Aus der Amazon.de-Redaktion
Die Tondokumente aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts üben eine große Faszination auf den heutigen Hörer aus, denn sie scheinen eine Brücke zu bilden in noch weiter zurückliegende Zeiten vor dem Anfang dieses Jahrhunderts, deren Aufführungspraxis und künstlerische Leistungen nicht für die Nachwelt festgehalten werden konnten. Schon die 40er-Jahre sind so weit von unserer Gegenwart entfernt, dass sie nur mittelbar und bruchstückhaft imaginiert werden können. Die damaligen Interpreten haben ihre künstlerische Potenz und Ausdruckskraft in dieselben Arien gelegt wie die heutigen Sänger, und dennoch muss ihr Lebensgefühl ein ganz anderes gewesen sein. Über der vorliegenden, 1943 entstandenen Aufnahme von Giuseppe Verdis
Un ballo in maschera, lagen die Schatten des Krieges. Beniamino Gigli berichtet in seinen Memoiren über Tod und Verwüstung, die zu dieser Zeit in Italien geherrscht haben. Dennoch arbeitete das Ensemble der römischen Opern weiter bis wenige Stunden vor der Besetzung im Jahre 1944.
Wie programmatisch scheint dieses Szenario gerade für den Maskenball! Hier entfaltet sich das finale Geschehen, die Ermordung des Gouverneurs Riccardo durch seinen einstmals treu ergebenen Sekretär Renato, während eines ausgelassenen Kostümfestes; es gehört zu den großen musikalischen Leistungen Verdis, diese beiden Ebenen überzeugend miteinander verbunden zu haben.
Mit Beniamino Gigli und Maria Caniglia sind zwei der Hauptrollen der Oper, diejenige des Riccardo sowie die der Amelia, Frau des Sekretärs Renato und Grund für das schreckliche Ende der Handlung, durch Sängerpersönlichkeiten besetzt, die den Operngesang der ersten Hälfte des Jahrhunderts maßgeblich geprägt haben. Unzählige Male standen sie gemeinsam auf der Bühne, und mit dem Dirigenten der vorliegenden Einspielung, Tullio Serafin, haben sie zahlreiche wichtige Aufnahmen gemacht. Gigli verfügt mit seinen 53 Jahren immer noch über metallische Kraft und Durchhaltevermögen, die Stimme der deutlich jüngeren Maria Caniglia trägt schon Spuren des Verschleißes.
Ganz überragend sind hingegen zwei Künstler der damaligen Nachfolgegeneration: Dem Bariton Gino Becchi in der Rolle des Renato steht ein kerniges, wunderschön timbriertes Material voller vibrierender Kraft zu Gebote. Die Mezzosopranistin Fedora Barbieri als Wahrsagerin Ulrica beeindruckt mit Gestaltungskraft und bewundernswerter Technik. Selbstverständlich hat die Aufnahme Schwächen im orchestralen und vokalen Bereich. Der Perfektionsanspruch war in der damaligen Zeit, zumal unter den geschilderten Umständen, weniger hoch als heutzutage. Dennoch kann man sich dem ausdrucksstarken Musizieren dieser längst verblichenen Künstler nicht entziehen. In diesem Sinne verspricht der vorliegende "Maskenball" ein fesselndes Hörerlebnis. --Michael Wersin