Brahms' Ungarischer Tanz Nr. 5 gehört sicher zu den bekanntesten Melodien der klassischen Musik. Vielleicht bis zu einem gewissen Grad daher auch zu den abgenutztesten, aber dennoch, es ist und bleibt ein sehr schönes Stück. Die Nummer 6 gehört sicher auch zu den prominenteren Melodien. Die weiteren Tänze sind nach meiner Einschätzung weniger bekannt, doch es sind wirklich sehr schöne Melodien darunter - der Grundtenor ist zwar eher fröhlich, aber es sind auch nachdenklichere Passagen dabei.
Die hier vorliegende Version von Claudio Abbado mit den Wiener Philharmonikern ist gelungen. Fand ich sie beim ersten Hören noch etwas temperamentsarm, so hat sich dieser Eindruck nicht bestätigt. Es wird durchaus schwungvoll und ausdrucksstark musiziert, das Tempo wird schön moduliert und Betonungen werden für meinen Geschmack adäquat gesetzt. Was bleibt zu wünschen übrig? Man hört deutlich heraus, dass hier eher in einem für meinen Geschmack etwas veralteten Stil musiziert wird - breiter, vibratointensiver, manchmal etwas süßlich, fast schon schmalziger Streicherklang und etwas wenig Transparenz. Natürlich sollte ich bei Brahms andere Maßstäbe anlegen als für Schubert-, Mozart-, Beethoven- oder gar Bach-Interpretationen. Dennoch denke ich, dass es besser ginge. Ich wäre gespannt wie Norrington mit dem Radio-Symphonie-Orchester Stuttgart des SWR oder Järvi mit einem seiner Orchester dieses Stücke interpretieren würden. Die anderen Aufnahmen, in die ich hereingehört habe waren entweder ähnlich (Karajan) oder schlimmer (z.B. Prêtre) - gut möglich, dass mir noch etwas entgangen ist und natürlich ebenso möglich, dass es die Interpretationsrichtung, die ich gerne hätte nicht auf dem Markt gibt. Die Gefahr wäre ja auch, dass es dabei am Ende steril und ausdrucksarm klingt.
Dennoch: insgesamt ist diese Aufnahme gelungen, aber ich denke, es ginge besser. Dennoch schön, dass es diese CD noch auf dem Markt gibt und auch schön, dass sie in die 111-Jahre Deutsche Grammophon-Box aufgenommen wurde.