Ethik und Moral haben, so scheint es jedenfalls auf den ersten Blick, in den modernen Gesellschaften des "Westens" einen schweren Stand, sofern sie mit dem Anspruch auftreten, allgemeinverbindliche Normen formulieren zu wollen. Die von den Verfassungen garantierten bürgerlichen Freiheitsrechte werden heute landläufig im Sinne einer Willkürfreiheit verstanden: Jeder hat das Recht, so zu leben wie er will, solange er nicht die Rechte anderer beeinträchtigt. Der kanadische Philosoph Charles Taylor nennt diese Auslegung auch "negative Freiheit" -- was nicht als Werturteil gemeint ist, sondern zum Ausdruck bringen soll, dass dieser Freiheitsbegriff lediglich negativ definiert ist, nämlich durch das, was unterlassen werden soll (platt formuliert: jegliche Einmischung in die Angelegenheiten anderer).
Das Problematische dieses Begriffs von individueller Freiheit liegt auf der Hand: In dem Maße, wie es in das Belieben des Einzelnen gestellt ist, mit welchem Inhalt er gefüllt, bzw. auf welche Art und Weise er 'gelebt' wird, werden alle Inhalte und Formen im wahrsten Sinne des Wortes gleich-gültig. Ob jemand lieber shoppen geht, Minigolf spielt oder sich ehrenamtlich im örtlichen Sportverein engagiert, ob er (oder sie!) Kaschmir-Pullover oder Baumwollhemden bevorzugt, die Ehe heiligt oder promisk lebt -- alles ist 'Privatsache'. Welcher 'Lebensstil' auch immer gepflegt wird, es kommt nur darauf an, dass er "authentisch" ist; worin aber diese "Authentizität" besteht, das entzieht sich prinzipiell der gesellschaftlichen Diskussion, eben weil es "subjektiv" ist.
Entlang dieser Sichtweisen von "individueller Freiheit" und "Selbstverwirklichung" führen dann auch die Konfliktlinien zwischen den, wie Taylor sie griffig nennt, "Verfechtern" und "Verächtern" der modernen Kultur. Die Auseinandersetzungen drehen sich um Themen wie forcierte Veränderung durch technischen Fortschritt oder Konservierung der bestehenden Zustände, faire Teilhabe an gesellschaftlichem Einkommen und Konsum oder Wettbewerb um jeden Preis, Anerkennung alternativer Formen menschlichen Zusammenlebens oder Festschreibung der traditionellen etc. pp. -- Erschwerend kommt hinzu, dass die Fronten nicht mehr genau zwischen den im zwanzigsten Jahrhundert dominierenden politischen Lagern der "Linken" und "Rechten" verlaufen, wie der Autor am Beispiel amerikanischer Konservativer und feministischer Aktivistinnen zeigt. (Erstere halten das traditionelle Familienideal hoch und verteidigen im selben Atemzug die diese Form des Zusammenlebens aggressiv zersetzende kapitalistische Wirtschaftsordnung, letzere kämpfen bis zum Äußersten gegen die Zerstörung der Natur und fordern gleichzeitig qua Freigabe der Abtreibung ein uneingeschränktes Eigentumsrecht an ihrem als Teil des eigenen Körpers verstandenen ungeborenen Nachwuchs.)
Taylor geht es nicht darum, den Schiedsrichter bei diesen Kontroversen zu spielen, denn das würde ja bedeuten, die "konstitutiven Güter" der modernen Zivilisation zu mißachten, wie es gerade auch die schärfsten der Kulturkritiker tun, gleichgültig, ob sie nun als "Verächter" oder "Verfechter" der Moderne auftreten. Stattdessen unternimmt er den sehr viel schwierigeren, gleichwohl, wie er überzeugt ist, fruchtbareren Versuch, die durch die oben aufgezeigten Denk- bzw. Redeblockaden unzugänglich gewordenen kulturellen Wurzeln der modernen Haltungen freizulegen und sie so als das kenntlich zu machen, was sie eigentlich sind: moralische Ideale. Durch diesen Prozess philosophischer und kulturhistorischer Aufklärung hofft er den Teufelskreis aus trivialisierender Subjektivierung und der daraus resultierenden Sprachlosigkeit zu durchbrechen. Die scheinbar unversöhnlichen Konflikte werden so zwar nicht im Handstreich gelöst, aber wenigstens erscheint ihre Lösung wieder denkbar, denn, so die seit Hegel geltende Einsicht, wir Menschen sind dialogische Wesen: Nur durch gegenseitige Anerkennung gewinnt das Authentizitätsideal überhaupt einen Sinn. Ohne diese wird es schal und zerstört sich am Ende selbst. Es taugt dann lediglich noch als Angriffspunkt für eine die Anerkennung nur vorspiegelnde Lifestyleindustrie, die noch die zerbrochenen Ansprüche an die subjektive Erfüllung durch vermeintlich therapeutische Angebote ausbeutet.
Bei "Das Unbehagen an der Moderne" handelt es sich um die Druckversion einer im Rahmen der angesehenen (auch vom kanadischen Radiosender CBC übertragenen)"Massey Lectures" gehaltenen Vorlesungsreihe. Das bedeutet, dass das Buch den Taylorschen Denkansatz in äußerst verknappter Form darbietet. Um den Begründungszusammenhang in seiner ganzen Weite zu erfassen, ist es ratsam, zumindest sein Hauptwerk "Quellen des Selbst" zu lesen. Auf der anderen Seite bietet das vorliegende Buch gerade durch die Kompaktheit seiner Argumentation und die thematische Beschränkung auf das "Authentizitätsideal" eine gute Anregung zum selbständigen Weiterdenken -- etwas, das ohnehin unerlässlich ist, will man den oben skizzierten Fallen der heutigen Authentizitäts- und Freiheitskulturen entgehen.