Endlich ist sie da: Die 10. Staffel der deutschen Familienserie "Um Himmels Willen"! Fritz Wepper als moralisch-ethisch flexibler Bürgermeister Wolfgang Wöller und Janina Hartwig als willensstarke, am Gemeinwohl interessierte Schwester Hanna lockten im Frühjahr 2011 immerhin 7,07 Mio. Menschen vor die Mattscheibe. Das ist ein beachtlicher Marktanteil von 22,0 %. Damit schlägt diese Serie sogar Formate wie "CSI" und "Alarm für Cobra 11".
Die Bewohner der fiktiven Gemeinde Kaltenthal in Niederbayern, das Kloster und all die vertrauten Gesichter sind längst zu guten, alten Freunden geworden. Dank der DVD-Box hat man nun die Möglichkeit, die zwischen dem 15.2.2011 und 24.5.2011 ausgestrahlten Lieblingsfolgen der 10. Staffel sowie das 90-minütige Weihnachtsspecial "Unter Palmen" (2010) immer wieder anzusehen.
Nicht viele Serien überstehen den Wechsel einer Hauptfigur: Als Schwester Lotte Albers (Jutta Speidel) am Ende der fünften Staffel beschließt, Kaltenthal zu verlassen und nach Nigeria zurückzugehen, kam die Befürchtung auf, dass die Serie damit vor dem Aus stehen könnte. Denn sie lebte bis dahin vor allem von der einzigartigen Chemie zwischen Bürgermeister Wöller und Schwester Lotte, die sich in amüsanten Wortgefechten unablässig kabbelten. Ihr Aufeinanderprallen erinnerte immer ein wenig an Don Camillo und Peppone: Legendär sind die kultigen Filme um den kommunistischen Bürgermeister und den katholischen Priester, die sich in Boscaccio in der Poebene in Norditalien schlagkräftige Auseinandersetzungen lieferten.
Doch Janina Hartwig sorgt für frischen Wind: Mit Schwester Hanna kommt eine mindestens ebenso tatkräftige, gewiefte Nonne in das Kloster, und der Schlagabtausch zwischen Wöller und ihr geht spritzig weiter.
Auch in dieser Staffel finden sich die üblichen Auseinandersetzungen - im Zentrum der Klosterwald - und in den Nebenhandlungen typische Alltagsprobleme und Familienkonflikte: Ein schwangeres, 17-jähriges Mädchen möchte gegen den Willen ihres Vaters heiraten. Ein Elternpaar macht sich Sorgen über die Nachwuchs-Förderung im Kindergarten. Es geht um die Unterstützung hilfsbedürftiger Seniorinnen und Senioren, Nonnen und Bischöfe mit "Vergangenheit", um das Leben mit Autismus, Casting-Shows, Armut und Obdachlosigkeit, Mobbing und den Betrug mit Kaffeefahrten.
Aufsehen erregte die Episode "Romeo und Romeo", die vom italienischen Fernsehsender RAI Uno nicht ausgestrahlt wurde. Begründung: In einem Handlungsstrang geht es um die Hochzeit eines schwulen Paares. Anna Paola Concia aus der oppositionellen Demokratischen Partei war entsetzt. Im italienischen Parlament ist sie die einzige Frau, die offen lesbisch lebt. Die Entscheidung des Fernsehsenders kritisierte sie zurecht als "Zensur der Wirklichkeit". Dabei dürfte es selbst dem konservativsten Element schwerfallen, in dieser zahmen, enttäuschend belanglosen Folge etwas Anstößiges zu entdecken. Am Ende der Zeremonie war es Hanna, die den Kuss bekam. Auf die Wange, versteht sich.
Die Themen sind oft prinzipiell aktuell, der Inhalt der Episoden mehrgleisig angelegt, abwechslungsreich und witzig. Umsetzung und Auflösung bleiben aber stets auf humorigem, familientauglichem, bestenfalls mäßig realistischem Niveau.
