Es war ein langer Entwicklungsprozeß, der keineswegs abgeschlossen ist, bis die Kinder im Zusammenhang mit den Entdeckungen der Tiefenpsychologie in ihren eigenen Entwicklungsbedingungen und Entwicklungsbedürfnissen wahrgenommen wurden. Die Tracht Prügel, die noch niemandem geschadet hat, und die Stärkung der Lungen durch Schreienlassen entsprachen dem allgemeinen Menschenverstand. Erst in unseren Tagen vollzieht sich ein Umdenken. Gewalt gegen Kinder, öffentlich und privat, gerät in Mißkredit und die Sensibilität gegenüber Mißhandlungen von Kindern und sexuellem Mißbrauch nimmt erheblich zu. Warum ein Buch über ungewollte Kinder, fragen die beiden Autoren Helga Häsing, Buchautorin und freie Journalistin, und Ludwig Janus, Psychoanalytiker und Lehrbeauftragter der Universität Frankfurt für pränatale Psychologie. Nach vorsichtigen Schätzungen von Experten kommt jedes dritte Kind unerwünscht zur Welt. Fast die Hälfte aller Schwangerschaften in der Bundesrepublik ist ungeplant. Die Forschung über das Schicksal unerwünschter Kinder sei vielfältig und gründlich. Doch stießen diese Erkenntnisse in der Öffentlichkeit bisher auf wenig Resonanz. Die Benachteiligung der Ungeliebten beginne bereits vor der Geburt. Wie sich der Fötus im Mutterleib entwickele, sei nicht allein eine physiologische Angelegenheit. Auch die Gefühle der Eltern und besonders die der Mutter gegenüber dem werdenden Leben wären von großer Bedeutung für das Kind und seine spätere Entwicklung. Die moderne Medizin und pränatale psychologische Forschung habe es an den Tag gebracht. Die Herausgeber: "Wir sind da, mit unseren Sinnen und unserem Fühlen, noch ehe wir auf die Welt gekommen sind. Der Mutterleib bietet uns nur einen relativ geschützten Raum für unsere physiologische und psychische Reifung. Er kann zum Himmel oder zur Hölle werden. Schon das ungeborene Kind spürt, ob es willkommen ist oder nicht. Nichts ist vergessen. Nicht nur unsere ersten Lebensjahre, sondern auch unser vorgeburtliches Leben läßt bleibende Spuren, geistige und seelische Eindrücke, Wunden, positive oder negative Erfahrungen in uns zurück." Die frühen Erinnerungsbilder können unser ganzes Leben überschatten oder in späteren schwierigen Lebenssituationen wieder auftauchen. Es sind keine Erinnerungen in dem uns vertrauten Sinn, sie können sich in Körpersymptomen, Ängsten, Träumen, Depressionen oder Phantasien, in der Ausgestaltung unseres Lebens Ausdruck verschaffen. Wie die 31 Artikel der 25 Autoren in diesem Buch zeigen, entwickeln wir in dieser ersten Zeit unsere "primäre Ich-Haltung", unsere Urerfahrung mit der Welt. Im Unterbewußten bleiben die vorgeburtlichen Erinnerungen lebendig. Sie sind Grundsteine unseres Lebensgefühls. In diesem Sinne erkunden die Autoren, wenn sie den lebensgeschichtlichen Auswirkungen des Ungewolltseins nachspüren, psychisches und soziales Neuland, das die meisten Psychologen in ihren Landkarten unserer seelischen Erlebnismöglichkeiten noch nicht verzeichnet haben. So ist das Buch in Teilen psychotherapeutisches Lehrbuch, indem es neue Befunde aus der psychotherapeutischen Erfahrung in und durch Behandlungen von ungewollten Kindern darstellt. Wie auch sonst in der Wissenschaftsgeschichte werden neue Einsichten oft zunächst an Extrembeispielen gewonnen, in denen sich neuartige Zusammenhänge besonders klar erkennen lassen. Der Forschungsstand ist jedoch heutzutage so, daß es sich nicht um überraschende Einzelerkenntnisse in die Bedeutsamkeit vorgeburtlicher Erfahrungen handelt, deren Generalisierbarkeit erst in einem längeren Prozeß abzuklären wäre. Ganz im Gegenteil sind die in diesem Buch mitgeteilten Beobachtungen Frucht einer nun schon über mehrere Generationen gehenden Forschungsarbeit, deren Väter in der psychoanalytischen Entdeckertradition Freud, Jung, Rank, Ferenczi und Graber heißen. Entscheidende Fortentwicklungen verbinden sich, so die Herausgeber, mit den Namen Janov, Grof und Lake für die Entwicklung neuer therapeutischer Techniken zur regressiven Erschließung vorsprachlicher Erfahrung und mit dem Namen DeMause und Wasdell für die Erschließung der kulturellen Verarbeitung vorgeburtlicher und geburtlicher Erlebnisse. Trotzdem habe die Lebenswirklichkeit des ungewollten Kindes bisher noch keine so geschlossene Darstellung gefunden, wie sie von den Autoren nun vorgelegt werde. Dies möge mit den vielfältigen äußeren und inneren Widerständen zusammenhängen, die sich mit dem Thema verbänden. Die Zahl der in dieser Fragestellung kompetenten Fachleute sei so klein, daß der vorliegende Band einen Großteil der führenden Forschung in diesem Bereich versammle. Das Buch ist für Fachleute gleichermaßen interessant wie für Betroffene, die es aufklären und ermuntern will, sich mit dem eigenen Schicksal auseinanderzusetzen. Sein Aufbau soll dem Leser ein allmähliches Hineinfinden in das schwierige Thema des Ungewolltseins ermöglichen. Darum stehen am Anfang die Gestaltungen im kindlichen Spiel. Dies ermöglicht ein leichteres Verständnis der Berichte aus der Erfahrung Erwachsener in Therapien mit Ungewolltsein. Ein Abschnitt mit Selbstaussagen von Betroffenen soll einen Zugang in die Unmittelbarkeit des persönlichen Lebens geben. Verbindungen zum Grundthema des Ungewolltseins bestehen zur Problematik ungeplanter und zu früher Mutterschaft und ebenso zu den Konflikten junger Mütter. Ein eigenes Kapitel schildert die verhängnisvollen Belastungen, denen Kriegskinder ausgesetzt sind. Danach folgt ein psychohistorischer Exkurs zum Thema Gewalt gegen Kinder in der Geschichte am Beispiel der Kindestötung. Eine exemplarische Langzeituntersuchung aus der tschechischen Republik wird als Einblick in die empirische Forschung vorgestellt. Den Abschluß bilden Beiträge zu Hilfen durch eine sehr ausführliche und vorbildliche Darstellung des Adoptionsproblems und zum Umgang mit Adoption und durch allgemeine Orientierung zu den Möglichkeiten eigener Auseinandersetzung, zur Hilfe durch Psychotherapie und zu den Unterstützungen für werdende Eltern. Bernhard Maul (Körperpsychotherapeut), Freiburg i.Br.