Jutta Ditfurths Annäherung an Ulrike Meinhof ist verblüffend!
Sie beschreibt das Leben der einstigen Staatsfeindin Nummer eins auf sehr differenzierte und wohltuend unaufgeregte Weise. Bereits im vergangenen Jahr jährte sich Ulrike Meinhofs Freitod zum dreißigsten Mal. In diesem Jahr erinnern sich viele Zeitgenossen an die finalen Ereignisse der ersten Generation der RAF, den sogenannten "Deutschen Herbst" 1977.
Ulrike Meinhof war eine ihrer Vordenkerinnen, gab gar der ersten Generation ihren Namen, die sich als Baader-Meinhof-Bande als verlängerter, illegaler Arm der APO verstand, jedoch in Wahrheit sehr schnell durch verabscheuungswürdige Terroraktionen ins politische Abseits geriet.
Wer war diese Frau, die als politische Kolumnistin bereits eine beachtliche Karriere hinter sich hatte und gerade dabei war, auch als Dokumentarfilmerin Fuß zu fassen?
Diesen Fragen geht Jutta Ditfurth, die in ihrem Buch durchaus eine Position der Achtung vor Ulrike Meinhof erkennen lässt, nach.
Sie klagt nicht an, stellt aber die historischen Tatsachen ausgewogen dar. So ist eine sehr lesenswerte Biographie entstanden, die weder dem Mythos der "guten Terroristin" Vorschub leistet, noch einer Anklage gleicht. Das hätte man sicher bei Jutta Ditfurth auch nicht erwartet, eher das Gegenteil. Das sie auch das nicht bedient, ist vielleicht das größte Verdienst dieses Buches.
Ulrike Meinhof, Jahrgang 1934, wuchs in einem intellektuellen, evangelischen Millieu heran, das jedoch stärker braun eingefärbt war, als bisher vermutet und dargestellt. Nach dem Tod des Vaters begann Ulrikes Mutter noch ein Studium und verliebte sich in eine junge Studentin, die nach dem ebenfalls frühen Tod der Mutter das Sorgerecht für Ulrike und ihre ältere Schwester bekam. Schon in ihrer Jugend war Ulrike ein widerständiger Geist. Hochintelligent und sehr fleißig, von ihrer sehr karrierebewussten Pflegemutter unterstützt, begann sie, sich politisch zu engagieren.
Während ihres Studiums übernahm sie bereits Verantwortung, war führend in der studentischen Anti-Atom-Bewegung und geriet so in den Dunstkreis Klaus-Rainer Röhls, dem damaligen Herausgeber von "Konkret".
Als KPD-Mitglied begann dort dann ihre journalistische Karriere.
Nach der Heirat mit Röhl und der Geburt ihrer Zwillingstöchter begann Ulrike sich zunehmend unwohl zu fühlen: Sie war ein Teil der Hamburger Kultur-Schickeria, fühlte sich jedoch dem sich langsam entwickelnden linken Studenten-Protest weitaus mehr verbunden.
So ließ sie sich scheiden, zog nach Berlin und schloss sich dem Kreis um Rudi Dutschke an.
Ihre Arbeit, die sie - nach dem sie feststellen musste, dass der Widerstand nach 1968 schnell bröckelte - zunehmend radikalisierte, brachte sie schließlich in die Nähe Baaders und Ensslins, den beiden "Köpfen" der späteren RAF.
Der Rest ist oft erzählt worden: Ulrike Meinhof hatte es zunehmend schwerer mit den anderen Mitgliedern der Gruppe, wurde schließlich 1972 gefasst und sah sich im Gefängnis schrecklicher Anfeindungen ihrer Mitstreiter ausgesetzt.
So war Ulrike Meinhof schließlich tatsächlich von Feinden umgeben und sah schließlich keinen Ausweg mehr.
Wie auch immer man zu Ulrike Meinhof stehen mag: Sie war eine hochpolitische Frau, die lange Zeit eine klare und durchaus nachvollziehbare Werte-Linie in ihrem Leben verfolgte. Das sie nie den Weg des geringsten Widerstands ging, darf man sicherlich sagen.
Das sie jedoch schließlich einen Weg einschlug, der viele Menschen ins Unglück stürzte und absolut nicht gebilligt werden kann, verschweigt diese Biographie keineswegs.
Darum: Absolut lesenswert!