Wolfgang Hohlbein war DER Autor meiner Kindheit. Die "Enwor-Saga" habe ich verschlungen und darauf folgte weitere zahlreiche Bücher dieses Autors, jedoch machte sich bereits zu jener Zeit gelinde Verwunderung bei mir breit. Hohlbein schreibt im Grunde immer das gleiche, er spricht von "Schatten,die mehr sind als die Abwesenheit von Licht" oder "gefüllt mit Dingen, die dort nichts zu suchen haben" und und und... Das wäre soweit in Ordnung, wenn es Stilmittel in Form von Variationen wären... leider sind es teilweise exakt die gleichen Formulierungen. Wenn man 2-3 Bücher von Wolfgang Hohlbein gelesen hat, dann braucht man an und für sich keine weiteren zu lesen, denn sie ähneln sich stark in Schreibweise, Spannungskurve und "Überraschungsmomenten".
Vor ein paar Jahren habe ich Wolfgang Hohlbein dann für mich persönlich aufgegeben. Spätestens seit der Zeit, als er mit seiner Frau gemeinsam Bücher schrieb und ein Werk eben nicht mehr sein "alleiniges" war, hatte er eine Grenze für mich persönlich überschritten, wo ich ihn nicht mehr akzeptieren konnte.
Nun stand "Unheil" in den Regalen. Ein Buch, mit einem tollen, schön gestalteten Einband auf dem zu lesen ist, daß "Conny" (die Protagonistin) von "übernatürlichen Wesen" gejagt wird und dieses Buch Holbeins "düsterstes Werk" sein soll. Nun, die Vampirthematik ist per se schon einmal interessant und der Einband klang für mich so,als könne man dem Autor noch einmal eine Chance geben. Vielleicht hatte er ja eine Entwicklung durchlaufen, die seine Werke interessanter machte.
Ich habe dieses Buch in nur 1,5 Tagen ausgelesen. Nicht, weil es so spanndend und so toll gewesen wäre, sondern weil ich vielmehr fassungslos darauf gewartet habe, daß ein großer Knall kommt und dieses Buch vielleicht doch noch die Klasse erreicht, die man erwartet hat. Und ich wurde auf ganzer Linie enttäuscht.
Die Protagonistin verhält sich ausnehmend dämlich. Die Gelegenheiten, in denen man sie aus dem Buch herauszerren möchte um ihr etwas Verstand reinzuprügeln sind Legion. Und das hat wenig mit "Identifikation" oder "mitfiebern" zu tun, sondern mehr mit absoluter Langeweile und einem hohen Grad an genervt sein. Unzählige Gelegenheiten, in denen sie "es nicht über sich bringt, die Wahrheit zu sagen" oder "nicht ausspricht, was sie beschäftigt" oder "genau das falsche sagt, und die Situation für sie noch verschlimmert". Das erzeugt keineswegs Spannung, sondern erweckt ein tiefes Gefühl von Langeweile und "Konstruiertheit". Wer sich die Gespräche zwischen "Conny" und ihren Vorgesetzten einmal durch den Kopf gehen läßt, wird wissen, wovon ich spreche. Auch die ständigen Themenwechsel mit dem Vermerk "Das hat Zeit bis später" in den Gesprächen sind absolut lächerlich. Denn, der Leser weiß, daß ein kurzes Beharren auf das gerade gegenwärtige Thema durchaus der Klärung der Situation genutzt hätte. Aber nein, der Autor will es anders, wieder und wieder, um eine Spannung aufrechtzuerhalten, die nicht vorhanden ist. Jeder vernünftige Mensch weiß, daß man ein Thema anspricht und diskutiert, bis es geklärt ist. Nein, hier wird permanent alles auf "später" verschoben, nichts ist geklärt und der Leser weiß ganz genau, daß es nie geklärt werden wird.
Und selbst WENN die Hauptperson klare Fragen stellt, an Vlad zum Beispiel, bekommt sie nur "Du kennst die Antwort auf diese Frage" zu hören. Sehr einfallsreich, Herr Hohlbein. Spätestens hier hätte man ein paar klare Dialoge und Aktionen einbauen können. So bleiben die Charakter eindimensional und stolpern durch die Geschehnisse, nicht wissend, was sie tun, was das alles soll und wohin es führen wird. Einmal in einem Buch ist das ja vielleicht interessant,lustig oder spannend. Aber permanent? Man gewinnt den Eindruck, der Autor habe keine Lust gehabt, seine Figuren und seine Geschichte mit Leben zu füllen. Lieber hangelt er sich an Platitüden entlang, die nichts klären, nichts gestalten und der Geschichte keinerlei Wendung geben.
Auch die Tatsache, daß die "übernatürlichen WeseN" (man beachte den Plural), die ja angeblich (laut Einband) Jagd auf Conny machen, sich als Teenager aus der Gothic-Szene erweisen, die sich mit chemischen Substanzen hochgeputscht haben, macht einen eher wütend als erwartungsvoll. Insgesamt gibt es nur Zwei (+ ein halbes) übernatürliche Wesen im gesamten Buch, nämlich den eigentlichen Vampir "Aisler" und ihren Freund "Vlad". Also nix mit einer Hetzjagd von "übernatürlichen Wesen", welche durchaus sehr viel Potential gehabt hätte, diesem Buch einen ganz anderen Drive zu geben. Man stelle sich einfach einmal vor, die "Gothic-Teens" wären wirklich Vampire gewesen, oder Aspiranten mit schon rudimentären übernatürlichen Fähigkeiten oder vielleicht versklavte Werwölfe oder was weiß ich. Sehr viele Möglichkeiten wurden hier nicht genutzt und der Einband führt (meiner bescheidenen Meinung nach) den Kunden in eine falsche Richtung.
