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Kathrine: 28 Jahre alt, Zöllnerin, ein Kind aus erster Ehe, zum zweiten Mal verheiratet -- und auf dem Absprung. Die Liebe zu Thomas ist zum Scheitern verurteilt -- zu viele Lügen, zu wenig Licht, zu viele Wünsche, zu wenig Horizont. Kathrine bricht aus, besteigt ein Schiff, fährt nach Paris, besucht einen Bekannten -- und kehrt zurück ins Land, wo es lange dunkel bleibt.
Eine undramatische Geschichte, die jedoch von beklemmender Tiefe ist. Das Leben in der engen Gemeinschaft von Familie, Freunden, ehemaligen und aktuellen Liebhabern, die Besuche der russischen Seeleute im Hafen. Und als Gegensatz die Weite der übrigen Welt, in der Kathrine jedoch in ihrer eigenen Beschränkung gefangen bleibt. Und doch hat der kurze Ausflug etwas ausgelöst. Sie krempelt ihr Leben um, zieht mit Morten, ihrem dritten Mann, vom kleinen Dorf über dem Polarkreis weg. Das Ende der Geschichte ist der Anfang der Geschichte: "Es wurde Herbst und Winter. Es wurde Sommer. Es wurde dunkel, und es wurde hell."
Peter Stamm ist ein faszinierendes Stück Literatur gelungen. Wie schon in früheren Texten von ihm fällt dem Leser die Identifikation mit den Personen nicht leicht, ihre Präsenz ist jedoch nachhaltig, und immer wieder blitzen Momente des Romans im richtigen Leben auf. In Ungefähre Landschaft gönnt er sich auch die Zeit, die Figuren mit mehr Details zu zeichnen, als ihm das in den Skizzen von Blitzeis gelungen ist. --Martin Walker
Peter Stamms Roman «Ungefähre Landschaft»
Peter Stamms neuer Roman spielt nördlich des Polarkreises, im höchsten Norwegen, in der sogenannten Finnmark, da, wo das Nordlicht und die Kälte regieren. Unvermittelt kommt dieser Einsatz im hohen Norden nicht, Stamms Vorliebe für das weisse Element ist bekannt: «Blitzeis» heissen die gesammelten Erzählungen. Und Agnes, die Hauptfigur seines gleichnamigen Romandébuts, verlässt in einer Winternacht Mann und Haus, um in Schnee und Eis den Tod zu finden.
Überhaupt erscheint Kathrine, die Protagonistin des neuen Romans, in gewisser Hinsicht als eine Wiedergängerin von Agnes. Die gescheiterte Beziehung, die am Ende des Erstlings steht, bildet in «Ungefähre Landschaft» den Ausgangspunkt. Und die Kälte, die Agnes den Atem raubt, bedeutet für die Nordländerin Kathrine gezwungenermassen das Lebenselixier. Der ihr bestimmte Weg ist ein Weg «hinaus ins grenzenlose Weiss». Es ist kein Zufall, wenn der Autor den Titel des neuen Buches indirekt aus dem früheren zitiert. Schon «Agnes» führt durch eine Landschaft, die «etwas Ungefähres, Ungenaues» hat. Mit dem neuen Buch ist es nun erwiesen: Ungefähre Landschaften sind Stamms Gebiet.
Kathrines Geschichte ist ergreifend einfach. Nach einem frühen Kind und zwei missglückten Ehen reist sie in den Süden, auf den Spuren einer früheren Zufallsbekanntschaft. Enttäuscht und auf sich selbst zurückgeworfen, kehrt sie in ihr Dorf zurück. Dort verbindet sie sich mit ihrem Jugendfreund zu einer Gemeinschaft eher pragmatischer Natur. Bald lebt sie mit Morten und dem Kind eine Weltreise weiter südlich in Oslo. Durch diesen rettenden Schluss wirkt «Ungefähre Landschaft» wie ein entdramatisierter Gegenentwurf zum tödlich ausgehenden Erstling. Die schlanke Handlung wird flankiert von faszinierenden Schilderungen der nordischen Landschaft, die Kathrines Inneres nach aussen kehren. Stimmungsbilder und Momentaufnahmen erlangen grosses Gewicht, das Atmosphärische dominiert.
Mit der bestechend einfachen und unaufgeregten Anlage des neuen Buchs beweist Stamm Mut. Überzeugten doch am vielgelobten Erstling gerade das Raffinement des selbstbezüglichen Erzählens und das gestrenge Pathos, das aus dem angekündigten Tod von Agnes resultiert. Freilich gesellt sich bei Stamm zum Mut auch die Einsicht. Er weiss es, die ausgeklügelte Erzählsituation von «Agnes» war einmalig, ist kaum zu überbieten.
