Eigentlich ist das Thema sehr gut und ausreichend recherchiert worden. Knapp zwei Drittel des Buches sind Erfahrungsberichte (10 verschiedene) von Betroffenen, die einem einen guten und tiefgehenden Einblick in die Gedankenwelt der Betroffenen vermittelt. In einem weiteren Viertel kommen Sachverständige und Fachleute zu Wort, die die Fragen des Autors beantworten. Zudem werden weitere Bücher zu dem Thema mit ihren Kernaussagen zusammengefasst. Alles mit viel Hang zum Detail.
10 Prozent reichem dem Autor, um die Erkenntnisse aus seiner Recherche darzulegen und Denkanstöße und Lösungsmöglichkeiten zu präsentieren.
Gerade aber die letzten 25 Seiten ruinieren den vorhergehenden positiven Gesamteindruck des Buches, der eigentlich 4 Sterne verdient gehabt hätte. Die Betrachtungen des Autors sind so trivial und banalisieren das ganze Thema dermaßen, dass man fast glauben könnte, der Autor hätte sein eigenes Buch überhaupt nicht gelesen.
Die Tipps und Anregungen, die Arne Hoffmann gibt, finden die Betroffenen auch in den gängigen Flirt-Ratgebern. Doch genau solche Standard-Lösungsansätze wie etwa >Psychotherapie<, >Sport treiben< >Attraktivität steigern< >Freundeskreis aufbauen< haben die Betroffenen bereits x-mal gehört und gelesen, sie gehen am Kern des Problems deutlich vorbei. Aus den Erfahrungsberichten der Betroffenen geht eindeutig hervor, dass dies und vieles andere bereits ohne Erfolg ausprobiert worden ist und nur sehr selten eine Veränderung der persönlichen Situation herbeigeführt hat. Gerade solche pauschalierten Standard-Lösungen helfen vielleicht denjenigen, die besserwertige Beziehungen suchen aber nicht denjenigen, die ohne jegliche Erfahrung Beziehungen erst erlernen müssen. Die Betroffenen haben durchaus keine Probleme, Kontakte herzustellen. Die scheinbar unüberwindbare Mauer besteht in der Phase zwischen Kontaktaufnahme und erster Intimität, in der die so genannten ABs (Absolute Beginner) eine große Unsicherheit und Unerfahrenheit ausstrahlen, die der potentielle Partner wahrnimmt und deswegen, weil Unsicherheit in unserer Kultur als Schwäche und Minderwertigkeit angesehen wird, mit Zurückweisung reagiert.
Diesem unüberwindbaren Hindernis schenkt der Autor aber keine Aufmerksamkeit, anstatt dessen glänzt er durch banale Plattheiten: "Egal ob sie einen Partner suchen oder Freunde. Es wird am besten funktionieren, indem sie neue Leute kennen lernen"
Auf dem Buchdeckel steht: "...zeigt Lösungen auf und macht Mut, doch an das Glück in der Liebe zu glauben"
Doch im Buch drücken Kommentare und Stellungnahmen ein total entgegen gesetztes Bild aus "...Die Folgen dieser Lebenssituation sind Unzufriedenheit, Frust, Zorn und Traurigkeit - was den glücklichen Aufbau neuer Beziehungen fast unmöglich macht." "Man muß den beschriebenen Teufelskreislauf (Keine Erfolge, kein Selbstwertgefühl, weniger Erfolge, weniger Selbstwertgefühl) irgendwie durchbrechen, aber das ist leichter gesagt als getan." usw.
Was besonders auffällt ist das Hierarchiedenken, dem sich der Autor sowie die Betroffenen selbst, in hohem Maße unterwerfen. Es wird eine scharfe Trennlinie gezogen zwischen ABs (Menschen ohne Beziehungserfahrung) und den so genannten Normalos. Die Betroffenen zeichnen das Bild eines Kastensystems, in dem sie die unterste Stufe darstellen, aus der es keinen Aufstieg zu geben scheint. Sobald sie sich als ABs outen, werden sie von den "Normalos" ausgegrenzt, gedemütigt und abgewertet. Arne Hoffmann führt mit seinem Buch wohl nicht ganz zufällig den Begriff "unberührt" ein, der damit dieses Bild der untersten Kaste bestätigen und noch verstärken soll. (Indien: die Unberührbaren).
Anstatt dass der Autor hilft, die Betroffenen von ihrem angeblichen Stigma zu befreien und dieses Kastensystem als künstlich und hinderlich zu entlarven, schaut er selbst herablassend auf die ABs hinunter, wahrscheinlich um sich selbst damit aufwerten zu wollen.
In einem an Schmalzigkeit kaum zu überbietenden Schlussabsatz "das erste Mal" fordert er die Normalos auf, bestimmte Regeln (Rücksichtnahme) einzuhalten was die "Entjungferung" der ABs betrifft. Das liest sich in etwa wie eine Gebrauchsanleitung; seinen Hamster möglichst pfleglich und fürsorglich zu behandeln, damit ihm auch kein Schaden entstehe.
