Dem Plapperbedürfnis in mir folgend habe ich nach dem Phänomen Bohlen bzw. dessen Biographie auch diese gelesen. Zwischen zwei Kulturen, dem islamischen Vater und einer westlich geprägten Disco-Umwelt wächst Nadja auf und fällt tief in die Beziehungs-Abgründe eines egomanischen Exzentrikers, der sie 12 Jahre ankettet und oft im Keller einsperrt. Sie ist Teil eines bundesrepublikanischen, hanseatischen Harems, der Herrscher heißt Poptitan und benimmt sich wie Gott selbst. Er übernimmt die Rolle des Vaters (der Nadja aufgrund ihres Lebenswandels verstößt) und dreht die Schraube auf ein immer tieferes Niveau - so wie wir das alle vom 4 Buchstabenblatt kennen. Der Popsoftie hat eine Standleitung zu dieser Redaktion und verkauft alle Informationen schamlos, er geht notorisch fremd und kehrt wimmernd immer wieder zu seiner großen Liebe zurück. War es Liebe, Abhängigkeit, Faulheit, Apathie, Unselbstständigkeit, Suche nach dem Vater, Bequemlichkeit, die Nadja El Farrag in diesem Gefängnis hielten?
Wie ein goldener Nasenring an der Nase eines Schweines - so ist eine schöne Frau ohne Vernunft. (Sprüche Salomos) Diese Aussage trifft ihre damalige Situation exakt. Das Buch beschreibt ihren Weg zur Vernunft, zur Eigenständigkeit, auch zur Aussöhnung mit dem Vater (leider zu spät). Es ist ein Schmierenstück von Vertrauen und Hoffnung, Liebe und Hass. Nadja ist am glaubwürdigsten als Altenpflegerin, wohl ihr erster Schritt zur Unabhängigkeit, zum eigentlichen Menschsein. Wohl nicht ganz zufällig stirbt ihre Liebe zum Titan im gleichen Jahr als ihr Vater stirbt. Nachdem sie ihren Manger Bohlen durch Graf Bernadotte austauscht, erlebt sie ein weiteres Mal Abhängigkeit und Business as usual bzw. Betrügereien. Eine kurze platonische Episode mit Ralph Siegel erklärt wie dieser Komponist wohl zu seinen Liedtextchen kommt - einfach nur komisch!
Das Unglück von Dieter Bohlen: Wer Glück hat, trifft einen Freund; wer Unglück hat, eine schöne Frau. Und wer wirklich Pech hat, immer wieder eine noch schönere und jüngere. Das Glück von Nadja: Sie kommt langsam zur Vernunft und erkennt wohl, dass dieser Satz nicht stimmt: Eine schöne Frau wäre dumm, wenn sie auch noch klug wäre. Im Vergleich zur Biographie von Dieter Bohlen empfinde ich diese als glaubwürdiger, ehrlicher. Hat Naddel etwas daraus gelernt? Ihre Biographie liegt jetzt 4 Jahre zurück, eine gute Möglichkeit zum Abgleich. Sie lebt heute in Österreich, bekennt sich zu ihren Essstörungen und singt als Schlagersternchen zusammen mit Kurt Elsässer Schlager bzw. Volksmusikliedchen. Ein Auftritt beim Fernsehgarten oder Fröhlichen Alltag zeigt mir ein immer noch unsicheres, liebes, schönes Kind, das schwer zu eigenen Aussagen und Meinungen findet. Sie plappert Bohlen oder ihrem neuen Lebenspartner (einem österreichischem Millionär) nach und meint, dass man ruhig Naddel zu ihr sagen könne, das sei ja irgendwie doch ein Markenzeichen. Irgendwie klingt das traurig, verzagt, ein so eklatantes Mißverhältnis zwischen ihrem äußeren Erscheinungsbild und den Sätzen, die so zögerlich unsicher ihrem Mund enthauchen.