Joyce "Ulysses", ein von der Fachkritik hochgelobtes Werk, verdächtig nur, daß es kaum Äußerungen von Lesern gibt. Dies könnte zwei Gründe haben: Positives ist nicht zu vermelden oder kaum jemand hat das Buch (zu Ende) gelesen.
Ich habe den 100. Bloomsday zum Anlaß genommen, das seit Jahren in meinem Bücherregal schon leicht angestaubte voluminöse Werk mit dem Vorsatz hervorzu-holen, mich trotz der abschreckenden Informationen über die Machart und den Inhalt, in einer Art Lesemasochismus bis zur letzten Seite durchzukämpfen. Dabei hoffte ich im Stillen, vielleicht doch irgendwann auf den bevorstehenden 1000 Seiten auf den Geschmack zu kommen. Doch was soll ich sagen. Beide haben recht, die professionellen Literaturkritiker bzw. -päpste und die (wohl wenigen) Leser als Adressaten der Publikation.
Es stimmt alles, was über das Buch von ersteren gesagt und geschrieben wurde. Die Parallelstruktur mit der Odysee, die sprachlichen Eigenheiten der einzelnen Kapitel, die tausend Anspielungen auf fast alle Werke der Weltliteratur, die unglaubliche Phantasieleistung über Alles und Nichts sich seitenlang zu ergehen, das Groteske und Unverständliche, kurz die Aussage des Schriftstellers Arnold Bennett: "Ich habe nichts gelesen, das es übertrifft und bezweifle, je wieder etwas zu lesen, das ihm gleichkäme." Ich kann nur sagen "Gott sei Dank".
Wie gesagt, alle Lobpreisungen über das Buch treffen mehr oder weniger zu, aber ein nicht unwesentliches Kriterium wird nie genannt: das Buch zu lesen verlangt eine Höchstleistung an Selbstquälerei, da es sich um eines bzw. das Stinklangweiligste der Weltliteratur handeln dürfte. Die Selbsteinschätzung von Joyce, er habe "eine spaßhafte, geschwätzige allumfassende Chronik mit vielfältigsten Material" vorgelegt, trifft zu, wenn man das Adjektiv "spaßhaft" durch "langweilige" oder "quälende" er-setzt. Alle kommerziell motivierten Rezensionen, in denen die Begriffe "Leseaben-teuer", "Vergnügen" oder "Offenbarung" vorkommen, sind sträfliche Versuche mit einem unverdaulichem Produkt wenig gefestigte Leser endgültig in die Arme der seichten Unterhaltungsindustrie zu treiben. Nichts von alledem trifft zu. Bleibt zu hoffen, daß die Schadensbilanz des 100. Bloomsday begrenzt bleibt.
Wer sich als unerschütterlicher Literaturfreund oder zur Buße für ein Kapitalverbrechen trotzdem auf den 18 Stationen umfassenden Kreuzweg begeben möchte, der sorge für einen ca. drei Monaten reichenden Vorrat von Alkoholika bzw. Euphorika um über 1000 Seiten phantastischen und grotesken geistigen Dünnpfiff einigermaßen unbeschadet zu überstehen.