Pressestimmen
"Von faszinierender Tiefe und beeindruckender Nachhaltigkeit. Verzweiflung und Qual des Teenagers werden auf bestürzende Weise fassbar, eingefangen in eine sehr metaphernreiche Sprache, die dennoch nie an Klarheit verliert und gelegentlich von erstaunlicher Kühle ist. ... Im Zwischenstadium zwischen Todessehnsucht und Lebenswillen ist Oates unschlagbar überzeugend." Elena Geus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.08 "Wie oft bei Oates staunt man über die Empathie und Präzision, mit der sie in die Welt ihrer Figuren schlüpft." Siggi Seuss, Die Zeit, 13.03.08 "Joyce Carol Oates ist so etwas wie die Mutter der amerikanischen Gegenwartsliteratur." Elena Geus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.08 "Das Buch liest sich wie ein langer, innerer Monolog, in dem die Protagonistin eine ganze Palette von Empfindungen auf die LeserInnen prasseln lässt: Und damit erschreckt, berührt - fesselt! - die amerikanische Erfolgsautorin wieder einmal sehr." Andrea Duphorn, 1000 und 1 Buch, 05.2008 "Wie die hochgelobten Vorgänger überzeugt auch dieses aus der Perspektive des Mädchens erzählte Werk durch die sprachliche Gewandtheit und Klugheit der Ich-Erzählerin." Volker Hage, Der Spiegel, 16.06.08 "Erst mit 64 Jahren hat Oates angefangen, auch Bücher für junge Leute zu schreiben. Umso faszinierender, mit welcher Sicherheit sie den richtigen Ton zwischen Poesie und Jugendsprache trifft - ohne jede Anbiederung." dpa-Kulturredaktion, 25.03.08 "Joyce Carol Oates wird von Jugendbuch zu Jugendbuch besser. Mit ihrem neuen Roman kommt sie in Regionen, wo man nur denken kann: Noch besser geht es kaum. Packend von der ersten bis zur letzten Seite. Eindeutig der erste große Höhepunkt unter den Neuerscheinungen dieses Frühjahrs. Wegen dieses Buches ziehe ich in Gedanken meinen Hut vor Joyce Carol Oates - und das tue ich nicht so oft." Ulf Cronenberg, Jugendbuchtipps.de, 17.03.08
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Nach dem Unglück schwang ich mich auf, breitete meine Flügel aus und flog davon von Joyce C. Oates, Birgitt Kollmann. Copyright © 2008. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Meine Schuld war's nicht. Mir dürft ihr keine Vorwürfe machen.
Wir fuhren auf der Tappan-Zee-Brücke nach Westen, gegen die Sonne. Die Sonne war dieses irre rote Auge in einer kränklich aussehenden Wolkenbank. Die Sonne blendete, grell wurde ihr Licht von der Motorhaube zurückgeworfen. Moms Wagen auf der Tappan-Zee-Brücke, hoch über dem Hudson River, wo man selbst an sonst eher stillen Tagen spürt, wie der Wind am Auto rüttelt, und ich schiebe eine CD ein, aber der Apparat wirft sie wieder raus, das passiert manchmal und ist verdammt nervig, also drücke ich noch mal die CD-Taste, und dieses Mal bleibt die Scheibe tatsächlich drin, und ich lege die Hand über die Augen zum Schutz vor der Sonne, und plötzlich sehe ich ein Rehkitz direkt vor uns auf der Fahrbahn! - oder vielleicht einen Hund! - diesen Schatten, den Mom nicht zu sehen scheint, und ich kriege die Panik und schreie Mom! Pass auf!, und ich greife (vielleicht) ins Steuer oder versuche (vielleicht) ins Steuer zu greifen, oder Mom reißt (vielleicht) das Steuer herum, weil ich (vielleicht) schreie, oder hat Mom (vielleicht) das Rehkitz oder den Hund jetzt selbst gesehen oder (vielleicht) auch einen großen Vogel, einen Falken, oder eine Gans ...
Und der Wagen bekommt Flügel und fliegt.
Doch! Im Ernst!
I Im Blauen
1 Im Blauen waren wir fliegende Schneegänse.
Schöne große,weiß gefiederteSchneegänseinmitteneinerSchar anderer Gänse. Wir flogen in Keilformation, die langen Hälse gereckt und die Augen schmale Schlitze in unseren wilden, weißen, gefiederten Gesichtern. Und dann unsere Flügel!
Ihr hättet uns sehen sollen, wie wir mit den Flügeln schlugen, mit den Flügeln schlugen und vom Wind getragen wurden. Dreihundert Meter über dem Fluss schlugen wir heftig mit den Flügeln, um unser Leben zu retten. Zeilen aus einem Lied gingen mir durch den Kopf.
Sah die Schneegänse fliegen, sah sie tapfer mit den Flügeln schlagen, und ich wusste, es würde schwer werden in dieser alten Welt, sehr schwer.
2 Es war eine Zeit des Vergessens.
Eine lange Zeit im Blauen, du wünschst, wünschst, wünschst, sie würde niemals enden.
Du schläfst viel. Du träumst, musst dich aber an nichts erinnern.
Als würdest du dich ohne Ton durch 101 Fernsehkanäle zappen. Bis du alle durchhast und wieder bei 1 bist, erinnerst du dich an gar nichts mehr und fängst wieder vorn an.
Oder auch nicht. Kickst die Fernbedienung von der Bettkante.
Viele Lieder flogen mich damals an. Aus heiterem Himmel flogen diese Lieder in meinen Kopf. Anschließend vergaß ich sie alle wieder. Bis auf eines.
In the Country of the Blue
there is no you.
3 ... so glücklich, sie sagte Natürlich liebe ich dich, Jenna-Herzchen. Und ich vergebe dir.
Jedes Alter, das ich einmal hatte. Im Blauen hat man die Wahl. Ich war vier, und mein Haar hatte noch dieses flaumige Hellblond, nicht dieses dunkle, dreckige Blond, und abends nach meinem Bad las Mommy mir ein Bilderbuch vor, auch Daddy las mir manchmal vor, wenn er zu Hause war, dann lastete sein Gewicht schwer auf der Bettkante (er musste allerdings in der richtigen Stimmung sein, warnte mich Mommy, was nicht immer der Fall war), und ich sah Lichter auf mich zuschweben wie Schmetterlinge, und das bedeutete, dass ich langsam in den Schlaf abdriftete, so glücklich.
Nichts, was Jenna damals tat, war falsch oder schlecht.
Nichts, was Jenna tat, war böse.
Nichts, was Jenna tat, fügte einem anderen Menschen Schaden zu.