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Der erste Klassiker des neuen Jahrtausends, 18. September 2003
Vladimir Makanin war sozusagen ein gesamtdeutscher russischer Autor, er wurde bei uns und in der DDR verlegt. Sein Roman "Predtetscha" beispielsweise hieß drüben "Der Wunderdoktor", bei uns viel genauer "Der Wunderheiler" (der Held war kein Doktor, sondern eben ein Heiler). 9 der 10 hier verlegten, meist schmalen Werke erschienen im "Neuen Malik Verlag" Kiel, den Thieß Ziemke 1996 an Piper verkaufte. Seither herrschte in Sachen Makanin Funkstille bei uns, obwohl er anderswo renommierte Buchpreise erhielt. Jetzt feiert er ein wuchtiges Comeback mit "Underground". Es handelt vom Versagen des Staates und der Intellektuellen, lässt die klassische russische Literatur wiederaufleben und kann gleichzeitig - wie immer bei den Russen - als Indikator gesellschaftlicher Zustände und Wandlungen dienen . "Underground" ist der zeitgemäße Ausdruck für jenes Kellerloch, in dem Dostojewskijs sarkastischer Weltbeobachter seine sarkastischen Aufzeichnungen anfertigte. Der Ex-Beinahe-Schriftsteller Petrowitsch ist "house-sitter" in einem riesigen Mietshaus. Das ist sowohl ein Weltmodell als auch eine riesige Versuchsanordnung für soziologische Studien, eine Art Guckkastenbühne, auf der ein Stück gespielt wird, das "Das Leben" heißt. Petrowitsch sinkt immer tiefer, wird gar zum Mörder, was juristisch wie mental folgenlos für ihn bleibt (und was ein bezeichnendes Licht auf die Zustände in Russland wirft). Schließlich landet er in der Klapse, aber er lässt sich nicht unterkriegen. Ein Buch, das man zweimal lesen kann, so voller Leben und Literatur steckt es - eine anspruchsvolle Lektüre, und wer es geschenkt bekommt, darf das getrost als Kompliment an seinen Geschmack, seine Bildung und seinen Intellekt verstehen.
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4.0 von 5 Sternen
Makanin is back, 1. September 2003
Vladimir Makanin wurde 1938 in Orsk am Ural geboren, lebt aber in Moskau. Im Gegensatz zu den Vertretern der Dorfprosa wie Valentin Rasputin schildert er ausschließlich urbanes Leben. Dabei gehört seine Liebe den Randständigen und Unangepassten. Charakteristisch hierfür ist etwa der Roman „Der Wunderheiler", der in der DDR „Der Wunderdoktor" hieß. Seine Werke sind Versuchsanordnungen, in denen Figuren wie Ratten im Labyrinth herumlaufen. Die Schöpfung ist defekt, Gott abwesend oder desinteressiert, die Gesellschaft und das Individuum sind Gegensätze.
Makanin erlebte mit dem Ende der SU einen Tiefpunkt seiner Karriere: Er schrieb erzpessimistische Werke wie „Das Schlupfloch". Hierin versucht ein Intellektueller vergeblich, sich zu seinen Kumpanen in eine Höhle im Untergrund durchzubaggern. Hier ruht der Nukleus zum neuen Roman. Dann wurde „sein" Verlag, der Neue Malik verkauft, und lange wurde M. nicht übersetzt.
Jetzt feiert er ein fulminantes Comeback, eine Art Kompendium des russischen Gegenwartslebens und -denkens.
Stets webt M. ein dichtes Netz literarischer Bezüge, so auch hier. Hier sind es unter anderem Lermontow (von dessen Klassiker der Untertitel entlehnt wurde), Dostojewskij, Vladimir Sorokin (Die Schlange), Martin Heidegger u.v.a.
Ein weiteren Bezugspunkt stellt unausgesprochen Lesages Roman „Der hinkende Teufel" dar. Der Teufel ist ein Detektiv (detegere - lat. abdecken). Er deckt die Häuser ab und schaut in die Wohnungen der Menschen. M.s Held Petrowitsch tut das auch. Er ist „house sitter" und darf daher überall hineingucken. Das Wohnhaus, in dem er seiner Arbeit nachgeht, ist ein Labyrinth, wie er es schon in früheren Werken geschildert hat.
Im Laufe der Jahre begegnen ihm so mehr als ein halbes Hundert Menschen mit Namen, Beruf, Schicksal. Mosaikartig setzt sich so ein Bild des heutigen Russland zusammen.
Kein süffiges Easyreading, das nicht. Aber die fesselnde Wiederauferstehung eines Erzählers mit hochauflösender Beobachtungsgabe, ein hochintellektuelles Werk und ein historisch-politisch-soziographisch höchst aufschlussreiches dazu. Wer die russische Literatur kennt und liebt, muss es unbedingt lesen!
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Makanin ist ein Held, 22. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Underground oder Ein Held unserer Zeit: Roman (Taschenbuch)
Makanin zählt mit diesem Buch für mich zu einem "modernen Tolstoi". Manche Sätze liest man mehrmals, sie sind wie in Stein gehauen - Lebensweisheiten. Die Seele der Russen im heutigen Rußland wird über dieses Buch mitgeteilt. Wer Interesse daran hat, sollte es lesen. Auch die 600 Seiten sind nicht störend. Jedes andere Buch danach ist wie ein Abstieg. Dieses Buch kann ich nur empfehlen. Eine Reise nach Rußland sollte nach dem Buchlesen folgen..
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