5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Fortsetzung des bäuerlich geprägten Bildungsromans, 11. November 2001
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Uli der Pächter. (Taschenbuch)
Jeremias Gotthelf, Uli der Pächter (1849)
Die Handlung des Romans knüpft nahtlos an „Uli der Knecht" an. Uli, der ehemals tüchtige Meisterknecht, ist nun Pächter eines grösseren Hofes und Familienvater geworden. Noch einmal wird Uli aber vielen harten Prüfungen unterzogen und nur mit der Hilfe seiner Frau Vreneli gelingt es ihm, am Ende auf den guten Weg zurückzufinden.
Auch in diesem Roman schildert Gotthelf das Leben der Berner Bauern im 19. Jahrhundert. Im Gegensatz zu anderen Autoren greift Gotthelf nicht auf Klischees zurück, sondern beschreibt sehr realitätsnah die wirtschaftliche und soziale Lage des Bauernstandes. Weil Gotthelf aus seiner langjährigen Tätigkeit als Vikar und Pfarrer im Emmental die dortigen Menschen und Gegebenheiten ganz genau kennt, wirken seine Beschreibungen denn auch sehr glaubhaft. Ebenfalls für das Biedermeier typisch ist der Humor, den Gotthelf immer wieder in den Roman einbringt.
Ein erstes Ziel seines Werkes ist die Belehrung des Bauernstandes. Gotthelf kommentiert stets die Handlungen und verstärkt somit den pädagogischen Anspruch, der das Werk geltend macht. Im Vergleich zum ersten Band fällt uns vor allem die viel härtere Verurteilung der irreligiösen Welt auf, denn das religiöse Element ist in den vielen Anmerkungen Gotthelfs sehr stark vertreten.
Zur Zeit der Industrialisierung wehrt sich Gotthelf gegen das zu sehr auf Materialismus ausgerichtete Denken, welches die christlichen und moralischen Werte zu wenig mit einbezieht. Er weist auf die Gefahren hin, die der Glaube an den Fortschritt mit sich bringt. Am Beispiel Ulis sieht der Leser, wohin Geld- und Gewinnsucht führen können und wie sie das ganze Handeln eines Menschen beeinflussen. Der Rentabilität wegen ersetzt Uli beispielsweise gute, aber teure Knechte durch billigere. Aus einer gesunden Sparsamkeit heraus entwickelt er einen grossen Geiz. Obwohl Uli, aus der untersten Gesellschaftsschicht stammend, schon sehr viel erreicht hat, strebt er immer noch nach mehr. Gotthelf kommentiert dieses Verhalten sehr kritisch.
Im Gegensatz dazu verkörpert Vreneli seit Beginn der Geschichte das Gute und versucht immer wieder, ihren Mann auf den Pfad der Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit zurückzuführen. Tüchtigkeit, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Güte zeichnen diese glanzvolle Frauengestalt und Romanheldin aus. Selbst vor dem Prozess, den Uli wegen eines Kuhhandels gegen einen armen Bauer anstrengt und der ihn auf dem Tiefpunkt seines moralischen Verhaltens zeigt, versucht sie noch positiv auf ihren Mann einzuwirken und verliert den Glauben an ihn nie.
Erst nach dem Prozessgewinn und der anschliessenden Bestrafung Ulis durch ein Gewitter und eine schwere Krankheit wird auch ihm wieder bewusst, dass man das Leben in Einklang mit Gott gestalten soll. In Uli hat das Gute über das drohende Böse obsiegt.
Gotthelf zeigt an diesem Höhepunkt des Romans, dass Gott immer ins Leben eingreifen kann - auch in einer scheinbar fortschrittlichen Welt.
Viele weitere Charaktere haben einen Einfluss auf den Roman. Das Handeln und Denken Vrenelis wird durch seine Base beeinflusst, welche die Funktion der fehlenden Mutter übernimmt und Vreneli unterstützt. Die Base ihrerseits kommt gegen ihren schwachen und misstrauischen Gatten Joggeli nicht an. Mit dieser Figur bringt Gotthelf ein Kontrastelement in das Werk ein, von dem sich Uli eine Weile sehr blenden lässt. Mit Hagelhans hingegen, der am Schluss des Romans entscheidend in die Handlung eingreift, hat Gotthelf eine imposante Figur geschaffen. Hagelhans lebt einsam und zurückgezogen und wird von Gotthelf stets als geheimnisvoll beschrieben. Man kann ihn weder als gut noch als böse bezeichnen, und trotz seiner Ungläubigkeit wirkt er sehr weise, oftmals aber auch beängstigend.
