... den Parlamentarismus und die Demokratie. Ihre Rede vom 1. Oktober 1982 zählt für mich zu den beeindruckendsten Zeugnissen eines "liberalen Gewissens" in der deutschen Parlamentsgeschichte." Mit diesen Worten hat der gegenwärtige FDP-Generalsekretär Christian Lindner der Staatsministerin a.D. Hildegard Hamm-Brücher zu ihrem 90. Geburtstag am 11. Mai 2011 gratuliert.
Wenn man das Buch gelesen hat, dann überrascht der Glückwunsch nicht. Denn obgleich Hildegard Hamm-Brücher am 22. September 2002 ihren Austrittsbrief an den damaligen Vorsitzenden der FDP abgeschickt hatte, Anlass waren antisemitische Äußerungen des Parteikollegen Möllemann, so macht sie sich doch Gedanken über die Zukunft des politischen Liberalismus. Vermisst den Freimut, mit dem sie und andere ihrer Generation einst ihre Meinung ausdrückten. Eine lebendige "democracy by discussion", wie sie es auf Seite 142 ausdrückt, findet jedenfalls ihrer Meinung nach momentan nicht statt. Und so nebenbei bemerkt die Grande Dame des deutschen Liberalismus, dass ein Christian Lindner allein noch keine neue FDP mache. Es überrascht an dieser Stelle, dass kein anderer liberaler Hoffnungsträger Erwähnung findet. Der Generalsekretär und die ehemalige Staatsministerin scheinen sich jedoch gegenseitig zu schätzen.
Die von Christian Lindner erwähnte Rede vom Oktober 1982 ist selbstverständlich in diesem Buch abgedruckt. Schlagen Sie einfach die Seiten 164ff auf. Dort finden Sie den Widerspruch gegen das konstruktive Misstrauensvotum zur Amtsenthebung des damaligen SPD-Bundeskanzlers Helmut Schmidt. Inklusive der Reaktionen aus dem Plenum. Wer Beifall spendete, wer sich empörte. Des Weiteren erfährt der Leser auf Seite 139, dass der Entschluss zu diesem Beitrag erst in der Nacht vor der Sitzung gefasst wurde. Für ihre Erklärung hatte sich Hildegard Hamm-Brücher nur Notizen gemacht, und sie war sich keineswegs sicher, ob und was ihre Rede bewirken würde. Nun, die Folgen ließen nicht auf sich warten. Heiner Geißler bezichtigte sie eines Anschlages auf die Verfassung. Helmut Kohl würdigte sie keines Blickes mehr. Selbst bei der Bundespräsidentenwahl 1994 ignorierte er sie. Nicht zu vergessen ihr Amt als Staatsministerin im Auswärtigen Amt: es wurde im September 2002 beendet. Und dennoch, Hildegard Hamm-Brücher ließ sich nicht verbiegen, leugnete nicht ihre Überzeugung. Der demokratische Anstand war ihr wichtiger. Ich kann mich noch gut an die damalige Rede erinnern. Es sind solche Momente, solche Menschen, die Hoffnung vermitteln.
Aber natürlich geht der Inhalt dieses Buches über diesen Moment hinaus. Es beginnt mit den Erlebnissen im Nachkriegs-Deutschland. Der Leser verfolgt einen Lebensweg, der immer wieder von glücklichen Zufällen geprägt war. Der Berufsweg als Chemikerin war ihr nach dem Krieg versperrt, es fand sich jedoch eine Tätigkeit bei der amerikanischen Neuen Zeitung, wo sie erst freiberuflich, dann festangestellt Beiträge verfasste. Ihr Chef: Erich Kästner. Theodor Heuss gab ihr nach einem Interview den Rat mit auf den Weg, sie müsse in die Politik gehen. 1 1/2 Jahre später wurde Hildegard Hamm-Brücher von seinem Freund Thomas Dehler, dem Gründer der bayrischen FDP, gefragt, ob sie für den Münchner Stadtrat kandidieren wolle. Gesagt, getan, gewonnen. Ein Jahr später durfte die junge Stadträtin die amerikanische Demokratie vor Ort erleben. Sie kehrte erst im Sommer 1950 nach Deutschland zurück, um Abgeordnete im Bayrischen Landtag zu werden. Ein aufmüpfiges Mitglied wohlgemerkt. Franz Josef Strauss nannte sie 'Krampfhenne', Alfons Goppel (ein anderer bayrischer Ministerpräsident) bezeichnete sie als 'Bissgurke'. Hildegard Hamm-Brücher ließ sich von derartigen Titulierungen jedoch nicht beeindrucken. Mit Durchhaltevermögen und einer gewissen Portion Sturheit setzte sie sich für ihre Ziele ein. Als schul- und bildungspolitische Sprecherin im bayrischen Landtag kämpfte sie gegen die Prügelstrafe in Schulen, setzte sich für die Aufhebung der konfessionellen Trennung ein, und dafür, dass Mädchen in staatlichen Gymnasien aufgenommen wurden. Ja, sogar die als "unsittlich" bezeichneten Schulbusse wurden einige Jahre später eingeführt. Hildegard Hamm-Brücher war zu diesem Zeitpunkt bereits Staatssekretärin im hessischen Kultusministerium.
Daneben finden sich im vorliegenden Buch Gedanken über den wechselvollen Umgang mit den Erblasten des Nationalsozialismus sowie eine Beschreibung der Demokratie als Staats- und Lebensform. Theodor Heuss wird gewürdigt, und das Ende der Adenauer-Ära, der Mauerfall und die überstürzte Vereinigung thematisiert. Insbesondere bedauert es Hildegard Hamm-Brücher, dass es zu keinem Plebiszit gekommen ist. Eine Volksabstimmung hätte den Willen des Volkes bekundet, die Wiedervereinigung hätte nicht allein den Willen der Politiker entsprochen. Ihre Vorliebe für eine Basisdemokratie spiegelt sich auch darin wieder, dass sie die Bürgerrechtler als vorbildliche Dissidenten erkennt. Dass diese in der Folge ins Abseits gerieten, beklagt sie.
Kurz und gut:
Ein bewegtes Leben. Der Leser findet in diesem Buch einerseits autobiografische Erlebnisse, andererseits erfährt er mehr über das demokratische Grundverständnis der ehemaligen Staatsministerin. Ein Plädoyer für eine gelebte Demokratie. Auch ein Plädoyer dafür, seinem Wissen und Gewissen zu folgen, insbesondere dann, wenn man der vorherrschenden Meinung nicht folgen kann, und es wagen muss alleine zu stehen, und "dennoch" zu sagen.
Möge dieses Buch viele Leser finden.
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Ein altes englisches Kirchenlied, das Hildegard Hamm-Brücher in heiklen Situation gelegentlich summte:
(S. 34)
Wag zu sein wie Daniel,
wage es, allein zu stehen,
wage es, ein Ziel zu haben,
wage es, und lass es sehen.
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