Dass Johnny Cash nie seinen alten Stiefel geritten ist, wird sich mittlerweile herumgesprochen haben... Aber "Unchained", sein 2. Album bei "American", zeigt, dass er noch nicht einmal seine neuen Stiefel runterritt. Es ist unglaublich, wie der Große Alte Mann in seinen späten Jahren noch einmal aufdrehte, welche Feuerwerke er mit jedem neuen Album abfackelte. "unchained" eben, buchstäblich von der Kette gelassen.
Nach dem meisterhaft spartanischen back-to-the-roots-Album "American Recordings" von 1994 zog Cash zwei Jahre später ganz andere, aber genauso klangvolle Saiten auf, diesmal unter tatkräftiger Mitwirkung so grundverschiedener Musiker wie vor allem Tom Petty (samt Heartbreakers), dazu Lindsay Buckingham, Marty Stuart, Flea (von den Red Hot Chili Peppers), Mick Fleetwood und weiterer Könner aller Stilrichtungen. Aber im Vordergrund steht eindeutig diese Wahnsinns-Stimme, die das ganze Album mit all seiner Spannung wie aus einem Guss wirken lässt. Sie ist hier noch ungebrochen, aber doch gezeichnet, in Würde gealtert, mit einer Art sanftem Pathos, das bei einem Sänger mit weniger hörbarer Lebenserfahrung peinlich wäre.
Wie auf allen anderen "American Recordings"-Alben zeigt Cash auch hier wieder, welche Bandbreite sein Können umfasste: Klassisch schöne Country-Nummern wie "The Kneeling Drunkard's Plea" oder "I've Been Everywhere", sanfter Folk (Cashs Version z.B. von "Southern Accent", mindestens eine Oktave tiefer als die von Tom Petty damals, macht aus einem netten, eingängigen Song ein Monument), dazu verschärfter Rockabilly wie in alten Zeiten: "Mean Eyed Cat" und "Country Boy", nun ohne Boom-chicka-boom, aber vielleicht mit noch mehr Drive (Tom Petty & The Heartbreakers fetzen mindestens so gut wie die Tennessee Three selig), und dann diese unglaublich intensiven Gospel-Nummern -- "Spiritual" ist ein absolutes Glanzlicht in dieser Galaxie. Und egal, ob Cash Eigenkompositionen spielt oder fremde -- ein Song, der von Johnny Cash gecovert wird, erhält den Ritterschlag. Welch ein musikalischer Instinkt dahintersteckt, kann man nur ahnen. Coverversionen von Soundgarden ("Rusty Cage") bis Dean Martin (wunderbar leichtfüßig: Cashs Version von "Memories Are Made of This") und Hank Williams, dazu atmosphärisch dichte Eigenkompositionen, und das in einem rundum gelungenen, in sich geschlossenen Album -- das soll ihm erst mal einer nachmachen.
"Unchained" war das letzte Album gewesen, das Cash noch mit voller Stimmkraft aufnehmen konnte -- mit Volldampf, sollte man besser sagen. Sicher, es trifft einen nicht ganz so unvermittelt als Blattschuss mitten ins Herz wie die beiden anschließenden "Solitary Man" und "The Man Comes Around", haut einen nicht mit der Wucht jener beiden Jahrhundert-Alben aus dem Sattel. Aber unendlich viel Herzblut steckt auch hier drin, und jede Menge Rhythmus sowieso. Und Nummern wie "Rusty Cage", "Meet Me in Heaven", "Unchained" und "Spiritual" dürften jeden Zuhörer vor Ehrfurcht erstarren lassen.
Ganz nebenbei zeigt der Große Alte Mann hier zum x-ten Mal in seiner Serpentinen-Karriere den neuen, bis zur Gesichtlosigkeit glattgefönten Country-Musikern aus Nashville, was Musik ist, und wenn er in "Rusty Cage" Country durch Rap veredelt ("when the forest burns"...), dann sieht man's wieder mal: Cash, der ewig Neugierige, verweigert sich der Verschubladung. -- "A lot of people think of country singers as right-wing, redneck bigots, but I don't think I'm like that" (J.C.) -- Das kann er laut sagen. Oder noch besser: singen.