Obwohl sich die Handlung auf sehr begrenztem Raum und immer im selben Milieu abspielt, hat Gotthelf diesen Roman nicht nur für die ländliche Bevölkerung geschrieben, denn Uli soll Symbol für das ganze Menschentum sein. Vor allem durch Ulis Vergalten möchte Gotthelf seine Ängste äussern, die er der Industrialisierung entgegenbringt. Er stellt sich zwar nicht grundsätzlich gegen die Fortschritte in Technik und Wirtschaft, will aber ihretwegen die Religion nicht aufgeben. Seine grösste Sorge gilt dem Erhalt der Menschlichkeit und der moralischen Werte. Die Kinder und Schwiegerkinder Joggelis, alle nicht als Bauern tätig, stehen sinnbildlich für die Gefahren, die in der irreligiösen Welt lauern. Sehr viel Spott giesst Gotthelf vor allem über die Eitelkeit und Unbescheidenheit der beiden mit Joggeli verwandten Frauen aus.
Einen negativen Charakter hat Gotthelf wie im ersten Band einem Wirt verliehen. Der Autor macht durch ihn auf seine allgemeine Ablehnung der „Hudelei" in den Wirtschaften und des Alkohols aufmerksam.
Der Roman kann ebenfalls als Reaktion auf die politische Veränderung in der Schweiz gesehen werden. Obwohl Gotthelf den Sonderbundskrieg mit keinem Wort erwähnt, hat dieser auf die Entstehung des Werkes doch einen Einfluss. Gotthelf, selbst aus einer Politikerfamilie stammend und vor Beginn seiner schriftstellerischen Tätigkeit auch politisch aktiv, wehrt sich gegen die zunehmenden Zentralisierungsabsichten und gegen die damit verbundene kantonale und eidgenössische Jurisprudenz und übermässige Macht der Richter. Er macht sich für die Hauptpfeiler der Gemeinschaft - Haus, Schule, Kirche und Gemeinde - stark. Diesen traditionellen Werten fühlt sich der Autor sehr verpflichtet. Für Gotthelf ist zum Beispiel auch klar, dass die Erziehung der Kinder alleinige Aufgabe der Mutter sein sollte.
In „Uli der Pächter" fehlen fast gänzlich die sonst für Gotthelf üblichen Mundartpassagen. Der Autor wurde von seinem Berliner Verleger gebeten, aus Rücksicht auf die zahlreiche deutsche Leserschaft in reinerem Schriftdeutsch zu schreiben. Das Werk ist deshalb zweifellos besser verständlich, doch ist der für Gotthelf typische Schreibstil leider verloren gegangen.
Auch wenn es schwierig ist, die damaligen Verhältnisse auf die heutige Zeit zu übertragen, ist der Roman durchaus auch heute noch lesenswert, gerade eben wegen der realistischen Beschreibungen des Bauernlebens um 1850. Gotthelfs Kommentare dagegen wirken oft schon ein wenig zu sehr belehrend, sind aber für das Verständnis des Romans unerlässlich. Überhaupt sollte man - trotz der einfachen Handlung - für die Lektüre genügend Zeit einplanen, um die Botschaften und Lehren Gotthelfs richtig deuten zu können.
Patrick Casanova & Christian Meng,
Bündner Kantonsschule, Chur
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5.0 von 5 Sternen
Teil 2 der Uli-Saga, 24. November 2006
Rezension bezieht sich auf: Uli der Pächter. (Taschenbuch)
"Uli der Pächter", die Fortsetzung von "Uli der Knecht", ist ein bäuerlicher Bildungs- und Läuterungsroman. Uli hat die Lehren aus seiner Knechtzeit vergessen und wird als Pächter zu einem misstrauischen Geizhals, der nicht davor zurückschreckt, einen armen Bauern zu betrügen und zu ruinieren. Durch seine Habsucht setzt er nicht nur seinen Hof, sondern auch die Ehe mit dem treuen und rechtschaffenen Vreneli aufs Spiel. Erst eine offenbar von Gott gesandte Strafe lässt ihn seine Fehler erkennen. Es gelingt ihm, sich zu läutern und seinen Hof vor dem finanziellen Ruin zu retten, wobei ihm der geheimnisvolle Hagelhans zu Hilfe kommt. Der zweite Teil von Jeremias Gotthelfs Doppelroman ist stark von religiösem Symbolismus und teilweise ausufernden Belehrungen des Autors geprägt. Trotzdem ist "Uli der Pächter" ein auch heute noch lesenswertes Werk, das ebenso wie der erste Teil durch die psychologische Zeichnung der Figuren und die kenntnisreiche Schilderung bäuerlichen Lebens überzeugt. Alles in allem ist es aber weniger unterhaltsam und witzig als sein Vorläufer, wozu auch die bildungsbürgerliche, stärker vom Hochdeutschen beeinflusste Sprache beiträgt.
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