Mit "Undertow" brachten Tool 1993 ihren ersten Longplayer unter's Volk, nachdem sie ein Jahr zuvor bereits die quantitativ eher magere aber durchaus eindrucksvolle Debüt-EP "Opiate" veröffentlicht hatten. Das neue Material stellt sich nun zusammen aus zehn Tracks, die doch bitte mindestens genauso einheizen sollen wie schon die alten Kohlen. So könnte der Erwartungshorizont einiger Fans jedenfalls ausgehesen haben. Ob nun jeder, der die Band durch "Opiate" in sein Herz geschlossen hatte, Freude an diesem Album findet, bleibt fraglich, doch es gibt zumindest einiges zu entdecken.
Die CD verschafft sich zunächst mit "Intolerance" einen impulsiven Start und scheint auch gleich ordentlich in die Eisen zu treten, doch schnell wird klar, dass das Grundtempo ein anderes ist, ein zäheres, schwerfälligeres, auf die Dauer mit dem Effekt einer betäubenden Trägheit versehenes, das im weiteren Verlauf des Albums zu dem markanten hypnotischen Rhythmus mutiert, der das ganze Werk prägt und dem Titel "Undertow" ja auch nicht allzu fern liegt: Denn wie ein Sog zieht die Musik den Hörer nach unten, lässt seine Glieder schwer und lahm werden. Von "langsam" an sich kann dennoch nie die Rede sein.
Enormen Anteil an diesem Effekt nimmt vor allem zu Beginn des Albums "bottom feeder" Paul d'Amour an seinen magendurchwühlenden vier Saiten, die beinahe noch schwerer daherkommen als auf dem Debüt aber ebenso selbstbewusst und doch nie aufdringlich. Eben genau richtig. Und das gibt dem Sound eine Basis, gibt ihm Form und macht ihn sozusagen griffig.
Und apropos griffig: Danny Carey, zuständig für die "membranophones", scheint in seiner Schiessbude alles dermaßen im Griff zu haben, als hätte er bereits im Mutterleib abstrakte Takte geklopft. Der Mann macht alles richtig, fügt sich optimal in Tools vertonten Sirup und weiss den Hörer dennoch im richtigen Zeitpunkt durch kurzes aber heftiges, fast schon einem Leistungssportler entsprechendes Anziehen des Tempos wieder wachzurütteln. Fast möchte man dann bei "Crawl away" schon sagen "danny goes hardcore", bevor dann durch die darauffolgende retardierende Punktlandung alles wieder gaaaanz laaangsaaam wird. Er setzt seine fett produzierten Geschosse und vor allem Bass-Drum und Double-Bass gekonnt ein, um den "Trägheitseffekt" zu verstärken und der Musik Charakter zu verleihen.
Den Charakter der Scheibe erzeugt aber in musikalischer Hinsicht vor allem auch Gitarrist Adam Jones. Im Booklet steht hinter seinem Namen "bastardometer", was irgendwie schon fast treffend klingt: Erst wirken die sechs Saiten in wahnsinnig schweren und erdrückenden Riffs wie schon auf "Opiate", dann verwöhnt er den Hörer aber mit echten Streicheleinheiten und effektiv neu gewonnener Melodie, die den toolschen Gesamteindruck auf "Undertow" nicht nur prägt sondern immens aufwertet. Vermehrt entwürgt er dem Instrument des weiteren auch verschrobenes, sich in luftige Höhen windendes Geschrammel, das im Grunde eine (wohl beabsichtigt) recht verstörende Wirkung hat. Wie der komplette Sound des Albums an sich auch. Da ist immer etwas Abstoßendes in diesen zehn Songs und genau das scheinen Tool bewirken zu wollen.
