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Eric Hobsbawm über ungewöhnliche Menschen
Wenn dem zuletzt so oft als unheilvoll apostrophierten 20. Jahrhundert ein gleichermassen kompetenter und unbestechlicher wie engagierter und tiefgründiger Zeuge und Chronist zugewiesen werden müsste, dann träfe man mit der Person des britischen Historikers Eric Hobsbawm eine gute Wahl. Hobsbawm untersucht in seinen zwischen 1962 und 1994 erschienenen Hauptwerken, mit denen er ein breites Publikum erreicht hat, Aufstieg und Ausbreitung des westlichen Kapitalismus im 19. und 20. Jahrhundert. Das letztvergangene sieht er von der Wiederkehr der Barbarei und einem schwindenden Sinn für Geschichte geprägt. Weniger bekannt ist, dass dieser grosse Historiker «grosser» Themen, der wie die anderen britischen marxistischen Historiker seiner Generation (etwa E. P. Thompson und Rodney Hilton) kein Dogmatiker ist, sich auch mit Abseitigem beschäftigt.
Nach der Aufsatzsammlung «Wieviel Geschichte braucht die Zukunft?», die seine geschichtstheoretischen Überlegungen bündelte (NZZ 24./25. 7. 99), ist nun ein weiterer Band mit älteren Texten erschienen. Sie sind etwa zwischen 1950 und 1995 entstanden, und ihr gemeinsamer Nenner soll in ihrer Zuwendung zu ungewöhnlichen und unbekannten Menschen bestehen, die den Grossteil der Menschheit ausmachten und die «normalerweise» anonym geblieben wären. Indem die «Logik» der Anschauungen und des Handelns dieser Menschen rekonstruiert wird, sollen sie vor dem Vergessen bewahrt werden. Wie bei derartigen Textsammlungen nicht anders zu erwarten, geht das Konzept nicht ganz auf. Hobsbawm ist ein in vielem traditioneller Sozial-, kein Mikrohistoriker.
Gleich der erste Text, eine Rezension aus dem Jahre 1961, handelt von einem nicht ganz anonym gebliebenen Manne, dem englischen Revolutionär Thomas Paine. Doch obschon nicht mehr «aktuell», ist die Rezension nach wie vor lesenswert. Hobsbawm sucht eine Antwort auf die Frage, weshalb die politischen Entwürfe dieses Revolutionärs «beinahe lächerlich gemässigt» waren. Die methodische Klammer des Sammelbandes (wenn es denn einer bedarf) wäre vielleicht am ehesten in des historischen Materialisten beharrlichem Ringen um die Lösung eines «historischen Problems» zu sehen, was auch die älteren Beiträge nicht antiquiert erscheinen lässt.
Eine andere Frage, die sich Hobsbawm (zusammen mit Joan W. Scott) stellt, lautet: Weshalb zeichneten sich im 19. Jahrhundert gerade die Schuhmacher durch politische Radikalität aus? Wer nicht, so der Versuch einer Antwort, zu den Kräftigen zählte oder wer gar unter einer körperlichen Behinderung litt, ergriff notgedrungen einen Beruf, der andere Fertigkeiten erforderte. Schuhe beispielsweise lassen sich ohne grossen Kraftaufwand im Sitzen herstellen oder flicken. Wer oft sitzt, hat viel Zeit zum Nachdenken. Und wer grübelt und grübelt und sich mit anderen darüber unterhält, etwa Kunden, neigt bald einmal dazu, die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht länger als naturgegeben zu akzeptieren.
Ob Hobsbawm sich über Arbeiterklasse, Bauern, Jazz oder neuere Zeitgeschichte auslässt, häufig gehen seine Ausführungen von einem Paradox aus. Dabei muss er nicht selten die aufgeworfene Frage offen oder mehrere plausible Erklärungsansätze nebeneinander stehenlassen. Stupend sind sein Wissen sowie seine unstillbare Neugier. Hobsbawm hat in seinem Forscherleben wiederholt Neues aufgegriffen: Ironisch und stilistisch elegant beschäftigt er sich mit sexueller Revolution, dem Tod Billie Holidays, Gewalt, dem Geschlechterverhältnis in der sozialistischen Bewegung, prominenten Schurken aus dem Kalten Krieg und anderem mehr. Auffallend ist der trockene Humor, der in den Spätschriften angesichts des globalen Triumphs des Kapitalismus freilich einem resignierten, traurigen Ton zu weichen begonnen hat.
Urs Hafner
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Anders als andere historische Werke gibt sich dieses Buch nämlich nicht damit ab, singuläre Personen oder Ereignisse, also die Fixsterne auf dem Firmament der Geschichte zu beschreiben. Hier schickt sich Eric Hobsbawm an, "die ungeheure Herablassung der Nachwelt" vergessen zu machen indem er zeigt, wie gewöhnliche Menschen, Menschen "wie Du und ich", wenn schon nicht als Einzelne, so doch in ihrer Gesamtheit das Ungewöhnliche schaffen: den Lauf der Geschichte zu beeinflussen, zu verändern, zu revolutionieren - und so zu jenen ungewöhnlichen Menschen zu werden, die der Buchtitel verspricht.
