Es gibt sie noch, die grossen Unbekannten in Europa, in denen das Reisen auf eigene Faust ein gewisses Mass an Abenteuer und Anstrengung bedeutet. Und es gibt sie noch, die Länder, die deutlich mehr Touristen verdient haben - die Ukraine gehört definitiv dazu. Das vorliegende Reisehandbuch füllt daher eine lange vorhandene Lücke auf dem Markt. Dass es in grossen Teilen aus dem Polnischen übersetzt wurde, ist keine besondere Ûberraschung, stellen doch Polen den Grossteil der immer noch sehr wenigen ausländischen Touristen in der westlichen Ukraine. Die praktischen Hinweise sind solide recherchiert und für Individualreisende äusserst hilfreich, auch die landeskundlichen Informationen sind gut präsentiert. Darüber hinaus enthält das Handbuch Vorschläge für Touren durch die ländliche Provinz und Wanderungen durch die Ostkarpaten. Lediglich bei den Stadtplänen hat sich so mancher Fehler eingeschlichen; hier hilft dann der sonst weniger zu empfehlende Führer von Lonely Planet weiter. Während gelungene Textboxen zu Joseph Roth, Bruno Schulz und Paul Celan vorhanden sind, wären Hinweise auf andere in der Region geborene Geistesgrössen wie Rose Ausländer, Josef Burg oder Stanislaw Lem sicherlich ein Gewinn im Falle einer Neuauflage.
Wer hat im Westen der Ukraine nicht alles Spuren hinterlassen: Polen, Õsterreicher, Armenier, Juden, Rumänen, Deutsche, Russen - keine Frage, einige Städte der Westukraine zählen zu den farbigsten Seiten im europäischen Geschichtsbuch! Während viele der historischen Zeugnisse auf dem Silbertablett serviert werden, wie z.B. Lembergs prächtige Oper, muss man nach anderen Spuren etwas suchen. Die einstige Hauptsynagoge von Czernowitz beispielsweise beherbergt heute ein Kino. Gerade bei diesen eher verborgenen Schätzen leistet der Reiseführer gute Arbeit; von den 40 Seiten über Lemberg ist keine einzige überflüssig - alles wird beleuchtet!
Zwei nicht zu unterschätzende Hindernisse sollten allerdings beim Reisen in der Ukraine beachtet werden: Da ist zunächst die reichlich marode Infrastruktur. Auf den Provinzstrassen finden sich nach wie vor Schlaglöcher, die ganze Autoreifen verschlucken können; die Kleinbusse sind alt und oft überfüllt; und die Eisenbahn ist nur eine begrenzt taugliche Alternative - für die gut 600 Kilometer aus der Bukowina nach Kiew war mein Zug geschlagene 17 Stunden unterwegs. Und da ist die Sache mit der Sprache. Wer nicht mit sprachkundiger Begleitung reist, sollte ein Mindestmass an Ukrainisch- oder Russischkenntnissen mitbringen. Auf Grundkenntnisse des Englischen oder Deutschen wird man selbst in Hotels oder Museen kaum treffen, und meine drei Semester Russisch, auch noch reichlich nebenbei betrieben, waren definitiv am unteren Ende des Erforderlichen. Zudem lebt auch noch ein ordentliches Mass an Sowjetmentalität weiter. Ein besonderes Schauspiel in dieser Hinsicht lässt sich, wer weiss wie lange noch, im Museum für Landeskunde der Bukowina in Czernowitz erleben. Neun Räume hat das Museum, bewacht von neun zumeist Hornbrille tragenden, streng blickenden Wärterinnen. Wechselt man nun von einem Ausstellungsraum in den nächsten, so wird zuerst hinter einem mit ernster Miene das Licht ausgeschaltet, bevor man unter Aufsicht behornbrillter Strenge die Türschwelle überschreitet, wo dann in einem weiteren Raum mit ebenso ernsthaftem Gesichtsausdruck das Licht angeschaltet wird. Den Mut von der vorgegebenen Route abzuweichen oder noch einmal in einen der bereits betrachteten Räume zurückzugehen, den hatte ich nun wirklich nicht! Und wenn das die Westukraine ist, so fragte ich mich, wie muss dann erst die Ostukraine sein?
Ûberwindet man allerdings die Sprachbarrieren, so trifft man auf freundliche, aufgeschlossene und hilfsbereite Menschen. Gerade das macht das Reisen mit Bus und Eisenbahn besonders reizvoll. Sollte die Fussball-Europameisterschaft wie geplant im Jahr 2012 auch in der Ukraine stattfinden, wird sich sicherlich bereits vieles verändert haben. Bis dahin sind der Ukraine mehr Besucher und diesem Reisehandbuch viele zufriedene Benutzer zu wünschen.