Wenn man hier in Deutschland von der Ukraine denkt, fällt den meisten Menschen Tschernobyl ein. Sonst nichts. Oder nicht viel mehr. Das ist schade, denn das zweitgrößte Land Europas hat eine Menge zu bieten. Verschiedenste Landschaften, Sprachen und Volksstämme. Bittere Armut und grotesken Reichtum (sehr weniger).
Der Fotograf, Reiner Riedler, wusste auch nicht viel über dieses Land, bevor er für die Caritas eine Auftragsarbeit ausführte: Eine Dokumentation der Caritas-Arbeit in der ganzen Ukraine. Quer durchs Land ist er gereist und hat alltägliche und magische Momente eingefangen, die er in diesem wunderbaren Bildband zeigt.
Die Bilder sind thematisch gegliedert:
1. Unterwegs (hier sind z.B. Straßenszenen zu sehen, die einen lebendigen Eindruck vom Alltag vermitteln)
2. Reise ins Innere (Alltagsmomente aus Ismail, Iwano-Frankiwsk, Charkiw, Ternopil, Odessa, Zuckerrübenernte bei Burtschatsch, Krim, Kolomija, ein Hochzeitsmusikant mit verbundenen Augen in Lugansk)
3. Unter Tag (Bergarbeiteralltag)
4. Zusammenleben (Wohnzimmer einer Familie, Nachbarinnen unter sich, schlafende Betrunkene, ein Kind bei den Hausaufgaben)
5. Im Altersheim (Porträtaufnahmen von Heimbewohnern, Leninbüste, Küchenpersonal)
6. Kinder (weggelegte Kinder, Waisenhausszenen, ein HIV-infiziertes Baby, Straßenkinder)
7. In der psychiatrischen Klinik von Iwano-Frankiwks (Heimbewohner)
8. Fun-Generation (u.a. Partyszenen, Hochzeitspaar in Odessa)
9. Die Kirche (Religiöse Versammlung vor der Sophien-Kathedrale in Kiew, Odessa, Priesterweihe in Worochta, in den Gängen des Höhlenklosters von Kiew usw.)
10. Auf der Krim (Urlauber und Soldaten)
11. In den Karpaten (Landschaften, Pelzjäger, Huzulen, ein Zigeunerbaron, Unterricht in der Volksschule von Mikulitschin u.v.m.)
Martin Pollack hat ein aussagekräftiges Vorwort verfasst - "Ukrainische Reminiszenzen" - in dem er von der ganzen Bandbreite des Lebens in der Ukraine erzählt. Von alltäglichen Besonderheiten, von großer Armut und von der Freundlichkeit und überbordenden Lebensfreude vieler Ukrainer. Wenn sie Feste feiern, dann richtig. Wenn man sie nach dem Weg fragt, tischen sie einem gleich ein vollwertiges Mahl auf. Man erfährt etwas über die Geschichte des Landes, über die Entwicklung, die Vielfalt an verschiedenen Menschen, die in diesem Land leben und über den Wandel der Lebensbedingungen in einer Zeit des Übergangs. Noch ist er nicht ganz vollzogen - die Menschen müssen mehrere Monate auf ihre Rente warten (im Kommunismus undenkbar!). Und doch sind die jungen Menschen voller Hoffnung, dass die Demokratisierung der richtige Weg gewesen ist. Trotzdem treten die Spuren der Vergangenheit noch an vielen Stellen offen zutage etwa als Lenin-Büste im Gesellschaftszimmer im Altersheim von Lugansk.
Fazit: Ein Bildband voller Leben und berührender Aufnahmen. Ein Buch, das einen ersten Eindruck von einem Land vermittelt, das gar nicht so weit weg ist - mitten in Europa. Leider ist das Buch derzeit restlos vergriffen und man muss auf Büchereien zurückgreifen, um dran zu kommen. Eine Neuauflage wäre wirklich wünschenswert!