Die Serie lebt von ihren liebevoll gezeichneten Charakteren und ihren überzeugenden Darstellern, allen voran natürlich Schwester Hanna Jakobi und der umtriebige Oberbürgermeister Wolfgang Wöller. Dann gibt es noch Bischof Rossbauer, den man im Wesentlichen beim Keksekauen und diesmal als Beinahe-Opfer einer Intrige erlebt; die etwas naive Schwester Agnes, die sich mit Kräutern und Tinkturen auskennt und sich um das leibliche Wohl hinter den Klostermauern kümmert; die etwas hysterische Schwester Felicitas, die sich in einer medizinischen Beratungsstelle engagiert und der Versuchung der legalen Drogen oft nicht widerstehen kann. Polizist Meier, meistens mit Söhnchen unterwegs, darf ebenso wenig fehlen wie die schriftstellernde Schwester Hildegard oder die strenge Mutter Oberin: Elisabeth Reuter (Rosel Zech) hält normalerweise die Zügel fest in der Hand. Doch in dieser Staffel sucht sie Erholung in Kaltenthal und erlebt, wie bereichernd, aber auch anstrengend ein Haustier sein kann. Berüchtigt ist die resolute Oberschwester - von Wöller bisweilen als "schwarze Mamba" tituliert - auch wegen ihrer zweifelhaften Fahrkünste, die sie mehr als einmal in Schwierigkeiten bringen. Selbst wenn es ihr nicht wirklich gelingt, Schwester Lotte, später Schwester Hanna in die Schranken zu weisen; das Wohl des Ordens geht ihr über alles. Leider ist Rosel Zech am 31. August 2011 an Krebs verstorben. Hier hat man noch einmal Gelegenheit, sie in einer ihrer letzten Rollen zu erleben.
Durchaus unterhaltsam ist auch das Weihnachtsspecial, das als Bonus auf einer Extra-DVD dabei ist: Bürgermeister Wöller will dem Rummel entgehen und begibt sich kurzerhand auf ein Kreuzfahrtschiff. "Unter Palmen" will der Kaltenthaler Scrooge die Feiertage verbringen. Doch wenn er auf eine erholsame, ereignisarme Zeit spekuliert hatte, hat er sich getäuscht, denn Schwester Hanna verfolgt ihn nicht nur bis in seine Alpträume. Sie folgt ihm auch ans Mittelmeer...
Natürlich fehlen feste Bestandteile bzw. Running Gags nicht: Wöller parkt vor dem Rathaus und telefoniert mit seiner Sekretärin Frau Laban, während er bereits auf dem Weg nach oben ist. Die Rostlaube der Schwestern muss mal wieder flottgemacht werden. Es wird erpresst, gemauschelt und geschwindelt, dass sich die Balken biegen. Denn in Kaltenthal heiligt schließlich der Zweck die Mittel. Jede Episode endet damit, dass sich die Kontrahenten Wolfgang Wöller und Schwester Hanna gegenüber stehen, bevor das Bild einfriert, die Musik anstimmt und der Abspann einsetzt. Es ist außerdem eine Art Serientradition, die Staffel mit einer Wohltätigkeitsgala und einem witzigen Auftritt Wöllers abzuschließen.
Manchmal ist es einfach schön, in eine heile Welt abzutauchen, bevor man sich wieder der Realität zuwendet. Diese Serie vermittelt Nestwärme. Natürlich könnte man kritisieren, dass traditionelle Rollenbilder beibehalten werden, dass die Figuren mitunter sehr eindimensional geraten sind, dass echte Überraschungen ausbleiben, dass die Kirche idealisiert wird, dass am Ende das Gute siegt, dass Probleme stets gelöst werden, dass die Serie immer einem Muster folgt. Man könnte alles Mögliche in Frage stellen, kritisieren, anprangern. Nicht zuletzt die Realitätsferne. Schlimm? Nein. Man kann genießen, lachen, abtauchen und trotzdem kritisch sein. Eben alles zu seiner Zeit. Und ein Serienende ist - zum Glück - nicht abzusehen: 2012 läuft die 11. Staffel an. Man sieht sich also bald wieder in Kaltenthal!