Hanno Rauterberg, Kunst- und Architekturkritiker im ZEIT-Feuilleton, legt eine kritische Auseinandersetzung mit der Gegenwartskunst vor. Es fehle heutzutage an der Bereitschaft, Kunst nach ihrer Qualität (und nicht nach ihrem Marktwert) zu beurteilen. Sein Buch rückt den Betrachter in den Mittelpunkt und fordert ihn auf, frei und selbstbewusst eigene Urteile zu treffen.
Eines vorweg: Hanno Rauterberg ist kein Verächter der Gegenwartskunst, sein Buch ist keine Ablehnung neuer Ausdrucksweisen und Formen oder gar ein Rekurs auf die Alten Meister. Es geht ihm um den Status Quo. In den postmodernen (Kunst-)Zeiten des Anything-Goes, der Ironisierung und der Infragestellung bzw. Missachtung handwerklich-technischer Fähigkeiten sollte man, so Rauterberg, wieder Kriterien in den Vordergrund stellen.
Rauterbergs Buch trägt den Untertitel Eine Qualitätsprüfung. Muss man aktueller Kunst ratlos gegenüberstehen? Nein. Muss man alles gut finden, nur weil es in Museen präsentiert wird oder auf Auktionen irrsinnige Preise erzielt? Nein. Darf man sich ein eigenes Urteil erlauben? Man muss! Aber wie geht das? Darüber schreibt Rauterberg. Verständlich, anschaulich, nachvollziehbar.
Rauterbergs Buch ist dreigliedrig aufgebaut. Teil 1 verhandelt den Kunstmarkt. Teil 2 deckt die 10 populärsten Irrtümer der Gegenwartskunst auf. Teil 3 bietet Wege aus der Qualitätskrise. Klar ist, dass auch Künstler nicht von Luft und Liebe leben können, dass es schon immer um finanzielle Unterstützung und Absatzfragen ging, dass Kunst präsentiert, ausgestellt, natürlich verkauft und seit ein paar Jahrhunderten auch in Museen bewahrt und in Epochen und Strömungen eingeordnet wird. Eine neue Entwicklung jedoch ist, wie der globalisierte Kunstmarkt in der Kunstszene für tiefgreifende Veränderungen sorgt. Kunst ist Ware, Kunst ist Spekulationsobjekt, Kunst misst sich an ihrem Verkaufwert. Und es ist die zeitgenössische Kunst, die hier dominiert. Alle rationalen Maßstäbe scheinen außer Kraft gesetzt, wenn wieder einmal für ein Bild der klassischen Moderne weit höhere Summen gezahlt werden als für viel seltenere und ältere Kunstwerke. Ein Gemälde von Johannes Vermeer war vor einigen Jahren bereits für 14,5 Millionen Dollar zu erwerben, für nur ein Zehntel dessen, was das Bild No. 5 von Jackson Pollock kostete []. Egal ob Monet oder Rubens, Beckmann oder Turner, sie können mit den Jungen, mit Damien Hirst oder Maurizio Cattelan preislich kaum noch konkurrieren. Davon abgesehen, dass man einen Vermeer auch nicht aus der Portokasse bezahlt, verwundert dies schon. Der heutige Kunstmarkt mit seinen spektakulären Auktionen, seinem Event-Charakter, seinem Streben nach Superlativen, seinen Emotionsmaschinen gibt jedoch eine eindeutige Antwort: Der Preis ist die Qualität. Mag man dies noch hinnehmen und die absurden Höchstgebote für Gegenwartskunst der Profilierungssucht einiger Milliardäre ankreiden, was wesentlich schwerer wiegt, ist: Die Dominanz des Kunstmarkts wirkt sich auf die Produktionsbedingungen der Künstler aus, färbt auf eine sich den Gegebenheiten anpassende Kunstkritik ab und spiegelt sich in der Arbeit der Museen wider. Museen verfügen nicht über die nötigen finanziellen Mittel, um (relevante) Gegenwartskunst zu erwerben. Sie sind immer häufiger angewiesen auf die Gnade vermögender Großsammler, die ihre teils wahl- und urteilslosen, nicht selten nur nach reinen Marktkriterien einkauften Kunstwerke unter ihren Bedingungen großmütig der Öffentlichkeit präsentieren möchten. Der Abschluss ihres Lebenswerks. Dafür herhalten soll die Institution Museum. Es geht ums Geld, um Profilierung, um Schlagzeilen. Fragen nach der Qualität bleiben außen vor bzw. werden erst gar nicht gestellt. Ein Teufelskreis, der kaum zu durchbrechen ist.
Rauterberg belässt es aber nicht bei der Zustandbeschreibung und Kritik des Kunstbetriebs samt seiner öffentlichen Einrichtungen heute. Herzstück des Buches ist die Frage, wie der einzelne, nicht in den Betrieb involvierte Kunstinteressierte sich wieder an moderne Kunst heranwagen kann, ohne wie der sprichwörtliche Ochs vorm Berg davorzustehen. Es könnte funktionieren über einen Katalog an Qualitätskriterien, der von der subjektiven Wahrnehmung ausgeht. Zuerst sollte der Betrachter gängige Klischees über Bord werfen. Die Kunst ist frei und niemand darf, niemand kann über sie richten. Das ist das Missverständnis, mit dem alles anfängt. In weiteren neun Punkten räumt Rauterberg mit diesen populärsten Irrtümern auf. Gute Kunst muss irritieren, gute Kunst muss wahrhaftig sein, gute Kunst muss Neues bieten Warum eigentlich? Wer fordert, dass Kunst unausschöpflich, unnahbar, unbegreiflich sein sollte, wer denkt, dass die Frage nach den Maßstäben für heutige Kunst irrelevant geworden sei, erledigt damit auch Festlegungen. Rauterberg: Für den Betrachter heißt das, er möge bitte schweigen. Er hat nur die Wahl zwischen Ehrfurcht und Gleichgültigkeit. Das kann es aber nicht sein. Im dritten und letzten Teil seines Buch weist Rauterberg Wege aus der Passivität: So kann man Kunst betrachten, so kann man Kunst bewerten. Während Teil 2 allgemein war, gibt es jetzt viele Beispiele und Bewertungen des Autors. Positive wie negative. Die Palette reicht u. a. von Erwin Wurm, Jeff Koons und Jeff Wall über Stephan Balkenhol, Wolfgang Tillmans und Fernando Botero bis hin zum Künsterduo Peter Fischli & David Weiss, Olafur Eliasson, Neo Rauch und Daniel Spoerri. Natürlich kann man über Rauterbergs Einschätzungen hier geteilter Meinung sein, der Autor hat die Tendenz, Spielerisches, Absurdes zu bevorzugen, doch geschieht all dies unter Bezug auf seine Qualitätskriterien. Von einem streitbaren Plädoyer für eine neue ästhetische Wertdebatte spricht der Klappentext zu Recht. Dann kann es ja endlich losgehen! Mit offenen Augen raus in die Kunstwelt, aber vorher noch das Buch lesen.