Wer sind die, die anderen therapeutische Hilfe anbieten? Warum machen sie das? Und können sie mit Problemen besser umgehen als ihre Klienten? Oder sind sie am Ende auch nicht "gesünder" als ihre Klienten? Freud hat sich mit dieser Frage auch schon beschäftigt und ist zu einem durchaus pessimistischen Resumee gekommen: "Es ist unbestreitbar, dass die Analytiker in ihrer eigenen Persönlichkeit nicht durchwegs das Maß von psychischer Normalität erreicht haben, zu dem sie ihre Patienten erziehen wollen." Direkter formuliert es mancher volkstümliche Spruch: "Lehrers Kinder, Pfarrers Vieh, gedeihen selten oder nie." Oder der Satz vom Schuster, der selbst immer die schlechtesten Schuhe hat.
Schmidbauer hat sich in mehreren Büchern mit diesen Fragen auseinandergesetzt. Eva Jaeggi bewegt sich auch in diesem Fahrwasser und hat in einem groß angelegten Forschungsprojekt mit ihren Diplomanden Motive, Ideale, Erfahrungen, Wertvorstellungen, Privatleben, Ausbildung, Berufszufriedenheit und psychische Belastungen der Therapeuten untersucht. Das hat ein Dutzend Diplomarbeiten ergeben, die wiederum die Grundlage für Jaeggis Buch darstellen. Ergänzt hat sie diese Basis durch persönliche Erfahrungen aus jahrzehntelanger therapeutischer Tätigkeit sowie durch Aufarbeitung der einschlägigen Literatur. Herausgekommen ist dabei ein gut lesbares Buch, das durch die viele Interview Zitate einen sehr persönlichen Eindruck vom Therapeuten Dasein vermittelt.
Schmidbauers Arbeiten haben das "Helfersyndrom" ergeben. Ich denke, Jaeggis Arbeit weist auf ein weiteres therapeutisches Sydnrom hin, das ich das "Als-Ob-Syndrom" nennen würde. Jaeggi zeigt nämlich eindrücklich, dass es eine tiefe Kluft zwischen therapeutischem Ideal und therapeutischer Wirklichkeit gibt und dass die Therapeuten selbst ihrem Ideal kaum entsprechen: "Die berichteten Zahlen über schwere psychische Störungen (während Ausübung des Berufes) variieren: 73% schwere Angststörungen, 58% Depression (...), 82% schwere persönliche Probleme infolge Beziehungsschwierigkeiten, 11% Süchtige, 2% Suizidversuche." Resumee: Die psychische Gesundheit von Therapeuten ist nicht besser als die der Normalbevölkerung, eher schlechter. Und zwar nicht vor, sondern nach den langjährigen Lehrtherapien! Das ist natürlich nur schwer bewusstseinsfähig. Denn im Gegensatz zu so vielen anderen Berufen, soll es ja gerade die Persönlichkeit des Therapeuten selbst sein und seine "Beziehungsgestaltung", die den eigentlichen therapeutischen Effekt ausmacht. Deshalb wird bizarrerweise gerade in den Lehrausbildungen, in den Supervisionen und Intervisionen gelogen und geschummelt, geschönt und geradegebogen was das Zeug hält. Dadurch unterscheidet sich die therapeutische Medizin von der organischen Medizin und dadurch rückt der Therapeut in die Nähe des Seelsorgers, des Pastors. Es ist wohl kein Zufall, dass der Pastor hier mit ähnlichen Problemen kämpft.
In der Diagnose des Problems gehe ich mit Jaeggi konform, nicht aber im Lösungsvorschlag. Sie schlägt nämlich allen Ernstes eine Spaltung des Therapeuten vor, in einen professionellen Helfer, der so tut "als ob" er die therapeutischen Ideale leben könnte und einen privaten Menschen, der ebenso hinfällig und schwach ist wie alle anderen auch. Dazu bedient sie sich Diderots Bild vom "Paradox des Schauspielers": "Die Vorbildfigur - so meine freche These - für den Psychotherapeuten ist nicht die des real beziehungsfähigen Menschen, sondern es ist die des Schauspielers." Die Verstellung dürfe aber vom Patienten nicht durchschaut werden, denn dies würde den Therapieerfolg gefährden.
Psychotherapie als Schmierenkomödie? Der eine, der Therapeut, tut so, "als ob" die Ideale erreichbar wären und der andere, der Klient, tut so, "als ob" er versuchen würde, sie zu erreichen. Dabei wäre auch eine andere Lösung denkbar. In Jaeggis Buch ist sie zwischen den Zeilen zu lesen. Wenn sie etwa darauf hinweist, dass die humanistischen Ideale oft von moralischen Zwängen überladen sind. Denn das ist natürlich der Selbstbetrug der Authentizität, wenn nur das als authentisch gilt, was zugleich edel, gut und rein ist. Oder wenn sie ausführlich Yaloms "Rote Couch" bespricht. Denn Yalom schlägt einen durchaus anderen Weg ein: Weg vom "als ob" des Therapeuten, hin zu einer wirklich authentischen Begegnung. Das ist natürlich eine Gratwanderung, voller Gefahren und Untiefen. Mit anderen Worten: Die Alternative zur Schmierenkomödie wäre die Entschlackung des Humanistischen vom Moralischen. Jung hat das in seinem wunderbaren Satz formuliert, dass es in der Therapie nicht darum geht, eine Neurose loszuwerden, sondern zu lernen, mit ihr zu leben. Ich denke, dass nämlich gerade die Verstellung den Therapieerfolg gefährdet und zwar bei beiden, beim Therapeuten und beim Patienten.
Trotz dieser Einwände halte ich Jaeggis Buch für ungeheuer wertvoll. Mutig legt sie den Finger auf genau die wunden Punkte, die in den Ausbildungen meistens schamhaft übergangen werden. Und wer weiß, vielleicht ist in der "als-ob" Frage noch nicht das letzte Wort gesprochen.