wechselnde Relationen und neue Formationen ermöglicht und so ein "drittes Auge" aktiviert. Genau das geschieht in Jutta Heinrichs Text. Hinter den Kulissen der träge feindseligen Kleinstadt entwickeln Ereignisse von ungeheurer, epochaler Dimension einen verhängnisvollen Sog: die Stadt ist streng geheimgehaltenenr Ort reproduktionsbiologischer Forschungen mit dem Ziel, "die Evolutionsgeschichte neu zu schreiben". Die in sich verstrickte Hauptperson gerät in ein Gespinst aus Angst, dumpfer Ahnung und rücksichtsloser Gewalt im Dienste einer Wissenschaft, die längst vom Pfad aller humaner Tugend abgekommen ist. Die Protagonistin wird zum Objekt und Opfer, aber auch zun Objektiv und zum einzig erkennenden Auge. Als Verletzte und Versehrte, aber auch als unbeirrbare Verfolgerin wird sie selbst zum Schriftstück und Beweis. Das Romangeschehen ist ein Kaleidoskop. Jedes Segment ist eine Spiegelung des Ganzen, jedes Fraktal ein miniaturisiertes Abbild. Ist es ein fiktiver Krimi? eine fantastische Realität? Ein Abenteuerroman? Ein ironisches Spiel mit Frankenstein? Nie weiß man beim Lesen sicher aus wieviel Brechungen der Eindruck funkelnder Steinchen sich speist, welcher Täuschung man erliegt oder welcher Faszination. Verwirrende Verirrungen und tätliche Tatsachen sind der einzige Boden auf den man fällt. Atemberaubend. Lesenswert.
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