Stamm verlässt sich nun ganz auf sein Sprachvermögen. Mit allen Wassern der Lakonik gewaschen, fällt es ihm leicht, Wesentliches einfach zu fassen. Er schreibt einen nahezu klassisch zu nennenden Stil. Um die Strohfeuer und Extravaganzen des Zeitgeists schert er sich nicht. Dem raffenden Stil, der im Vergleich zu «Agnes» noch perfektionierten Kunst der Auslassung, eignet ein herber Charme. Die unverkennbare Lust, mit starker Hand über das Figurenarsenal zu gebieten, wirkt kaum je anmassend, im Gegenteil, die Souveränität imponiert. Lediglich skizziert, geraten die Charaktere zu Figuren, die über sich hinausweisen. Sie könnte auch Catherine heissen und in Frankreich leben, geht Kathrine einmal durch den Kopf. Mit Leichtigkeit gelingt Stamms unterkühlter Prosa, was so manche écriture verfehlt, die bedeutend mehr Aufwand betreibt: eine bisweilen heilig-nüchtern anmutende Poesie, in der Beiläufiges unvermittelt bedeutsam erscheint.
Einen Tribut an die Moden der Zeit in diesem Fall an den Kult um das Gedächtnis kann man allenfalls darin erblicken, dass jetzt auch bei Stamm die Erinnerung als Triebfeder und Garant des Erzählens erscheint. Doch auch hier bewahrt die Stilsicherheit den Autor vor zu viel Emphase. Kathrine «streunte durch ihre Erinnerungen», heisst es lapidar. Und schliesslich ist die Mnemosyne seit je eine der Musen, welche die Dichter nicht nur aus Passion, sondern berufshalber anrufen.
Die Leitmotive von «Ungefähre Landschaft» sind der Mangel an Licht und das Zwielicht. Wo das Buch spielt, lastet die Polarnacht schwer auf den Menschen. Und das halbe Jahr über wird es nachts «nie mehr ganz dunkel». So gleicht Kathrines Leben einer Suche nach Licht. Langsam tritt in ihr Bewusstsein, was sie einst träumte: «Es war dunkel, nur dort, wo sie war, gab es Licht. Das Licht ging mit ihr.» Der Schluss des Buches verbreitet mit grosser Geste melancholische Zuversicht. Die Perspektive der geläuterten Agnes weitet sich ins Globale: «Es wurde Herbst und Winter. Es wurde Sommer. Es wurde dunkel, und es wurde hell.»
Wenn Stamm das Zwielicht beschwört, den Dämmer zwischen gleissendem Licht und tiefschwarzem Dunkel, so siedelt er sein Buch in einer prekären Zone an. Was sich an Unentschiedenheit und Unwägbarem zwischen den Extremen häuft, ist stellenweise sehr symbolisch, gelegentlich vermisst man auch wirkliche Spannung. Die forciert suggerierte Bedeutsamkeit wirkt manchmal prätentiös.
Es ist eine Stärke des Buches, dass das Weder-noch auch die Form bestimmt. Denn was im Untertitel «Roman» heisst, ist eigentlich eine Novelle, eine auf einen Handlungsstrang beschränkte Erzählung einer Episode. Eine Novelle freilich, der das von der Gattungskonvention geforderte ausserordentliche Ereignis abgeht. Kathrine deckt zwar das Lügengespinst ihres zweiten Ehemanns Thomas auf. Sie zieht daraus auch die Konsequenzen und verlässt ihn. Eine alles umwendende und die Dinge neu ordnende Zäsur bedeutet dieser Bruch aber nicht. Vielmehr erweist er, dass das Unglück nicht für Kathrine allein bestimmt ist, sondern gleichsam im Ganzen wohnt. Was sich in Kathrines heilloser Verlorenheit personifiziert, umfängt schliesslich alle Figuren, die Nebenfiguren ebenso wie die vermeintlichen Täter.
Dass die Einsamkeit unausweichlich sei, dafür aber bemessen, ist der Tenor von Stamms zweitem Roman. Wenn der Autor seine Heldin vom Anspruch, das Dasein zu transzendieren und das höchste Glück zu erringen, befreit, erspart er ihr auch das absolute Unglück. Trotzdem bleibt Kathrine nicht, wo sie war. Mit anderen Worten: Stamm gelingt das Kunststück, zu beschreiben, wie eine Figur fort- und weiterkommt, ohne sich zu entwickeln. Indem Kathrine verharrt, indem sie das, was ihr innewohnt und was sie umfängt, erkennend erfährt und auf sich nimmt, kommt sie erst zu sich.
Stamms neuer Roman ist ein Kabinettstück. Er betreibt seine hohe Kunst freilich auf Messers Schneide. Gleicht Kathrines Selbstfindung einer Selbstaufgabe? Der Nachdruck, mit dem ihr Leben sie ereilt, ist so tröstlich wie erschreckend banal. Aus dieser stupenden Nähe von Vielsagendem und Nichtssagendem zieht Stamms Prosa ihren poetischen Reiz. Sie ist die perfekte Umsetzung des bei Paul Celan entlehnten Mottos, das dem Roman wie ein poetologischer Imperativ vorausgeht: «Du sei wie du, immer.»
Reto Sorg
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