Wir haben ein vertrauensvolles Verhältnis zu unserer Tochter. Sie respektiert uns, orientiert sich an uns, nimmt uns aber auch als Menschen mit Schwächen wahr. Da muss ich keinen Fünf-Jahres-Plan erstellen, in welchem Alter sie wie lange ausgehen darf, ob sie Alkohol trinken darf und wieviel Kontakt sie mit Jungs haben darf. Wie hätte ich, als sie dreizehn war, wissen sollen, was jetzt mit sechzehn für sie gerade wichtig und aktuell ist? Ob sie überhaupt das Bedürfnis hat, bis nachts um eins auf die Piste zu gehen oder mit wem sie sich rumtreibt? Sie ist so vielseitig interessiert, dass ich sie auch keine Projekte erledigen lassen muss, die sie garantiert verweigern würde, weil sie den Sinn solcher Zwänge nicht einsieht.
Ich fand die Tipps in dem Buch antiquiert, zeitaufwendig und verkrampft, verfasst von Eltern, die ihrer Intuition nicht trauen und einen Vertrag für die Kinder aufsetzen, den sie unterschreiben müssen, damit man darauf verweisen kann. Dabei erkennen Kinder solche Gesetze als genauso subjektiv von den Eltern verfasst, wie einmalige, der Situation entsprechende Verbote (notfalls mit Hinweis aufs Jugendschutzgesetz). Unsere Erfahrung zeigt: Es gibt "Probleme", die momentan nicht lösbar sind und von denen man vielleicht einfach akzeptieren muss, dass sie zur Pubertät und zur Abnabelung dazugehören (Unpünktlichkeit, Kleidungsstil, Schulunlust), was nicht heißt, die kritiklos hinzunehmen. Aber die Jugendlichen müssen auch mal die Konsequenzen aus ihrem Verhalten selbst ausloten, wenn man es verantworten kann, auch wenn ihnen noch der Weitblick fehlt. Ansonsten ist das Wichtigste, die Balance zu finden zwischen Grenzen setzen und Freiheiten lassen. Offen zu sein, eigene Ängste einzugestehen und unserer Tochter zu vertrauen, statt einfach etwas zu verbieten, was sie nicht nachvollziehen kann (weil die Eltern ja keine Ahnung haben), hat bei uns in wichtigen Dingen immer funktioniert.
Wenn man selbst verantwortungsvoll mit Alkohol umgeht, klingt es doch glaubwürdiger, zu sagen: "Ich habe Angst, dass du dich von anderen verleiten lässt, Alkohol zu trinken und dich in der Wirkung verschätzt" als: "Zur Konfirmation darfst du ein halbes Glas Sekt trinken und sonst ist Alkohol verboten, bis du volljährig bist." "Wenn dein Freund älter ist, kann es sein, dass er schon mit dir schlafen will, auch wenn du noch nicht dazu bereit bist. Dann musst du es nicht ihm zu Gefallen tun. Warum Kondome wichtig sind, weißt du ja selbst." ist doch etwas anderes als: "Kein Sex vor der Ehe."