Ein mutiges, geradezu verwegenes Buch. Yalom nimmt sich mit beeindruckender Selbstsicherheit vor, Nietzsches Philosophie (eine ebenso fantastisch reiche wie oft enigmatische und widersprüchliche) auf den Einzelnen anzuwenden, die Grundgedanken und Entstehungshintergründe der frühen Psychotherapie zum Leben zu erwecken und -interpretative, aber dafür umso lebendigere- Portraits einiger der wichtigsten Persönlichkeiten des ausgehendsten 19.Jhdts zu entwerfen...all dies in einem einzigen Buch, zumal keine 450 Seiten lang. Dazu mit dem Anspruch, wo immer es geht historisch korrekt zu bleiben, die politischen, sozialen und wissenschaftlichen Zusammenhänge zu berücksichtigen und doch nicht ins Abstrakte abzudriften. Ein halsbrecherisches Vorhaben - und doch gelingt es mit einer Meisterhaftigkeit, die der eines Kundera ebenbürtig ist. Zum einen liegt dies in der Akribie, die Yalom auf die Recherche verwendet hat, mit der er reale Berichte, Texte und Überlieferungen Nietzsches, Breuers und Freuds organisch in seine Fiktion einfließen lässt, bemüht, seinen Akteuren, für die er eine offensichtliche Liebe hegt, gerecht zu werden. Und es liegt, eng verbunden damit, in der fantastischen Lebendigkeit, die er seinen Charakteren verleiht. So werden diese zum Kit, der die vielen ambitionierten Aspekte des Vorhabens zusammenhält und der so menschlich ist, dass der Balanceakt am Rande der Glaubwürdigkeit und manchmal des Kitsches stets gelingt, nie auf die andere Seite abkippt. Ein ungeheuer gutes Buch...und eines der wichtigsten, die ich gelesen habe.