Dieses Kastensystem ist deswegen künstlich, weil vieles was in der so genannten Beziehungswelt stattfindet, gefälscht und geheuchelt ist. Oftmals geben Menschen nur vor, in glücklichen Beziehungen zu leben oder befriedigenden Sex zu haben. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Status über alles geht. Das Vorheucheln von Normalität ist die Regel, weil der Status bestimmt den Wert in unserer Gesellschaft, und nicht unser wahres Erleben.
Ein Blick in die Beziehungs-Literatur gibt ein recht ernüchterndes Bild wieder; da geht es um vergiftete und destruktive Beziehungen, um Mobbing in der Partnerschaft, um passiv-aggressives Vermeidungsverhalten, um Abhängigkeit und Co-Abhängigkeit, um Symbiosen, die von gegenseitigem Hass geprägt sind, um Gewalt und Ausbeutung usw.
Früher hieß es mal, nur die Hälfte aller Frauen hätten jemals einen Orgasmus erlebt, auch der vorgeheuchelte Orgasmus ist auch oft thematisiert worden.
Viele der nur den ABs zugeschriebenen Eigenschaften wie z.B. Verlassensängste betreffen auch die "Normalos". Es gibt Leute, die fast ununterbrochen mit Partnern zusammen lebten und trotzdem panische Ängste vorm Verlassenwerden haben, die dies aber manchmal besser verdrängen können, in dem sie z.B. den Partner zwanghaft an sich binden
Hier werden vom Autor falsche Kausalketten geschmiedet, die nur einen einzigen Sinn haben; nämlich diejenigen als höherwertig hinzustellen, denen es besser gelingt, Normalität vorzuheucheln. In diesem künstlichen Wettbewerb werden diejenigen, die sich in dieser von Lüge durchtränkten Welt ertappen lassen (z.B. geoutete ABs), besonders hart bestraft, nämlich mit Ausgrenzung und Abwertung.
Der Autor gibt in seinem Buch nicht den leisesten Wink, diese Lügenwelt zu durchschauen und damit den einzig gangbaren Weg zu gehen, nämlich Selbstvertrauen in sich selbst zu finden und sich so anzunehmen wie man ist - was die einzige wirkliche Chance darstellt, einen Partner auf ähnlicher Reifestufe wie man selbst zu finden. Auch viele, die Jahrzehnte in toten Ehen vergeudeten, sind genauso wenig wirklich beziehungsfähig wie die ABs.
Stattdessen huldigt Arne Hoffmann dem Mythos, dass Partnerschafts-Symbiosen und Abhängigkeiten automatisch auch Beziehung, Liebe und lustvollen Sex bedeuten. Damit schafft er die Überlegenheit der eigenen Kaste und beutet die Unerfahrenheit der ABs aus, um sich selbst aufzuwerten, in dem er diese abwertet.
Warum finden Körperbehinderte Partner, die nicht behindert sind? Vielleicht weil diese Behinderte sich nicht wertloser fühlen als die Nicht-Behinderten.
Partnerschaft entscheidet sich nicht nur auf der körperlichen Ebene. Wem es gelingt zum anderen auf der geistigen, seelischen oder spirituellen Ebene eine tragfähige Beziehung aufzubauen, wird viel weniger Gefahr laufen, vom Partner wegen anfänglicher emotionaler Unsicherheit abgelehnt zu werden. In unserer Fast-Food-Gesellschaft ist es allerdings schwer, Menschen zu finden, die an tiefer gehenden und reichhaltigeren Beziehungen interessiert sind.
Partnerschaften werden leider auch wegen ihrer Zweckdienlichkeit eingegangen, um emotionale und finanzielle Sicherheit, einen besseren Status zu erreichen oder dem "ich kann mit mir selbst nichts anfangen" zu entkommen.
ABs, die hoffen von den über ihr stehenden Kaste Absolution, Gnade und Aufnahme zu erhalten, die an ein Bild wie im Abschnitt "das erste Mal" glauben, gehen von vorneherein in ein totes Rennen, dass sie nicht gewinnen können. Wer sich immer nur durch die Augen anderer betrachtet, wird ein Leben lang auf der Stelle treten.
Arne Hoffmanns verkitschte Welt -"Was für viele Menschen fast wie von selbst stattfindet, körperliche Zärtlichkeiten mit einem geliebten und begehrten Menschen, ist für andere ein Lebensthema, ein Lebenswunsch geworden. Jahre, ganze Jahrzehnte, in denen dieser Wunsch nicht in Erfüllung ging, werden innerlich häufig als verlorene Jahrzehnte abgebucht "- ist nur ein kleiner und sehr verzehrter Ausschnitt der Realität. Ein großer Teil unserer Innersten Sehnsüchte erfüllen sich auch oft durch die Zweisamkeit nicht. Unsere Ängste und Defizite nehmen wir in die Partnerschaft mit. Die Beziehung befreit uns nicht davon, sie kann allenfalls helfen, besser und bewusster damit umzugehen. Beziehung ist gleichsam auch harte Arbeit.
Man spürt in keiner Zeile des Buches, dass dem Autor dies bewusst wäre. Den Stellenwert eines Menschen nur anhand seines Status bewerten zu wollen, ist zutiefst menschenunwürdig und zeugt von einer hierarchisch abwertenden Einstellung des Autors. Und solch eine Geisteshaltung mag den ABs sicherlich keine Hilfe sein.