Bevor Menschen eine Reise unternehmen, lesen sie einen Reisefuehrer. Reisen sie jedoch nach Afghanistan, sollten sie Jason Elliots Buch "Unerwartetes Licht" verschlingen. Besser kann Afghanistan aus der Ferne nicht betrachtet werden.
Nur ein Buch schreiben
Mitte der 90iger machte sich Jason Elliot auf zum Hindukush. Hier wollte er lediglich ein Buch schreiben und seine Eindruecke den Menschen zu Hause kundtun. Mehr nicht. Gesagt getan. Mit einer Handvoll Geld in der Tasche, leidiglich guter Ausruestung, war er sich vor der Reise seiner Schwierigkeiten im vom Buergerkrieg gebeutelten Land bewusst. Er schreibt in seinem Buch: "Ich hatte noch keinen Fuehrer, und unterwegs gab es keine Hotels oder Herbergen zum Uebernachten. Niemand wuerde Englisch sprechen, es wuerde kalt sein, und die Paesse lagen sehr hoch. Dazu kamen noch der Krieg sowie vollkommene Gesetzlosigkeit - alles in allem also die perfekten Bedingungen fuer eine wagemutige Expedition."
Das Herz Asiens
Elliot nimmt den Leser mit auf diese wagemutige Expedition. Durch das pulsierende Kabul, die eisigen Hoehen des Hindukush bis hin die Aengste im Angesicht des Todes. Vielleicht ein wenig naiv hat er sich auf die Reise gemacht, vielleicht ein wenig manchmal zu ueberzeichnet - doch stets mitreissend, abenteuerlich und um Details bemueht. So schreibt Elliot ueber das Land inmitten von Asien. Er laesst Muhammad Iqbal zu Wort kommen, der ueber sein Reiseland sagt: "Asien ist ein lebender Koerper, und Afghanistan ist sein Herz. Versagt das Herz, so stirbt auch der Koerper. Doch solange das Herz frei ist, bleibt auch der Koerper frei. Wenn nicht, wird er zu einem Blatt im Wind."
Kabul das Zentrum Afghanistans
Genau deshalb konnte das Land immer wieder mit einfachen Mitteln gegen seine Eroberer ankaempfen. Timur, Alexander, Dschingis Khan, England, die Sowjetunion und und und. Sie alle versuchten Afghanistan zu beherrschen. Zahlreiche Zeugnisse vergangener Jahrhunderte zeigen die gescheiterten Versuche. Und eben jenes Land durchreist der Autor, meist dabei auf sich gestellt. Seine Reise beginnt in Kabul, der Hauptstadt von Afghanistan.
Schmelztiegel der Kulturen
So schreibt er ueber Kabul: " Kabul ist ein von Bergen gesaeumtes Geschichtsbuch, dessen Buchstaben sich tief in die Gesichter der Menschen eingegraben haben. Bei einem Spaziergang durch die Strassen der Stadt kann man aus den Mienen der Maenner und Frauen die Spuren der Jahrtausende ablesen und wird so daran erinnert, dass man einen beispiellosen Schmelztiegel verschiedener Volker betreten hat." Dieser Schmelztiegel ist Zeugnis der vielen Eroberer, die ihre Frauen und Maenner zum Teil hier lassen mussten oder die freiwillig am Hindukush haengen geblieben sind.
Der tausendjaehrige Blick der Kaempfer
Genau diese verschiedenen Typen von Menschen, die nach Afghanistan kommen oder die hier in ihren Clans leben beschreibt er in all ihren Facetten: "Sein Gesicht war von einer so tiefen Schwermut ueberschattet, dass ich in ihm einen ehemaligen Regierungssoldaten vermutete. Die Maenner, die unter den Sowjets gewzungen waren, gegen ihr eigenes Volk zu kaempfen, hueteten in ihren Augen stets ein unbeschreibliches Leid. Es war derselbe Gesichtsausdruck, den Vietnamveteranen auch als `tausendjaehrigen Blick' bezeichnen. Er war unverkennbar."
Ein Fax aus einer anderen Welt
Schon nach kurzer Zeit in Afghanistan, nach Kaempfen mit Muhaheddin, der Kaelte der Berge, dem kargen Zuessen koennte nichts anschaulicher Sein als der Text eines Faxes aus England, seiner Heimat. Die Zeilen sind ihm so nah, doch auch so schrecklich fern: "Ich hielt mich seit zehn Tagen in Kabul auf. Im Hauptquartier des Roten Kreuzes erwartete mich ein Fax von zu Hause. Meine Schwester hatte neue Vorhaenge gefunden, passend zu ihrem Teppich. Das Wetter in England sei jaemmerlich, es schneie. Und wie sehe es bei mir aus? Es war wie eine Nachricht von einem anderen Planeten."
Der Tod ist fast ueberall
Waehrend andere Menschen sich in ferne Laender aufmachen, um als Touristen die Staaten zu entdecken, kam der Autor in dieses Land, um dessen Seele zu ergruenden. Der Leser ist dabei der Assistant des Forschers. In guten wie in schlechten Zeiten: "Ich hoerte wie sich in mir ein Schrei loeste, fuer den toten Mann und auch fuer alle Menschen, die jemals im Krieg ihr Leben gelassen haben."
