Eintausend Hände, eintausend Augen - dies sind die Merkmale Avalokiteshvaras, Bodhisattva des allumfassenden Mitgefühls. Er, der die Schreie der Welt erhört, steht im Mittelpunkt des Tausend Hände-Sutra. Mit Tausend Augen vermag er jedes einzelne Geschöpf des Universums zu sehen und mit Tausend Händen gewährt er jedem bedürftigen Wesen Hilfe und Schutz. Avalokitesh-vara verkörpert die grenzenlose Barmherzigkeit des erleuchteten Bewusstseins, das der Buddha vollkommen verwirklicht hat und das jedes fühlende Wesen in sich trägt.
Die mit dem Glauben an die erlösende Kraft des Mitgefühls verbundene Verehrung Avalokiteshvaras entstand im Indien des zweiten und dritten nachchristlichen Jahrhunderts. In den folgenden Jahrhunderten formten sich Sutras, die diesem Glauben Ausdruck verliehen. Zunächst verbreiteten sie sich über den indischen Subkontinent und gelangten schließlich nach China, wo durch Übersetzung und Bearbeitung chinesischer Mönche und Gelehrter weitere Fassungen entstanden.
Vermutet wird, dass mit der Rückkehr des koreanischen Mönchs Uisang, der in China den Buddhismus studiert und unter chinesischen Meistern praktiziert hatte, das Tausend Hände-Sutra nach Korea gelangte. Zu jener Zeit, am Ende des siebten Jahrhunderts, trug es den Titel: Anrufung des tausendhändigen und tausendäugigen, grenzenlos und allumfassend barmherzigen Avalokiteshvara. In Korea wurden diesem Sutra im Lauf der Jahrhunderte unter dem Einfluss verschiedener buddhistischer Glaubensrichtungen weitere Sutras und Mantras hinzugefügt. Daraus entstand schließlich ein einzigartiger Text, der die wesentlichen Elemente des koreanischen Buddhismus in sich vereint.
Allerdings konnte der Sinn des weiterhin in Sanskrit und Chinesisch gehaltenen Tausend Hände-Sutra nur von buddhistischen Gelehrten verstanden werden. Für die meisten Menschen aber blieb es - obwohl in den Klöstern Koreas täglich rezitiert - über mehr als ein Jahrtausend ein geheimer Text, zu dem jeder inhaltliche Zugang verwehrt war. Dem einfachen Volk diente beispielsweise der erste Satz des Sutra "Suri Suri Maha-suri Susuri Sabaha" als eine Art Zauberspruch ähnlich dem aus einer Verballhornung lateinischer Worte entstandenen "Hokus Pokus" unseres christlichen Kulturkreises.
Es ist das Verdienst der Zen-Meisterin Daehaeng, das Tausend Hände-Sutra ins Koreanische übertragen und eine Fassung geschaffen zu haben, deren Gehalt dem Original in nichts nachsteht und die dennoch auch dem
Laien verständlich ist. Deutlich zeigt sich nun in den vielfältigen Facetten des Sutra, in seinen Mantras und Bodhisattva-Gelübden, seinen Reueversen und Lobgesängen ein Weg, der in das Innere des menschlichen Herzens führt, ein Weg der Erleuchtung. Auf diesem Weg können wir erkennen, dass Avalokiteshvara nicht getrennt von uns ist, sondern unserem eigenen Herzen entspringt. Die Tausend Hände Avalokiteshvaras sind nichts anderes als eine Manifestation der grenzenlosen Fähigkeit und Barmherzigkeit unseres wahren Wesens. Dass wir diesen unermesslichen Schatz in uns tragen, dass wir mit Buddha und allen Geschöpfen auf das Innigste verbunden sind, dass wir ursprünglich frei sind, unbefleckt von Hass, Gier und Angst, daran erinnert uns das Tausend Hände-Sutra.
ÜBER DIE ZEN-MEISTERIN DAEHAENG
Die 1927 in Seoul geborene Daehaeng Kunsunim gehört zu den bedeutendsten buddhistischen Meistern Koreas. Schon in sehr jungen Jahren sah sie sich mit grundlegenden Fragen der menschlichen Existenz konfrontiert: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Woher kommt das Leiden?
Um Antworten auf diese Fragen zu finden, praktizierte sie mehr als zehn Jahre als Einsiedlerin in den Bergen. In diesen Jahren der Wanderschaft und inneren Einkehr erkannte sie, dass alles Leiden durch Unwissenheit geschaffen wird. Weil sich die Menschen ihrer Verwurzelung in der Einheit nicht bewusst sind, leben sie, als wären sie von allem getrennt. Weil sie den endlosen Strom der Wirklichkeit nicht wahrnehmen, versuchen sie festzuhalten, was ständiger Veränderung unterworfen ist. Und weil sie keinen Zugang zur schöpferischen Kraft ihres Ursprungs finden, vermögen sie sich nicht von all dem Leiden zu befreien, das sie selbst verursachen.
Deshalb betont Zen-Meisterin Daehaeng, wie wichtig es ist, dem eigenen ursprünglichen Sein zu vertrauen. Der Glaube an die universelle, schöpferische Kraft in uns, ist ein mächtiger Schlüssel, mit dessen Hilfe wir uns aus dem Gefängnis der Unwissenheit befreien können. Daehaeng Kunsunim ermutigt, vertrauensvoll alles dieser Kraft zu überlassen und so zu erkennen, dass nichts getrennt von uns existiert. Diese Art des Praktizierens knüpft eine feste Verbindung zum Ursprung. Sie erweckt die befreiende Kraft des Herzens und transformiert die Leiden und Schwierigkeiten des Lebens in kostbare Erfahrungen auf dem Weg zur Erkenntnis unserer wahren Natur. Zu diesem Zweck hat Daehaeng Kunsunim das Tausend Hände-Sutra in moderne Sprache übertragen. Es zeigt, wer wir wirklich sind und was einem jeden von uns zusteht: unser Leben aus der eigenen Mitte heraus zu führen, ohne Angst und mit offenem Herzen.
Dem Tausend Hände-Sutra der Meisterin
von Ko Un
Oho! Tausend Hände tanzen. Barmherzige Hände tanzen. Siehe!
Der Tanz des Mitgefühls von Daehaeng wie Flügel schwingend voller Glanz.
Wer ist ein Bodhisattva? Was ist ein Bodhisattva? Gibt es einen Bodhisattva ohne all die Wesen vor ihm? Tausendmal nein!
Seinen Leib ganz hingebend
ruft grenzenloses Mitgefühl
ein Bodhisattva
für alle Wesen herbei.
Siehe!
Tausend Ströme fließen und fließen durch die ganze Welt. Tausend Monde erglänzen in allen Strömen blau.
Daehaeng gewidmet
Und weiter: Alle Wesen,
den Tausend Leiden und Schmerzen lange nicht entronnen; ihnen eilt
voll Wehmut, voll Trauer
das Mitgefühl der Tausend Bodhisattvas zu.
Hände reichen aus weiter Ferne
tausendfaches Mitgefühl.
Nicht allein zwei Augen,
befleckt vom Karma der Gier,
Tausend Augen, überfließend
von den zehntausend Erscheinungen des Mitgefühls.
Nicht allein zwei Hände,
Tausend Hände
tanzend wie der Flügel sanfter Schwung.
Und mehr noch:
In jeder der Tausend Hände
strahlt das Auge der Reinheit,
in höchstem Glanz!