Wie oft kann ein Angreifer eigentlich mit einer Waffe, die an seiner Hand befestigt ist, sein Ziel verfehlen??? Die durchaus guten Action-Szenen (die zu den wenigen Höhepunkten im Buch gehören)sind derart in die Länge gezogen, daß es schon wieder lächerlich wirkt und langweilt. Wenn die Heldin zum wiederholten Male dem tödlichen Stoß entgeht, weil sie "instinktiv den Kopf zur Seite wirft" macht sich Gähnen breit und man sehnt das Ende der Szene herbei. Denn man weiß, daß sie an dieser Stelle noch nicht sterben wird, immerhin liegen noch gute 300, 200, 100 Seiten Buch vor einem. Auch, daß "Vlad" omnipräsent immer in letzter Sekunde erscheint überrascht wenig und reißt es auch nicht mehr heraus. Dennoch, die Action-Sequenzen sind recht gut gestaltet und gehören wohl wahrlich zum besseren, was Hohlbein bisher geschrieben hat. Aber auch hier stören die immer wieder, seit Jahren bekannten, exakt so genutzten Formulierungen und die Schilderung der Eindrücke.
ACHTUNG - Spoiler:
Meine Vorredner haben von Überraschungen und Wendungen am Ende der Geschichte gesprochen. Diese sind auch durchaus vorhanden, wecken beim Leser aber keineswegs das große "AHA"-Erlebnis welches alles erklärt, sondern allenfalls eine "zur Kenntnisnahme". Macht es irgendeinen Unterschied, wenn man eine Verbindung zwischen Eichholz und den Gothic-Teens erkennt, oder wenn man herausfindet, in welcher Beziehung Trausch und Vlad zueinander stehen, wenn er 5 Minuten später aus der Geschichte verschwindet? Man kann hier den Lektor/Agenten/Probeleser förmlich hören, der dem Autor sagt, er müsse noch einen "Knaller" einbauen, einen "Oho"-Effekt. Das ganze wirkt sehr nachträglich eingebaut und hat wahrlich Null Relevanz für das Buch. Auch die Veränderung der Hauptfigur in einen Vampir ist bereits nach wenigen 100 Seiten klar und wird dennoch bis zur letzten Sekunde hinausgezögert, obwohl auch hier vielfältige Möglichkeiten gewesen wäre, das Potential dieser Entwicklung wohltuend in die Geschichte einfließen zu lassen. Besonders ärgerlich (oder lachhaft) ist hier, daß das Buch in keiner Weise erklärt, wodurch die Veränderung in Gang gesetzt wurde. Gut, "Vlad" (was für ein einfallsreicher Name für einen Vampir) deutet an, sie habe "es schon immer in sich gehabt". Ok, verständlich. Aber das ist keine Erklärung für den "Ausbruch". Sie ist nicht gebissen worden, hatte keinen Sex mit ihm (zumindest nicht vor dem Auftreten der Veränderungen) und ist auch keinem "Zauber" erlegen. Also, was bitte hat die Veränderung ausgelöst, beziehungsweise was hat "es" geweckt? Diese Antwort bleibt das Buch absolut schuldig
ENDE - Spoiler
Vieles ärgert an diesem Buch. Am ärgerlichsten jedoch ist für mich die Tatsache, daß es genau die gleiche Soße ist, die Hohlbein seit Jahren seinen Lesern vorsetzt. Mit Erfolg, das will man ihm ja gar nicht absprechen. Aber selbst diese Vampir-Thematik hat er vor Jahren schon einmal fast 1:1 so herausgebracht. Er schrieb vor Jahren ein Buch, dessen Titel mir leider entfallen ist. Darin beschreibt er die Geschichte eines freien Fotografen, der in einem Kino nur mit knapper Not dem Angriff eines Vampirs entkommen, eine Streunerin bei sich aufnimmt (die sich als Vampir erweist) und dadurch immer tiefer verwickelt wird in einen Kampf zwischen 2(!) Vampiren. Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder? Schlußendlich endet das Buch damit, daß er seine Freundin tötet, endgültig zum Vampir wird und als Partner der Vampirin (die Streunerin) an ihrer Seite verweilt. Erstaunliche Parrallelen zum Werk "unheil", wie ich finde. Und das zeigt sehr deutlich, die Schablonenmäßigkeit dieses Buches.
Alles schon (fast exakt so) gelesen, alles schon gehört, alles schon mal gehabt. Sehr schade
Für mich war "unheil" das letzte Buch von Hohlbein, welches ich lesen werde. Ich habe es gekauft, weil ich ihm nochmal eine Chance geben wollte, mich als Leser zurückzugewinnen und diese Gelegenheit hat das Buch samt und sonders verspielt. Es gibt mittlerweile genug brilliante Autoren aus Deutschland (man denke da an Schätzing oder Heitz) die beweisen, daß man spannende Themen und gut konstruierte Geschichten mit hervorragender Schreib-Technik durchaus zu einem schäumenden Thriller-Cocktail mixen kann.
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