Das Buch "Unbegreiflicher-so nah" von Karl Rahner ist in vielfacher Hinsicht bemerkenswert. Die Einführung von Karl Kardinal Lehmann eröffnet einen Zugang zu diesm großen Theologen einerseits und macht in prägnanter Weise deutlich, worin seine Bedeutung für Kirche und Welt heute liegt.
Ein zweiter Aspekt ist die Auswahl. Sie ist von kundiger Hand besorgt worden, so dass wir in kurzen, prägnanten Texten den denkenden und betenden Rahner vor uns haben, ohne dass sein Werk wie ein "Steinbruch" benutzt wurde, aus dem immer irgend ein Stück, das gerade so passt, herausgebrochen wurde.
An allen, anlassbezogenen Texten wird zudem deutlich, dass es "die rahnersche Theologie" nicht gibt, sondern dass es genau ihre "Originalität" ausmacht, "normale, katholische Theologie" zu sein, allerdings werden in einer Sprache, deren Schönheit in der Tat "klassisch" zu nennen ist, Aspekte des Glaubens zum Leuchten gebracht, die man mitunter wenig findet in heutigen Texten. Nicht zuletzt kann man wahrnehmen, wie alle Texte Rahners - egal zu welchem Anlass sie geschrieben wurden- ein kohärentes Ganzes bilden, die immer von der Mitte des Glaubens herkommen und zu ihr hinführen.
Rahners Texte - darauf sei kurz hingewiesen - bringen mitunter "Vergessenes" wieder zum Leuchten. Sie weisen allerdings auch nach, dass viele Rahner - Kritiker ihn nicht hinreichend kennen und ein Zerrbild kritisieren, das mit Rahner herzlich wenig zu tun hat. Wie oft wurde z.B. ihm ( u. a. von Balthasar) vorgeworfen, dass die Kategorie "Stellvertretung" bei ihm ausfalle? Viele haben es bewusst oder unbedacht nachgesprochen. Wenn sie doch nur auf S. 53 ( 31.3.) und S. 55 ( 3.4.) gelesen hätten! Wo findet man solch einen prägnanten und gleichzeitig umfassenden "Durchblick" durch die Philosophiegeschichte wie auf S. 36f? Wo kann man prägnanter erfahren, wie weit Gottes Hilfe und Barmherzigkeit reicht und dass unser Wissen es nicht ist, das uns erlöst, sondern Gottes liebende Tat, der wir uns öffnen müssen, um sie zu empfangen, als auf den Seiten 48 f, besonders 21.3.( "Emmaus" ist oft genug der Ort auch unseres Glaubens!) Wo kann man die Zusammengehörigkeit von Anthropologie und Christologie besser dargeboten bekommen als auf S. 59 ( 11.4.) Und wo wird die Inkarnationstheologie und die Soteriologie in der notwendigen und sinnvollen Einheit besser beschrieben als auf S. 87 f, besonders 3.6. Und wo wird die Alternativlosigkeit des Glaubens besser und eindrücklicher vor Augen geführt als auf den Seiten 183 - 186? Ganz abgesehen davon, dass von August bis Dezember das vielleicht wirkmächtigste Buch Rahners "Von der Not und dem Segen des Gebetes" ( Heute erhältlich im Verlag Herder - Freiburg unter dem Titel "Beten mit Karl Rahner", zusammen mit "Gebete des Lebens") in mustergültiger Weise erschlossen wird.
Lehmann hat Recht: Rahner ist ein Mann, der für den Glauben "erst noch am Kommen ist". Seine Bedeutung kann kaum überschätzt werden für einen "intellektuell redlichen Glauben", der uns ermutigt, über das Reden über das Gebet hinaus zu kommen zum Gebet selbst, zur vertrauensvollen Hingabe an den personalen Gott, dessen abgründige Liebe uns in Jesus erschienen ist und uns gleichzeitig Mut und Kraft zur Nachfolge gibt. Menschsein wird sich nur dort ereignen, wo der Realität standgehalten wird. Man erfährt dort beides zugleich: Die Not und ( wenn man ihr nicht davon läuft) den Segen des Gebetes, weil der Mensch durch Gottes Gnade "immer schon" hinaus gerufen ist aus Selbstverliebtheit und Selbstgenügsamkeit einerseits in ein Engagement an Welt und Mensch, in dem ihm die Menschenfreundlichkeit Gottes begegnet.
Schwerin, den 21.03.2007