So ging es mir schon mit anderen Romanen Van Cauwelaerts: Von der Grundidee war ich begeistert, von der Entwicklung eher enttäuscht. In "Das Findelkind" verliert der Autor meiner Meinung nach den interessanteren Erzählstrang aus den Augen. Das bei "Zigeunern" aufgewachsene Findelkind Aziz soll mit Anfang 20, aufgrund falscher Papiere fälschlich als Marokkaner mit abgelaufener Aufenthaltsgenehmigung identifiziert, aus Frankreich ausgewiesen, von einem "Attaché humanitaire" heimgeführt und resozialisiert werden. Der Attaché selbst ist mit der Aufgabe heillos überfordert. Für ihn soll die Reise initiierenden Charakter bekommen, ermöglicht sie ihm doch, den nötigen Abstand zu seiner Ex-Frau zu gewinnen, sich im Stillen mit seinen Eltern und seiner Herkunft auszusöhnen, sich noch einmal zu verlieben und schließlich ganz in seinen Träumen aufzugehen.
Die Geschichte, die man aber eigentlich hören will, ist die von Aziz. Schon allein seine Herkunft, seine Kindheit bei den Zigeunern und seine Jugend als Delinquent in einem Marseiller Vorort, bergen so viel Potenzial; da hätte Van Cauwelaert ganz weit ausholen müssen! Er hat fantastische Ideen, einen Sinn für verquere Biographien und Geschichten, aber unbegrenzte Fabulierlust packt ihn nie. So bleiben Charaktere und Geschichte in unzähligen Ansätzen stecken, bekommen nicht den Raum, der ihnen gebierte, und der Leser bleibt im Regen stehen. Noch dazu ist der Attaché, der in der zweiten Hälfte zum eigentlichen Helden des Romans gemacht wird, ein echter Unsympath: unreif, selbstmitleidig, dauernd kränkelnd, naiv, egoistisch, nervig. - Schade.
Nichtsdestotrotz machen die Romane (ich würde sie eher Erzählungen nennen) Van Cauwelaerts Spaß, sind unterhaltsam, humorvoll und manchmal herrlich schräg. Die Sprache ist einfach im besten Sinne des Wortes, frisch und voller Wärme für die Protagonisten.
Für Leute mit mäßigen Französischkenntnissen eignet sich Van Cauwelaert im französischen Original ("Un Aller simple") hervorragend als nicht allzu schwerer Einstieg!