Ein gern bemühtes Klischee ist, das der Musiker, der richtig leidet, die besten Songs hervorbringt. Sicher möchte man keinem die Drogenhölle wünschen, durch die Dave Gahan offenbar gegangen ist, aber wenn so ein Album dabei herauskommt wie "Ultra", dann ist doch ein wenig für etwas gut.
Depeche Mode, die, ähnlich wie Talk Talk immer genug Brüche im Schniegel-Popper-Image hatten um interessant zu bleiben, haben sich tatsächlich von Album zu Album gesteigert. Nach den ersten Meisterwerken "Black Celebration" und "Music for the masses" haben sie in den Neunzigern zum nächsten großen Schlag ausgeholt - als es viele andere Achtzigerbands längst nicht mehr gab.
"Ultra" ist der große Triumph der Neunziger. Düster, elektronisch, von fast religiöser Schwere und mit wunderbar schwelgerischen Melodien, fesselt das Album vom ersten Ton an. Viele der neuen Impulse sind Produzent Tim Simenon zu verdanken, der einen sound kreiiert hat, der irgendwo zwischen "Nine Inch Nails" und "tricky" balanciert.
Schon der Opener "Barrel of a Gun" fasziniert mit schwerem Beat und sägenden Gitarren; "Home" legt einen melancholischen Streicherteppich unter die flehenden Zeilen, "It's no good" ist ein treibender Popohrwurm. Aber auch ruhige Songs wie das beschwörende "Sister of night" tragen ihren Teil zur Atmosphäre bei.
Im Mittelpunkt aller Songs steht die Stimme von Dave Gahan, der mit fast religiöser Inbrunst jede Facette seines Leidensweges zu Gehör bringt, manchmal stark und aufbegehrend, manchmal gebrochen und schwach. Die Produktion nimmt den glatten synthetischen Ton früherer Alben zugunsten einer opulenten Breitwandproduktion zurück, die detailverliebten Soundsperenzien sind einem Wall-of-sound gewichen, der mit schweren Gitarren, massiven Drums und bratzigen Analogsynthies ganz auf große Gesten setzt und den boden bereitet für die mysthisch verschlüsselten Texte.
Dies ist sicher eines der vielschichtigsten Werke einer großen Band. Wie so oft durchbrechen sie gewohnte Hörmuster, erfinden sich neu, und erweitern den Horizont des Hörers - das schönste Kompliment, was man einer Platte machen kann.