Christoph Röhls Film unterscheidet sich von ähnlichen Werken zum Thema "Missbrauch" dadurch, dass er konsequent die Perspektive der Opfer einnimmt, aber ohne die Betroffenen gleichzeitig zu stigmatisieren. Alles, was in vielen anderen Dokumentationen dazu führt, dass der Zuschauer zwar Mitleid oder Mitgefühl entwickelt, aber sich gleichzeitig auch gefühlsmäßig von den Opfern abschotten kann, fehlt in diesem Film.
Die Farbgebung ist nicht matt-grau, sondern natürlich-ansprechend, die Interviewten sind so aufgenommen, dass sie echt und lebendig wirken. Keine Lichteffekte, die Schatten unter Augen oder Falten in Gesichter zaubern, wo gar keine sind. Keine jammernden Geigen, keine schmutzig-trüben Pfützen oder ernsten Klaviersequenzen. Trotzdem, oder vielleicht gerade darum ist dieser Dokumentarfilm um so verstörender.
"Die armen Opfer" werden so zu Menschen "wie du und ich".
Einige der Betroffenen und zwei ehemalige Lehrer, die sich der Wahrheit stellen, die Einzigen somit von denen Authentisches zu erwarten ist, berichten wie es wirklich zuging an der Odenwaldschule und was sie in dem Zusammenhang bewegt. So frontal, dass sich der Zuschauer quasi in einem Zwiegespräch wähnt.
Dieser Film ist am ehesten vergleichbar mit "Deliver us from Evil" von Amy Berg. Im deutschsprachigen Raum hat er, was seine hohe Qualität angeht kein Pendant.
Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, Betroffene sexualisierter Misshandlung in der Kindheit