In Faye Kellermans neuem Roman "Und der Herr sei ihnen gnädig" - der im englischen Original übrigens schlicht "Street Dreams" heißt - ist die eigenwillige junge Frau Ermittlerin und Ich-Erzählerin zugleich. "Mit jedem entfernten Müllsack kam ich dem Schreien ein wenig näher. Ich spürte, wie die Wut in mir hochstieg. Da hatte sich jemand viel Zeit fürs Vergraben genommen. In der untersten Schicht wurde ich endlich fündig..." - nicht mit dem genre-üblichen Leichenfund beginnt dieser Roman. Was Cindy Decker hier unter Müllsäcken zu Tage fördert, ist ein Neugeborenes, ein dreckverschmiertes kleines Mädchen, das jemand nach der Geburt in einen Müllcontainer geworfen hat. An seinem Körper hängt noch die Nabelschnur, seine kräftigen Schreie haben ihm das Leben gerettet.
Cindy Decker, Officer im Los Angeles Police Department, eine tapfere und meist auch toughe junge Frau, sucht nach der Mutter des Kindes. Sie baut eine Beziehung zu dem ungewünschten kleinen Wesen auf - und verliebt sich in den zuständigen Pfleger im Kinderkrankenhaus, Jakoov, genannt Koby, einen äthiopischen Juden. Neben Cindys Ermittlungen, die sie alsbald auf die Spur einer Jugendgang führen und in deren Verlauf einige Morde geschehen, bildet diese Liebesgeschichte einen wichtigen Handlungsstrang des Romans. "I'm a great sucker for romance", "ich bin scharf auf Romanzen", hat die Autorin einmal gestanden. Waren es früher Standesunterschiede, die ein vorschnelles Happy-End im Roman verhinderten, so sind es bei Kellerman die Unterschiede der Religion - die allerdings auch Unterschiede überwinden kann: "Hier saß ein schwarzer Mann aus Afrika mit meiner weißen Familie aus Los Angeles zusammen, die er noch keine zwei Stunden kannte, und war bereits besser integriert als ich. Das zeigte mir mal wieder, dass ein traditioneller Sabbat wirklich alle kulturellen Grenzen überwand." (Regula Venske)
Hätte Faye Kellerman auf den zweiten Handlungsstrang verzichtet, nämlich dem Mord an Rinas Großmutter in den zwanziger Jahren in München, wären dem Buch für deutsche Leser ärgerliche Irrtümer erspart geblieben, die dem Lektorat leider nicht aufgefallen sind. Hamburg ist nicht nur weniger bayrisch als München...