Sibylle Berg kommt zur Sache. Wie gewohnt. Ohne Umwege. Und wenn doch, dann überraschende Umwege. Ein Berg-Novize staunt. Ein erprobter Berg-Leser auch. Bloss nicht aus denselben Gründen. Hardcore für den einen, subtile und gleichzeitig brutale Variation des Themas Menschen, Männer, Triebe, Sehnsüchte und sublimierte Jämmerlichkeit für den anderen.
Stark im Wort und stark in der Betrachtung. Schon mal richtig niederträchtige Gedanken gehabt? Nicht ein bisschen böse, richtig runtergefahren gemein? Die lassen sich überbieten, keine Bange. Schon mal aus der Sicht eines Mörders die Welt betrachtet? Tun Sies über Sibylle Berg, das verhindert Unheil. Schon mal mit dem Hirn eines Vergewaltigers gedacht? Oder den Betrachtungen eines Sex-Maniac nicht bloss gefolgt, seine Bilder beinahe selbst erdacht und projeziert? Die gängige Formel zurückgelehnter Leser hier und Protagonist da funktioniert bei Herrengeschichten nicht. Der Leser wird zum involvierten Mitwisser und Komplizen, weil die Geschichten über ihre bizarren Figuren eine beklemmende Nähe zur Psyche des Täters schaffen. Und der Täter rückt dadurch so nah, weil er durch sachlich vorgetragene Ungeheuerlichkeiten irgendwie normal erscheint. Im Ton. Die schneidende Diskrepanz zwischen Sachlichkeit und Ungeheuerlichkeit lässt empfindsame Seelen ab und an nach Luft schnappen. Und weniger Empfindsamen bleibt die Luft eben einfach weg. Zuweilen.
Roter Faden und Faszination der einzelnen Geschichten: Eine Frau denkt 18 Geschichten lang männlich. Männlicher als jeder Mann, der genau weiss, was ein Mann tun muss, um Mann zu sein. Sie setzt sich selbst quasi im Hirn der Protagonisten fest und reflektiert aus deren Psyche, denkt deren Gedanken, spricht deren Sprache und tut Dinge, die nur Männer tun können. Herrengeschichten eben. Unerfreuliche dazu. So brillant mit der Sprache aus fremden Hirnen formuliert, dass sich Unerfreuliches, wenn nicht erfreulich, dann zumindest gebannt und gefesselt lesen lässt.
Ende des Lesens ist man(n) nicht ganz unfroh, dass Schluss ist. Schliesslich möchte man noch jemanden kennen, den man mag. Einfach so. Ohne zu viel zu fragen oder zu wissen. Aber gut, der Aufbau kann wieder beginnen. Das männliche Selbstverständnis hat Zeit, sich zu kitten und ins Lot zu bringen, bis zur nächsten Berg-Attacke. Kommt die, ist man(n) mit etwas Glück ein bisschen weiter. Nicht unmännlicher. Menschlicher vielleicht, eine Spur. Weil das temporäre Ankratzen des männlichen Stolzes und ein tiefer Blick in etwas zu männliche Abgründe vielleicht nicht die Welt verändern, aber immerhin: zu viel Mann muss nicht sein, männlicher Mensch genügt. Dergestalt gerüstet freue ich mich auf das nächste Berg-Werk.