Gleich in den ersten 10 Kapiteln nimmt er sich des politischen Radikalismus an: Von den "Maschinenstürmern" (Kapitel 2), bei deren Analyse er mit einigen falschen Vorstellungen zu diesem Thema aufräumt, bis zur "Geburt des 1. Mai" (Kapitel 8) als Alternative zu religiösen Ritualen; von den "Viktorianischen Werten" (Kapitel 6) als Klagelied auf den verlorengegangenen gelernten Handarbeiter bis hin zu einem Exkurs über die "Bilder der politischen Linken" (Kapitel 7), in dem der amüsierte Leser mit trockener Akribie über den Gegensatz zwischen praktisch-aktiven Frauenrollen (durch bekleidete Frauengestalten dargestellt) und den revolutionären Figuren (eher repräsentiert durch allegorische Nacktheit) aufgeklärt wird; und in Kapitel 3 staunt man darüber, dass und wie sehr "der Schuhmacher als Politiker" eine eigene Spezies politischer Radikaler darstellt.
In weiteren Beiträgen geht es zum Beispiel um die an sich sehr traditionsgebundene Landbevölkerung (Kapitel 12), die aber bei der Landgewinnung um nichts weniger kreative Lösungen findet als die gewissermaßen klassischen Revolutionäre bei der Verfolgung ihrer Ziele; weiters es geht um revolutionäre Tendenzen in der Kulturgeschichte; und den Abschluss bildet eine Gegenüberstellung der Alten und der Neuen Welt, 500 Jahre nach Kolumbus, und eine Diskussion der Auswirkungen, die diese konfliktreiche Begegnung zweier Welten bis heute hat.
Es hätte diesem Buch keineswegs geschadet, schon im Klappentext darauf hinzuweisen, dass es sich hier um eine Sammlung von Material handelt, das vielfach bereits in Form von Rezensionen, Vorträgen, Essays oder auch als Einleitungen früherer Bücher veröffentlicht wurde. Hobsbawm selbst weist im Vorwort bereitwillig darauf hin - weshalb auch nicht? Es ist aber wichtig, das zu wissen, denn die einzelnen Aufsätze, die im einzelnen mit voller Berechtigung oft sehr ins Detail gehen, bringen insgesamt (und ergänzt durch viele Seiten Anmerkungen samt Personenregister) eine ungeheure Menge an Information an den Leser. Das enorme Wissen des Autors kommt hier in Portionen, die einzeln genossen gerade richtig bemessen sind, als gesamtes Menü in einem Zuge konsumiert aber doch einen Umfang erreichen, der, Verzeihung, schon auch Längen aufweist. Darin unterscheidet sich dieses Buch deutlich vom "Zeitalter der Extreme" desselben Autors, das einen wesentlich homogeneren Eindruck macht.
Unerwartet, aber deshalb nur umso eindrucksvoller, wird an diesen einzelnen Beiträgen die Entwicklung fühlbar, die Hobsbawm selbst im Zeitraum ihrer Entstehung erfahren hat. Der frühe Hobsbawm, im 4. Kapitel, "Arbeitertraditionen" (1951), noch erkennbar um strenge Wissenschaftlichkeit ringend, wandelt sich in den späten 60er Jahren zum wortgewandten do-it-yourself-Revolutionär, wenn er etwa im Kapitel 14 "Vietnam und die Dynamik des Guerillakrieges" (1965) durchaus anwendungsbezogen analysiert oder im darauffolgenden "Mai 1968" (1969) mit unverholener Zuneigung die Rolle der Intellektuellen und Literaten (implizit wohl auch der Historiker) als Revolutionäre schildert, und er wird, in den 80ern und 90ern gereift, schließlich zum brillanten, unbestechlichen, ja fast hellsichtigen Beobachter, Analytiker und Kritiker besonders der jüngeren Zeitgeschichte. Nicht viele Historiker können dieses Verdienst in Anspruch nehmen - sich nicht nur aus klinischer Distanz ihren Forschungsthemen zu widmen, sondern sich selbst als Akteure auf dieser ihrer Bühne zu begreifen. Rührend-sympathisch outet er sich etwa auch im 21. Kapitel, "der Duke", als Duke-Ellington-Adept. Und profiliert sich aus dieser Erfahrung heraus im Laufe seines Lebens zu einem eminenten Experten für Jazz im besonderen und für die Musikkultur des 20. Jahrhunderts im allgemeinenen, wie er mit mehreren Kapiteln zu diesem Thema im vorliegenden Buch beweist. Denn auch hier gibt es unter vermeintlich gewöhnlichen Menschen solche, die ihre Lebensbereiche auf ungewöhnliche Weise revolutioniert haben.
Ein weiter Bogen, den der Historiker Hobsbawm hier spannt. Und er bleibt sich als Revolutionär treu, wenn er diesen Bogen immer wieder dazu benützt, um Giftpfeile auf jene abzuschießen, die revolutioniert werden sollten und sollen. Junge, größenwahnsinnige Weltmächte mit Allmachtsphantasien etwa bekommen hier ihre verdiente Abreibung.
Das ist es, was dieses Buch so aufregend macht: Hier wird nicht über Geschichte geschrieben - hier wird Geschichte miterlebt und miterlebbar gemacht. Wir bestaunen nicht den schwindenden Glanz eines vergangenen Feuerwerks. Wir stehen selbst mittendrin im Feuerwerk der Geschichte - wie sie gerade passiert. Und einige unter uns zünden schon die nächsten Raketen.
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