Form und Farbe (die Farbe wäre wohl "rost") erlangt das Abstoßende und Verstörende natürlich erst Recht durch den charismatischen Sänger Maynard Keenan, der gerade mit diesem Album Schmerzen, Wut und Ängste zu verarbeiten scheint. Beim Hören des Tracks "Sober" kann man sich diesen gebrochenen, zornigen kleinen Menschen wirklich gut in einer feuchten, finsteren Ecke kauernd vorstellen. Er bringt seine Vocals wie gehabt sehr leidenschaftlich und überzeugend rüber und man wundert sich wirklich teilweise, woher er diese Kraft und Energie seiner Stimme nimmt und ebenso wundersam bzw. wundervoll erscheint einem dann der gegensetzliche, zerbrechliche, schüchterne Maynard, wenn er in seinem Sprechgesang wieder ganz klein wird. Was die Ausdrucksweise an sich angeht, schmückt Maynard die Texte nun bereits vermehrt mit geschickten Umschreibungen und ansehnlichen Bildern sowie den toolschen Neologismen, wobei er im Grunde dennoch kein "Fuck" auslässt. Ehrlich.
Als Gruppe funktionieren Tool auf "Undertow" wieder ebenso gut wie schon auf dem Debüt: Man inszeniert gemeinsam eindrucksvollste Krachgewitter. Man lässt im Gegensatz zu "Opiate" durch mehr Pausen zu, dass der Staub sich sozusagen legt, um ihn dann energisch wieder aufzuwirbeln. Man lässt sich ein wenig mehr Zeit, kommt hier und da vom Grundthema des Songs ab, macht kleine Einzelausflüge und kommt dann wieder am Ausgangspfad zusammen, sodass kein Zweifel daran bestehen kann, dass jeder einzelne den Weg kennt. Das Songwriting wird komplexer, was mitunter zu mehr flüssig und butterweich dargebotenen Übergängen führt und vor allem beginnen Tool-Songs langsam, sich aus verschiedenen, sich oft nicht wiederholenden Sequenzen zusammenzusetzen und praktisch einen Werdegang verfolgen zu lassen. Tool machen auf "Undertow" keine Musik mehr, die sich ohne weiteres ins Radioformat packen lässt. Wollen sie auch nicht. Stattdessen dauert ein Song inzwischen bereits etwa sechs Minuten, was aber ausschließlich als positiv zu bewerten ist, weil man merkt, dass sich Tool darin entfalten und sich selbst neue Horizonte erschliessen. Und Zeit muss man sich für dieses zugegebenermaßen nicht ganz einfach zu verdauende Stück Musik sowieso nehmen.
Summa Summarum haben Tool hier ein Album produziert, mit dem sie sich durchaus in der Szene etablieren und festkrallen, der angesprochene Erwartungshorizont der durchaus geforderten Fans ist auf eine Geduld und Zeit fordernde (die CD braucht Zeit!) Probe gestellt, doch die Motive der Band sind wohl noch andererorts zu suchen: Tool haben ihr (auch hinsichtlich ihrer folgenden Alben) mit Abstand verstörendstes Werk abgeliefert, dass den Hörer seelisch entkleidet und durch die erzeugte Atmosphäre, die Themen und die musikalischen Bilder auf eine gewisse Weise peinlich berührt und genau das scheint die Absicht zu sein. Vor allem auch das bevorzugt durch Adam Jones gestaltete Booklet mit dicken nackten Frauen, rasierten Hausschweinen und Kühen, die sich selbst anal züngeln (es gibt wie gesagt einiges zu entdecken...), verstärkt diesen Eindruck. Tool sind seit "Opiate" gewachsen aber gleichzeitig beginnen sie, Schatten auf sich selbst zu werfen und einiges im Dunkeln bzw. unausgesprochen zu lassen, was sie in meinen Augen nur noch weiter wachsen lässt.
Die Pointe kann nur eine sein: Kaufen!
Highlights der CD sind praktisch nicht zu benennen. "Prison Sex" empfiehlt sich als impulsiv vertonte Kindesmisshandlung mit hohem Entrückungswert und das mindestens ebenso aufwühlende "Sober" ist in meinen Augen das vielleicht stärkste Stück der Band überhaupt. Sobald sich Tool dann via "4°" in die Hirnrinde des Hörers geschrammelt haben, werfen sie einem als Schlussakt noch einen recht anstrengenden, nur langsam aber dafür umso unaufhaltsamer ins Rollen kommenden Brocken mit der Bezeichnung "Flood" vor, um einen dann am Ende in einem rituell anmutenden Szenario zwischen Geblök und Gezirp stehen zu lassen. Allein.