Doch auch die Landschaft machte ihn zu schauen. Eindrucksvoll stellt der Verfasser dies heraus. Besonders wenn er ueber die Berge zieht, wird es dem Leser schwindelig: "Je hoeher der Pfad sich zog, desto bedrohlicher wurden diese Begegnungen. Es war, als wuerde man auf einem Pferd in der fuenften, zehnten oder manchmal gar der zwanzigsten Etage ueber einen Balkon ohne Gelaender reiten und dabei versuchen, sich den Platz noch mit jemanden zu teilen." Oder aber er bewegt sich mit einem klapprigen Fahrzeug...:""Waehrend des Anstiegs heulte der Motor immer verzweifelter. Er gab zweierlei Geraeusche von sich: eine Art Jammern, das tief aus seinem Herzen drang und flehentlich um einen hoeheren Gang bat; darueber legte sich das dumpfe Droehnen der beanspruchten Zylinder. Es war, als wuerden wir auf einem mechanischen Drachen reiten, der an einem Lasso hing und dessen animalische Energie sich auf jede einzelne Naht und Niete uebertrug."
Natuerlich musste es ja auch wieder hinab. Staendig in Todesangst: "Ich wusste nicht, was schlimmer war: nicht mehr nach vorn sehen zu koennen und somit alle Hoffnungen aufzugeben oder auf diesen Hauch einer Chance zu verzichten und mich blind dem Schicksal zu uebergeben.
Das unerwartete Licht
Stets sties man vor schroffer Kulisse auf unerwartet aufleuchtende Schoenheit, aehnlich wie ein Lichtstrahl, der in eine Hoehle faellt. Es war wie ein suesser Moment, der aus vielen mittelmaessigen Erlebnissen hervorstach und Empfindungen ausloeste, die vergleichbar waren mit dem Blick auf ein fruchtbares und liebevoll bepflanztes Tal nach einem stundenlangen Marsch durch kahle Berge."
Die Menschen am Hindukush
Und in all diesen Gegensaetzen lebten die Menschen Afghanistans. Die Paschtunen, die Hazara, die Tadschiken, die Usbeken. Das Aufeinandertreffen ist bei Elliot stets ein bewegender Moment. Denn es prallten stets die westliche als auf die afghanische Welt. Seine Eindruecke schildert er so: "Es war nicht allein das Leid der Bevoelkerung, das derartige Gefuehle in mir hervorrief, sondern vor allem die ruhige Gelassenheit, mit der die Menschen ihr Schicksal ertrugen. Sie fluechteten sich nicht einmal im Zynismus, obwohl dies angesichts ihres schweren Schicksals nur verstaendlich gewesen waere. Statt dessen laechelten sie immer noch."
Der Sinn des Lebens
Stets macht er sich seine Gedanken ueber die eigene Welt. Stellt sie bisweilen in Frage und kommt dann zum Kern des Ganzen, indem er in wenigen Zeilen die Frage nach dem Sinn des Lebens herausstellt: "Doch was braucht ein Mensch im Grunde? Etwas zu essen jeden Tag, Waerme und ein Obdach, ein Bett, in das er sich legen kann, und irgendeine Art von Betaetigung, die ihm ein Gefuehl von Erfuellung gibt. Das ist alles - zumindest soweit es das Materielle betrifft. Und das wissen wir auch. Aber unser Wirtschaftssystem hat uns einer derartigen Gehirwaesche unterzogen, dass wir in einem Grab enden werden unter einer Pyramide von Ratenzahlungen, Hypotheken, absurden technischen Spielereien und Spielzeugen, die unsere Aufmerksamkeit von dieser idiotischen Farce ablenken. Die Jahre brausen vorbei, und die Traeume der Jugend verblassen, waehrend sie in den Schrankfaechern der Geduld verstauben. Und ehe wir uns versehen, ist der Sarg versiegelt. Aber worin liegt dann die Antwort? Ganz einfach - in der Tatsache, dass wir waehlen koennen zwischen dem Bankrott der Brieftasche und dem Bankrott des Lebens."
Dem Konsumenten bleibt jetzt die Wahl die Buches zu lesen oder eines der besten Werke der Reiseliteratur zu verpassen. Es ist ein Muss fuer alle, die es nach Afghanistan zieht.
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Das Buch
Jason Elliot: Unerwartetes Licht. Reisen durch Afghanistan.
ISBN
3890292429
Malik Verlag (2002)
Der Autor
Jason Elliot, geboren 1965 in England, bereiste Afghanistan, das Land seiner Träume, mehrere Male. Zuletzt 1996, als die Taliban an die Macht kamen. Für »Unerwartetes Licht«, sein erstes Buch, erhielt er den begehrten Thomas Cook Travel Book Award. Jason Elliot lebt als Schriftsteller in London.