Platareanu, Valentin,
Lara, Alexandra Maria
Und bitte! Die Rolle unseres Lebens. Autobiographie. Vorwort von Alexandra Maria Lara. In Zusammenarbeit mit Fabienne Pakleppa. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 2010. 303 Seiten.
Es gibt mindestens drei Gründe, warum mich dieses Buch besonders interessiert. (1) Der Autor ist aus Rumänien geflohen, wo er sich bis zu seiner Flucht nach Westberlin auf dem Höhepunkt einer Laufbahn als Schauspieler und Theaterdirektor befand. (2) Seine Tochter Alexandra Maria wird ebenfalls Schauspielerin (deshalb das Wörtchen ,,unseres" im Titel) und ich habe schon mehrere ihrer Filme gesehen (u.a. in Der Untergang (2004) als Traudl Junge, Adolf Hitlers letzte Sekretärin, und in Jugend ohne Jugend (2007), wo sie drei sukzessive Rollen übernimmt. (3) Vater und Tochter haben ein außerordentlich enges freundschaftliches Verhältnis, sowohl in beruflicher als auch in persönlicher Hinsicht.
Der Haupttitel erscheint an zwei Schlüsselstellen: Das erste Mal bezeichnet er den Abschluss der Dreharbeiten zu dem ersten Film, in dem Vater und Tochter gemeinsam auftreten: ,,Dier Klappe fällt, kurz Atem holen, warten auf das Zeichen. 'Und bitte!' sagt Didi. Wir sind drin. In unseren Rollen. In unserem Leben." (Seite 18).
Die zweite Stelle markiert einen wichtigen Wendepunkt im Leben des Ich-Erzählers und seiner Familie. Nach tagelanger, abenteuerlicher Flucht aus Ceausescus Rumänien sind die Flüchtigen am Grenzübergang nach Westberlin angelangt. Nach der letzten Kontrolle durch die Ostberliner Polizei liest man: ,,Im Rückspiegel behalte ich die Tür des Polizeibüros im Auge. Einige Schreckminuten vergehen, die vermutlich nur Sekunden dauern, dann kommt der Mann mit den Pässen wieder heraus und schreitet energisch auf unseren Wagen zu. ,,Und bitte!' Mit diesen Worten winkt er uns in die Freiheit." (Seite 200).
Der Plural im Untertitel stellt klar, dass hier zwei Lebensläufe miteinander verknüpft sind, die allerdings nur aus einer Perspektive mitgeteilt werden. Die Stimme der Tochter Alexandra Maria Lara ist nur im Vorwort vernehmbar.
Die Erzählung reicht bis in die Anfänge des Zweiten Weltkriegs zurück, die Valentin (1936 geboren) als Kind einer wohlhabenden Arztfamilie in Bukarest erlebt. Sein Studium an der Staatliche Theater- und Kunstakademie und seine ersten Berufserfolge in Rumänien sind von der Diktatur des Kommunismus überschattet, die mithilfe der allgegenwärtigen Geheimpolizei (Securitate) zuerst unter Gheorghiu-Dej (1948-1965) und später unter Ceausescu (1965-1989) immer nachdrücklicher und härter in das Leben jedes einzelnen Rumänen eingreift. In dem Maße wie sich die Versorgungslage in den Achtziger Jahren immer mehr zuspitzt, verschärft sich diese politische und ideologische Unterdrückung. Viele Rumänen, deren Lebensumstände das gestatten, ergreifen die Flucht in den Westen. Valentin Platareanu, inzwischen ein Mittvierziger, steht im Zenith seiner Theaterlaufbahn und gehört zu den wenigen Privilegierten der staatlich geförderten Bukarester Kulturszene. Weder er noch seine philologisch ausgebildete Frau Doina sehen indessen die Möglichkeit einer politischen Besserung für die absehbare Zukunft. In beiden wächst der Wille, sich ihrerseits in den Westen abzusetzen. Unter keinen Umständen wollen sie, dass ihre vierjährige Tochter Alexandra Maria ,,hier aufwächst. Sie soll ein besseres Leben haben und frei entscheiden dürfen, was sie tun und lassen will" (Seite 171).
Die ersten Exiljahre sind mit Geldsorgen, manuellen Gelegenheitsarbeiten und Ungewissheit belastet. Erst nach neun Jahren gelingt es Platareanu, eine zunächst bescheidene Schauspielschule in Berlin-Charlottenburg in Gang zu bringen. Von Kindesbeinen an mit dem Theater vertraut, und nachdem sie schon als Gymnasiastin kleine Filmrollen gespielt hatte, entschließt sich Alexandra Maria, nicht nur selbst Schauspielerin zu werden, sondern diese Kunst auch im Institut ihres Vaters zu erlernen. Vater und Tochter tauschen sich oft über ihre künstlerischen Ziele aus, es kommt zu gemeinsamen Dreharbeiten in Rumänien, ja zu einem Fernsehprojekt, das die Geschichte der Familie PlAtareanu zum Gegenstand hat. Laras beruflicher Durchbruch gelingt, als sie in ,,Der Untergang" (2004) die Rolle von Hitlers letzter Privatsekretärin, Traudl Junge, spielt.
Worin der Beitrag der Mitautorin Fabienne Pakleppa besteht, ist nirgends ersichtlich. Der Autor weist jedoch mehrfach auf seine unvollständigen Deutschkenntnisse hin. Man darf also wohl annehmen, dass Pakleppas Mitarbeit mit der sprachlichen Gestaltung des Buchs zu tun hat.
,,Und bitte!?" Ist in flüssiger, ungemein leicht lesbarer Sprache geschrieben, die sich nicht scheut, dem Leser die engen menschlichen Bindungen innerhalb der Familie Platareanu, das Gefühl gegenseitigen Respekts und Für-einander-da-seins ohne großes Aufhebens nahe zu bringen.
Die behutsame, leise Tonart des Buchs mag zunächst täuschen. Je mehr man sich ihr jedoch überlässt, desto stärker wirkt ihr geheimer Zauber. Bevor ich das Buch aus der Hand legte, wollte ich nochmal Laras Vorwort nachlesen. Unversehens fand ich mich kurze Zeit später mitten in einer zweiten Lektüre, der ich ein noch tieferes Verständnis des Buchs abgewann.
Zu guter Letzt noch eine Richtigstellung: Es war wohl die Moldau, und nicht die Donau, die der Erzähler vom Fenster seines Prager Hotelzimmers aus wahrgenommen hat (Seite 198).